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Die Poesie des Vogelflugs

Steffen Petrenz trotzt dem Stillstand mit Fotografie. Finanziell hilft das dem Freitaler Künstler nur bedingt weiter.

Den Sperber fotografierte Steffen Petrenz von seinem Küchenfenster aus.
Den Sperber fotografierte Steffen Petrenz von seinem Küchenfenster aus. © Steffen Petrenz

Die Wunder der Natur beginnen selbst mitten in der Stadt Freital gleich vor der Haustür – oder vor dem Küchenfenster, wie bei Steffen Petrenz auf der Pestalozzistraße in Deuben. Beim Frühstück bekam der 58-Jährige neulich gefiederte Gesellschaft: Ein stolzes Sperberweibchen ließ sich keine acht Meter von ihm entfernt auf einem Zaun nieder und verspeiste dort ihre Beute – einen Sperling, der nicht schnell genug gewesen war. Immer wieder schaute sich der Greifvogel um, sah aber den Menschen hinter der Glasscheibe nicht.

Dabei hatte Petrenz schon auf das Tier angelegt: Mit seiner Nikon Z6 und einem mit Tarnfarben ummantelten Teleobjektiv. Petrenz drückte mehrmals ab. „Das erlebt man nicht alle Tage“, sagt der Künstler, der sich seit einem Jahr so intensiv wie noch nie mit der Fotografie befasst. Das kann er sogar genau datieren. „Seit 17. März 2020, als plötzlich nichts mehr ging.“ Wegen der staatlichen Verbote im Zuge der Corona-Pandemie ist ihm im Grunde alles weggebrochen: Ausstellungen, Märkte, Workshops im Regenbogenverein, der Ganztagsunterricht im Weißeritzgymnasium.

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Steffen Petrenz zeigt sein gerahmtes Foto einer Blaumeise im Sanddornstrauch.
Steffen Petrenz zeigt sein gerahmtes Foto einer Blaumeise im Sanddornstrauch. © Thomas Morgenroth

Petrenz ist Bildhauer, stellt keramische Gefäße her, malt und fotografiert sehr ambitioniert. In Wilsdruff zum Beispiel ist er mit seinen Bildern an einer großen Ausstellung im Heimatmuseum beteiligt, die Olaf Stoy kuratiert hat. Bisher allerdings hat die seit Monaten komplett aufgebaute „Ge-Flügel-Schau“, die Arbeiten mehrerer Künstler und historische Sammlungsstücke vereint, noch keiner gesehen und natürlich haben die Beteiligten bisher auch nichts verkaufen können. Außer Spesen nichts gewesen – für Petrenz ist das existenzbedrohend.

Einnahmequellen sind versiegt

Mit dem behördlich verordneten Stillstand versiegten seine Einnahmequellen beinahe vollständig. „Ich habe große Mühe, die Kosten für Wohnung und Atelier aufzubringen“, sagt der freischaffende Künstler. Dabei lebt Petrenz wahrlich nicht auf großem Fuß. Wohn-, Arbeits- und Schlafzimmer sind alles eins und keine zwanzig Quadratmeter groß. Die Küche bescheiden, ein kleines Bad, und das war es auch schon. Und die Werkstatt, sagt Petrenz, sei im Winter kaum auf Betriebstemperatur zu bringen.

Aber Steffen Petrenz, an Entbehrungen gewöhnt, klagt nicht und nimmt auch keine staatlichen Coronahilfen in Anspruch. Das bürokratische Prozedere liege im nicht, und überhaupt scheue er sich davor, solchen Zuwendungen anzunehmen. „Ich weiß ja nicht, was ich am Ende behalten darf“, sagt er. „Das ist nicht mein Ding. Außerdem weiß ich nicht, wozu ich, nur um zum Beispiel ein Stipendium zu bekommen, neue Konzepte erarbeiten soll, wenn ich doch ganz genau weiß, was ich machen will. Ich habe genügend Arbeiten in der Werkstatt stehen. Wenn diese leer gekauft werden würde, wäre es die beste und sinnvollste Unterstützung“, sagt er.

Helfer bei einem Baumpfleger

Petrenz versuche lieber, so um die Runden zu kommen, verdingt sich, wenn es die Witterung zulässt, bei einem befreundeten Baumpfleger als Handlanger. Leicht sei es nicht, gibt er zu. Aber die Fotografie, sagt er, helfe ihm dabei, sowohl moralisch als auch finanziell, wenn auch in bescheidenem Rahmen. Und sie hält ihn körperlich fit – was an seinen derzeit beliebtesten Motiven liegt, den Vögeln. „Ich bin jeden Tag 25 Kilometer zu Fuß unterwegs“, sagt der Freitaler. Mit einer Ausrüstung, die gut und gerne um die zwanzig Kilogramm wiegt.

Stundenlang ist Steffen Petrenz auf Pirsch, bei Sonne und Regen, Hitze und Kälte. Selbst in diesen eisigen Tagen, als das Bäumefällen wegen des Schnees pausieren muss, ist er mit der Kamera draußen. Was er in seinen bevorzugten „Jagdrevieren“ an Weißeritz, Elbe und Röder oder auch an vollkommen unspektakulären Orten nach geduldigem Ansitz entdeckt und auf den Sensor bannt, ist beeindruckend.

Die Wiese mit Mohnblume hat bereits einige Käufer gefunden.
Die Wiese mit Mohnblume hat bereits einige Käufer gefunden. © Steffen Petrenz

Seine Ausbeute sind Wildgänse, die in Formation fliegen, ein Fischadler, der einer Möwe den Fisch abjagt, Kormorane bei Cossebaude, eine Rauchschwalbe im Flug in Obernaundorf oder fünf Kraniche über der Döhlener Halde. Neben Krähen, Blaumeisen, Rotkehlchen oder Buchfinken kommen Petrenz auch seltene Arten wie Gänsesäger oder Wacholderdrosseln vor sein 500-Millimeter-Objektiv.

Auf Büttenpapier gedruckt

„Meine Leidenschaft sind Vögel im Flug“, sagt Steffen Petrenz. „Kraft und Dynamik, Eleganz und Schönheit wird dabei zu Poesie.“ Seine Bilder, denen er am Rechner den Feinschliff gibt ohne in deren Natürlichkeit einzugreifen, sind überzeugende Resultate seiner seit über einem Jahrzehnt andauernden ernsthaften Beschäftigung mit der Fotografie. Wobei Petrenz auch Landschaften und deren Details ablichtet und diese einem stärkeren künstlerischen Prozess unterzieht. Etwa, wenn in einem monochromen Wiesenstück eine rote Mohnblume leuchtet oder eine blaue Kornblume.

Für solche Motive, auf Büttenpapier gedruckt und mit Passepartout versehen, findet Petrenz auch in Zeiten des Stillstands Käufer. Vielleicht, weil die Bilder ein wenig melancholisch sind. Der Sperber mit seiner Beute hingegen zeigt die knallharte Wirklichkeit: Fressen und gefressen werden. Ganz natürlich – und brillant fotografiert.

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