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Auftritte nur im eigenen Garten

Der Freitaler Schauspieler Mario Grünewald darf zur Zeit seinen Beruf nicht ausüben. Alternativen gibt es keine.

Hier darf er noch auftreten – ohne Publikum und mit Galgenhumor: der Freitaler Schauspieler Mario Grünewald in seinem Garten.
Hier darf er noch auftreten – ohne Publikum und mit Galgenhumor: der Freitaler Schauspieler Mario Grünewald in seinem Garten. © Thomas Morgenroth

Einmal Schauspieler, immer Schauspieler: Um ein Foto gebeten, schnappt sich Mario Grünewald die Spielzeugschubkarre seiner vierjährigen Tochter Florentine und eiert damit über den winterlichen Rasen. Er grient in die Kamera – dabei ist die Lage für den 53-jährigen Freitaler gerade alles andere als lustig. Grünewald ist wegen der Restriktionen im Zuge der Corona-Pandemie seit Monaten quasi mit einem Auftrittsverbot belegt. Wie die meisten seiner Kollegen ist auch er von der behördlich verfügten Schließung der Theater und anderer Veranstaltungshäuser betroffen.

Seit vergangenem März stand Mario Grünewald kaum ein halbes Dutzend Mal auf der Bühne. Ende Juli gab er in der Jungen Garde einmal den Iwanuschka an der Seite von Rainer König in der Komödie „Die Hexe Baba Jaga Teil 1“, und im Frühherbst spielte er das einzige türkische Mitglied eines Tennisclubs in der Satire „Die Extrawurst“ auf dem Theaterkahn in Dresden. Unter strengen Hygieneauflagen, die nicht nur die Zahl der Zuschauer extrem reduzierte, sondern sogar die Schauspieler zum Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes beim Gang von und zur Bühne verpflichtete.

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Kein Sommertheater mit der Comödie

Nach der Premiere am 22. September gab es allerdings nur noch ein paar wenige Vorstellungen, bis Bund und Land Sachsen mit ihren Beschlüssen erneut alles lahm legten. „Und das zu einem Zeitpunkt, als wir gerade wieder Hoffnung schöpften“, sagt Mario Grünewald. „In der Kultur- und Kreativwirtschaft sind 1,8 Millionen Menschen beschäftigt. Dieser Teil der Gesellschaft ist von Staats wegen komplett ausgebremst, als ob diese Menschen Schuld an den Infektionszahlen hätten.“ Grünewald fühlt sich zu Unrecht als Sündenbock hingestellt: „Von den Theatern, aber auch von Kinos oder Restaurants ging keinerlei Gefahr aus, das ist nachgewiesen.“

Derweil wird die Liste seiner ausgefallenen Vorstellungen und verschobenen Projekte immer länger. Darunter sind allein um die dreißig Vorstellungen des Sommertheaters „Das Wirtshaus im Spessart“ der Comödie Dresden auf Schloss Wolkenburg. Besonders schmerzt ihn die Absage einer durch die Badische Landesbühne organisierte Tour durch Süddeutschland mit dem Stück „Der Steppenwolf“ nach Hermann Hesse, unter anderem mit Tom Quaas.

Anfragen erst wieder für November

Ob diese je nachgeholt wird, ist derzeit ungewiss. „Das Wirtshaus im Spessart“ ist zwar auf diesen Sommer verschoben. Aber Mario Grünewald glaubt nicht daran, dass es stattfinden wird. „Weil keiner weiß, wie lange die Schließungen noch andauern, können die Veranstalter nichts planen“, sagt er. „Wir müssen ja ständig damit rechnen, dass die Verbote verlängert werden.“ Diese Ungewissheit sei das Schlimmste an dem gegenwärtigen Zustand.

„Das zermürbt mich. Als Schauspieler strukturiere ich doch meinen Berufsalltag durch Proben- und Aufführungstermine“, sagt Grünewald. „Ich aber habe gerade keine. Das hatte ich in mehr als dreißig Berufsjahren noch nie.“ Und die Aussichten, dass sich das bald ändert, sind schlecht. Viele Theater geben die Spielzeit verloren. Anfragen, sagt Grünewald, habe er erst wieder für November und Dezember.

Derzeit liegen auch seine Inszenierungen als Regisseur auf Eis, wie das neue Jugendstück an der Spielbühne Freital, das Ende dieser Woche Premiere haben sollte. Mit dem Amateurtheater konnte er wenigstens noch „Charlys Tante“ Mitte Juli auf die Freiluftbühne an der Lutherstraße bringen. Kurz vor dem Stillstand im März hatte zudem der von Grünewald eingerichtete „Bienenersatzverkehr“ von und mit dem Dresdner Kabarettisten Erik Lehmann Premiere – erlebte bisher aber nur drei weitere Aufführungen.

Nerven liegen blank

Die zwangsweise Pause empfindet Grünewald als „Nötigung“. Entsprechend liegen seine Nerven mittlerweile blank. „Als Künstler brauche ich die kreative Auseinandersetzung mit Kollegen“, sagt er. „Aber die darf ich ja auch nicht treffen.“ Von Proben mit Videoschaltung hält er nichts. Die persönliche Begegnung, der direkte Austausch, meint Grünewald, sei dadurch keinesfalls zu ersetzen. „Wie soll ich denn vor einem Bildschirm rumspinnen und neue Projekte entwickeln? Zumal keiner weiß, ob sie je umgesetzt werden dürfen“, sagt der Schauspieler, der keinen Computer besitzt und sein Handy meistens nur zum Telefonieren nutzt.

Mario Grünewalds Welt ist die analoge Bühne, nicht das Internet mit seinen digitalen Angeboten. Er braucht das echte Publikum, kein virtuelles. Nach seinem Studium gehörte er bis 2008 zum Ensemble des Staatsschauspiels Dresden, war danach bei den Landesbühnen Sachsen und arbeitet seit 2014 freiberuflich als Schauspieler und Regisseur. Zu seinen Spielstätten gehören der Theaterkahn, Hoppes Hoftheater, das Societaetstheater, die Comödie, die Landesbühnen Sachsen oder das Kleine Welttheater von Alf Mahlo in Kötzschenbroda.

Finanziell wird es langsam eng

Überall aber herrscht Stillstand, und Grünewald befürchtet, dass es nie wieder so sein wird wie vor der Corona-Krise. „Ich denke, dass es die Normalität, wie wir sie kannten, nicht wieder geben wird. Der momentane Zwang zur räumlichen Distanz zwischen den Menschen wird sich wohl in Teilen manifestieren.“ Auch die Kunst werde sich neu ausrichten, denkt Grünewald, und andere Themen aufgreifen.

Der Schauspieler erwartet zudem, dass sich die Theaterlandschaft ausdünnen wird. „Nicht alle der privaten Häuser werden das überleben.“ Auch für ihn wird es finanziell langsam eng, zumal auch seiner Partnerin, der Designerin Anne Konstanze Lahr, die für mehrere Theater arbeitet, die Aufträge wegbrechen. Zwar hat Grünewald staatliche Hilfen bekommen, doch wie viel er davon am Ende behalten darf, wisse er nicht. „Ich bin da sehr vorsichtig.“

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Mittlerweile schaut sich der Berufsschauspieler Mario Grünewald nach Alternativen um: Kassierer im Supermarkt, Ausfahrer von Medikamenten für Apotheken oder Gärtnergehilfe auf dem Friedhof. Da könnte ihm Töchterchen Florentine mit ihrer Schubkarre helfen – und das Betreuungsproblem wäre auch gleich gelöst.

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