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Deportiert vom Schwarzen Meer nach Kasachstan

Tatjana Jurk vom Freitaler Integrationsverein „Das Zusammenleben“ hat ihre Familiengeschichte spät erfahren. Zum Tag der offenen Tür zeigt sie Fotos.

Vereinsvorsitzende und Spätaussiedlerin Tatjana Jurk (re.) sortiert mit Nelli Gorgotz, ebenfalls Spätaussiedlerin, alte Familienfotos.
Vereinsvorsitzende und Spätaussiedlerin Tatjana Jurk (re.) sortiert mit Nelli Gorgotz, ebenfalls Spätaussiedlerin, alte Familienfotos. © Egbert Kamprath

Johann Schmalz, ihr Großvater mütterlicherseits, war zuletzt Fleischer im kasachischen Dorf Karakol. Von seiner Fleischerei und dem Leben im Donezk-Gebiet am Schwarzen Meer hat Tatjana Jurk erst so richtig in Deutschland erfahren. Die 60-jährige Chefin des Freitaler Vereins „Das Zusammenleben“ sagt: „Meine Eltern durften lange nichts über unsere Herkunft erzählen. Die Familie meiner Mutter war mit anderen Kolonisten aus Elsass-Lothringen nach Russland ausgewandert, vermutlich im 18. Jahrhundert. Von der Familie meines Vaters wissen wir kaum etwas. Auch sie waren Siedler aus dem deutschsprachigen Raum und lebten am Schwarzen Meer.“

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Tatjana Jurk, die vor 20 Jahren als Spätaussiedlerin nach Deutschland kam, zieht Schwarz-Weiß-Fotos aus einem Umschlag. Für ein Jahr werden sie auf einem Poster der Ausstellung „Ich wurde in einem deutschen Dorf geboren…“ zu sehen sein. Eröffnet wird sie zum Tag der offenen Tür des Vereines am 1. September. Anlass ist der 80. Jahrestag der Deportation der Russlanddeutschen innerhalb der Union der Sowjetrepubliken (UdSSR).

Auf diesem Familienfoto ist Tatjana Jurks Mutter Elvira mit deren Bruder Viktor zu sehen.
Auf diesem Familienfoto ist Tatjana Jurks Mutter Elvira mit deren Bruder Viktor zu sehen. © Repro: Egbert Kamprath

Nachdem Hitler am 22. Juni 1941 die Sowjetunion überfallen hatte, begann die Katastrophe: Ein Erlass des Obersten Sowjets der UdSSR vom 28. August 1941 befand die Russlanddeutschen der Kollaboration mit dem Angreifer für schuldig. Die gesamte Volksgruppe, ob in der Wolgarepublik, der Ukraine oder anderen Regionen, sollte nach Kasachstan oder Sibirien deportiert werden. „Meine Familie wurde nach Kasachstan zwangsumgesiedelt“, sagt Tatjana Jurk und schiebt nach: „Meine Großväter wurden bald zur Zwangsarbeit nach Sibirien verpflichtet – zur Trudarmee, der Arbeitsarmee. Mein Vater musste später sogar dahin, obwohl er das Mindestalter von 16 Jahren nicht hatte.“

Viele starben auf dem Transport, bei schweren Bauarbeiten oder dem Holzfällen und dem kargen Essen. „Mein Vater und meine Großväter kehrten nach Kasachstan zurück, waren aber weiter meldepflichtig und durften sich nur in einem Fünf-Kilometer-Radius bewegen.“ Sonst drohten 20 Jahre Haft. Erst nach dem Tode Stalins im Jahr 1956 wurden die Sonderregelungen aufgehoben. Doch ins russische Ursprungsgebiet durfte keiner zurück.

„Meine Mutter, die jetzt 84 ist, war in Karakol die einzige Hebamme. Eigentlich durften Russlanddeutsche bis 1956 weder Deutsch sprechen noch einen Beruf lernen oder studieren. Doch mein Großvater fand einen Weg.“ Tatjana Jurks Vater war persönlicher Chauffeur des Kolchosdirektors. Wenn der Chef des staatlichen Landwirtschaftsgroßbetriebes einen besseren Posten bekam, zog die Familie mit. „Mein Vater wollte, dass wir Kinder ein besseres Leben haben.“

Tatjana Jurk hat in Kasachstan ihr Diplom als Agraringenieurin abgelegt. Von 2004 bis 2005 absolvierte sie ein Fernstudium zur Referentin für Migranten an der TU Dresden. Sie initiierte den Verein „Das Zusammenleben“, auch den Dachverband „Sächsische Migrantenorganisationen“ initiierte sie mit. 50 Organisationen gehören ihm an, sie leitet ihn. Sitz ist Freital.

„Frau Jurk ist eine Pionierin“, sagt Nelli Gorgotz, die seit 2005 im Verein „Das Zusammenleben“ ehrenamtlich tätig ist. Die 34-Jährige hat in ihrer Bachelorarbeit in Betriebswirtschaftslehre den Integrationsprozess russlanddeutscher Migranten in Deutschland empirisch analysiert.

Das Foto zeigt Tatjana Jurk mit ihrer Schwester Ludmilla.
Das Foto zeigt Tatjana Jurk mit ihrer Schwester Ludmilla. © Repro: Egbert Kamprath

Gerade macht sie ihren Master an der Hochschule Harz in Wernigerode. Zum Tag der offenen Tür erklärt Nelli Gorgotz in einem Vortrag auch näher, wie Deutsche ins Russische Reich kamen. „Sie haben enorm zum Aufschwung beigetragen.“ Ihr Ziel sei es, dass die Geschichte der Russlanddeutschen Teil der Lehrpläne wird. „Als Referentin würde ich das gern den Schülern vermitteln.“ Nelli Gorgotz hat einen russischen Vater, die Vorfahren ihrer Mutter stammen aus Hessen.

Seit Tatjana Jurks Tochter geheiratet hat, gehört sogar ein Nobelpreisträger zu ihrem Familienkreis. Es ist der niederländisch-britische Wissenschaftler Sir Andrej Geim, der auch russlanddeutscher Herkunft ist. Er erhielt im Jahr 2010 mit Konstantin Novoselov den Nobelpreis für Physik.

  • Tag der offenen Tür am 1.9. Programm: 10 Uhr: Eröffnung; 10.45 Uhr: Vortrag „Das tragische Schicksal der Russlanddeutschen“ von Nelli Gorgotz; 12 Uhr: Verkostung russlanddeutscher Speisen, Vernissage der Ausstellung und Film zur Deportation; 16.30 Uhr Friedensgebet und Kranzniederlegung zum Weltfriedenstag auf dem Friedhof Freital-Deuben 17.30 Uhr: Generationendialog „Alte Geschichten neu erzählt“. Anmeldung erforderlich, Telefon: 0351/64824913.
  • Der Verein „Das Zusammenleben“ hat seinen Sitz in der Dresdner Straße 162 in Freital, im zweiten Obergeschoss. Der Tag der offenen Tür findet im Schumannclub im Erdgeschoss statt. Die Ausstellung ist dort weiterhin Montag bis Freitag von 8.30 Uhr bis 15 Uhr zu sehen. Weitere Informationen gibt es auf der Website des Vereins. Außerdem findet am 6.7. um 17 Uhr eine digitale Veranstaltung zur Deportation der Russlanddeuschen statt.

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