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Die vergiftete Orgel

Um den Holzwurm zu bekämpfen, wurde das Instrument in der Hoffungskirche Hainsberg mit Hylotox behandelt. Das Mittel gilt als krebserregend.

Kantor Gottfried Nestler und Kantorin i.R. Erika Schmidt sitzen an der sanierungsbedürftigen Jehmlich-Orgel in der Hoffnungskirche Hainsberg. Bei der Nacht der Kirchen am Sonnabend wird der Koreaner Yohan Chung das Instrument spielen.
Kantor Gottfried Nestler und Kantorin i.R. Erika Schmidt sitzen an der sanierungsbedürftigen Jehmlich-Orgel in der Hoffnungskirche Hainsberg. Bei der Nacht der Kirchen am Sonnabend wird der Koreaner Yohan Chung das Instrument spielen. © Thomas Morgenroth

Auf die Orgel in der Hainsberger Hoffnungskirche wurde vor vierzig Jahren ein Giftanschlag verübt. Im Zuge einer Generalreparatur durch den Dresdner Johannes Schubert, erhielten sämtliche Holzteile eine für den Gemeinen Nagekäfer toxische Dosis Hylotox. Während Gehäuse und Prospekt einen Anstrich mit dem Insektenschutzmittel bekamen, wurden Hunderte Holzpfeifen und andere bewegliche Teile damit getränkt. „Auf der Empore standen zwei Badewannen“, erinnert sich Erika Schmidt, damals die Kantorin in Hainsberg. „Ich habe da selbst mitgemacht.“

Insgesamt, so ist dokumentiert, wurde die Orgel mit rund 105 Litern Hylotox behandelt. Der Holzwurm, von jeher ein großes Problem in der Kirche, segnete daraufhin sehr rasch und gründlich das Zeitliche. Bis heute traut sich der Schädling nicht mehr an die Orgel ran. Inzwischen aber meiden auch die Menschen das Instrument, vor allem dessen Inneres. Dort gast das Hylotox aus, das sich in Form von Kristallen auf den Oberflächen absetzt. Die Orgel, sagt Kantor Gottfried Nestler, werde deshalb seit Jahren nicht mehr gestimmt.

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Bis kurz nach der Wende eingesetzt

Hylotox ist ein hochgiftiger Cocktail aus dem Insektizid DDT und, je nach Sorte, den Pestiziden Pentachlorphenol (PCP) oder Lindan. DDT, das sich im Fettgewebe von Menschen und Tieren anreichert, wirkt als Lebergift und schwächt das Immunsystem. Lindan und PCP gelten als krebserregende Stoffe. Im Westen schon seit den Siebzigerjahren verboten, wurde Hylotox auf dem Gebiet der DDR bis kurz nach der Wende eingesetzt. Es war das gängigste und wirksamste Holzschutzmittel.

Was man heute über Hylotox weiß, wusste man damals im Grunde auch schon – es wurde freilich mangels Alternativen einfach ignoriert. Bei der Abwägung von Nutzen und Schaden entschieden sich die Verantwortlichen dann doch für Hylotox – der Mensch halte sich ja nicht ständig in der Kirche auf, war eines der Argumente. Das Mittel ist in fast jedem Gotteshaus im Osten Deutschlands drin, im Gebälk, im Gestühl, in Altären und eben auch in Orgeln. Die bittere Wahrheit ist aber auch, dass viele historisch wertvolle Holzteile ohne Hylotox wohl heute verloren wären.

Letztes Konzert am Sonnabend

In Hainsberg stellte der Sachverständige Dr. Schnorr von Carolsfeld schon 1934 erheblichen Holzwurmbefall fest. Dabei war die Orgel zu diesem Zeitpunkt gerade erst 31 Jahre alt. Sie wurde 1901 von den Königlich-Sächsischen Hoforgelbauern Gebrüder Emil und Bruno Jehmlich im Zuge des Neubaus der Kirche erbaut. Sie verfügte ursprünglich über 31 Register und wurde mit einem Wassermotor angetrieben.

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Im Laufe der Jahre kam es immer wieder zu Umbauten: 1917 mussten die Prospektpfeifen aus Zinn zu Kriegszwecken abgeliefert werden, ab 1930 kam ein Elektrogebläse zum Einsatz, und 1935 wurde die Orgelfront um 70 Zentimeter zurückgesetzt, um auf der Empore Platz für den Chor zu gewinnen. 1980 und 1981 schließlich nahm Johannes Schubert umfangreiche klangliche Veränderungen vor – und vergiftete die Orgel mit Hylotox.

Gift wird ausgespült

Das muss nun wieder raus. „Dekontaminieren“, nennt es Thoralf Möbius von der Firma Jehmlich, der am Dienstag zusammen mit dem Bautenschützer Andreas Föckel von der BHD GmbH Dresden die Orgel für einen Kostenvoranschlag begutachtete. Das Hylotox soll in einem erprobten und patentierten Verfahren mit einer Entgiftungslösung aus dem Holz ausgespült werden. Dafür muss die Orgel, die rund 2.500 Pfeifen aus Zinn, Zink und Holz hat, demontiert werden. „Es muss alles raus“, sagt Möbius, „unter Vollschutz.“

„Aber nicht mehr in diesem Jahr“, sagt Kantor Nestler. Die Kosten werden sich nach ersten Schätzungen in einem fünfstelligen Bereich bewegen. Um die Finanzierung abzusichern, will die Kirchgemeinde Freital nun Spenden sammeln.

Erste Gelegenheit dazu ist an diesem Sonnabend. Dann spielt der aus Südkorea stammende freischaffende Kirchenmusiker Yohan Chung im Rahmen des Freitaler Orgelmarathons auch in Hainsberg. Möglicherweise wird es das letzte Konzert an der vergifteten Jehmlich-Orgel sein.

Orgelmarathon der Ev.-luth. Kirchgemeinde Freital: 18 Uhr Somsdorf, 18.45 Uhr Hainsberg, 19.30 Uhr Deuben, 20.20 Uhr Döhlen, 21.30 Uhr Potschappel.

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