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Freitals Kino-Ära ohne Happy End

Die hiesige Kinowelt startete unter anderem in einem früheren Schafstall. Vor knapp 100 Jahren wurde es dann pompös.

Die Pforte zu Freitals attraktivstem Filmtheater „Capitol“, das regelmäßig zweimal wöchentlich in der örtlichen Tagespresse inserierte.
Die Pforte zu Freitals attraktivstem Filmtheater „Capitol“, das regelmäßig zweimal wöchentlich in der örtlichen Tagespresse inserierte. © Repro: SZ

Flimmerstunden mit bewegten Bildern, die kennt man im Weißeritztal seit gut und gern 120 Jahren. Ein Vergnügen, das wegen seiner mangelhaften Qualität nicht immer nur Spaß machte. Gespielt wurde in allen möglichen und unmöglichen Räumlichkeiten. Da der Ton noch nicht aktuell war, kristallisierte sich ein neuer Beruf heraus: Der Bilderklärer, der ohne akademische Vorbildung das werte Publikum entzücken durfte. Ein unbekannter einheimischer Poet setzte ihn in einem lokalen Tageblatt ein dichterisches Denkmal:

Wird’s im Kopf auch leer und leerer,

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bleibt dir noch der Filmerklärer.

Redet er auch üblen Stuss,

ihn zu hören bleibt Genuss.

Nach der Deubener Premiere in einem kleinen Verkaufsraum des Kaufhauses Fortuna, der zugleich die erste einheimische Flimmerdiele war, lud schon 1904 Potschappel in einem ausgedienten Schafstall zu Filmvorführungen ein. Die Blütezeit der Potschappler Spielstätte war mit zehn Monaten nur knapp bemessen.

Hilde und die 4 PS entstand 1936 in Nazi-Deutschland. Aufgeführt wurde der Film auch im zehn Jahre zuvor eröffneten Capitol.
Hilde und die 4 PS entstand 1936 in Nazi-Deutschland. Aufgeführt wurde der Film auch im zehn Jahre zuvor eröffneten Capitol. © Repro: SZ

Die Potschappler Filmfreunde mussten sich deshalb nicht grämen. 250 Meter in Richtung Dresden stieß man auf die Eingangsschleuse zum Handtuchkino Metropol, das vorher als Wannenbad ein Anziehungspunkt war. Den Namen Handtuchkino bekamen damals Säle, die vorher ein Geschäft beherbergt hatten und deren längliche Ausdehnung an besagtes Textilstück erinnerte.

Der hiesige Vorführsaal mit 150 Plätzen hatte noch andere Eigentümlichkeiten. Allen polizeilichen Verordnungen zum Trotz wurde er von einem Kachelofen beheizt. Die Toilette befand sich außerhalb unmittelbar an der Hauswand. Gespielt wurden fast sieben Jahrzehnte vor allem haarsträubende Geschichten mit Hauereien und Schießereien. Am nötigen Publikum fehlte es fast nie.

Zu einem lokalen Ereignis wird die Einweihung von Freitals Capitol am 4. Dezember 1926. Ein Gebäudekomplex direkt an der Dresdner Straße, ein Lichtspieltheater, das diese Bezeichnung auch wirklich verdient. Typisch die pompös-theaterhafte Ausstattung, die keinen Vergleich mit einem der sieben Dresdner Erstaufführungstheater – die alle den Bombenangriff von 1945 nicht überlebten – zu scheuen brauchte. Das Capitol verfügte über 850 Plätze (davon 350 auf dem weitläufigen Rang). Ein Prunkstück die blaugerahmte Bühne, die von einem dunklen schweren Vorhang verhüllt wurde. Reizvolle Lichteffekte stimmten den Hauptfilm ein. Das attraktive halbrunde Foyer war mit zwei Kassen ausgestattet.

Sexualität und Hygiene in der Nachtvorstellung: Der Zutritt zu dieser Vorstellung war erst ab 18 Jahren erlaubt.
Sexualität und Hygiene in der Nachtvorstellung: Der Zutritt zu dieser Vorstellung war erst ab 18 Jahren erlaubt. © Repro: SZ

Zur Eröffnung hatte Capitol-Besitzer Albrecht Diecke die Zweitverfilmung der Legende „Der Student von Prag“ mit Superstar Conrad Veidt eingekauft. Dazu lief ein Dokumentarstreifen über die Baugeschichte des Freitaler Kinos, die anwesenden beteiligten Handwerker konnten sich groß im Bild sehen. Dazu intonierte das neunköpfige Capitol-Orchester eine Ouvertüre von Franz von Supé. Ein Dresdner Schauspieler trug den Weihespruch vor.1930 zog der Tonfilm ein. Besitzer Diecke hatte allen Grund, mit dem Zuspruch zufrieden zu sein. Nach dem Zweiten Weltkrieg enteignet, ließ die Resonanz vor allem wegen des aufkommenden Fernsehens, aber auch durch einen nicht immer ausgewogenen Spielplan zunehmend zu wünschen übrig. Alle Versuche, das Capitol zu verkleinern, scheiterten.

Ein ähnliches Schicksal erlebt das „Zentrum“ (Dresdner Straße/Martin-Luther-Straße), das am 1. Weihnachtsfeiertag 1931 im ehemaligen Saal der Großgaststätte Döhlener Hof Premiere hatte. Eine ebenfalls gediegene Kulturstätte, die auch in unseren Tagen mit ihren 550 Plätzen als Stadtkulturhaus gute Dienste leistet.

Kinos existierten außerdem unter anderem in der Hainsberger Turnhalle, im Rabenauer Amtshof, im Deutschen Haus Tharandt. Zu Freitals Stummfilmstätten gehörten zeitweise synchron bis zu zehn Stück. Allen war nur eine kurze Lebensdauer vergönnt. Das Capitol als Flaggschiff ist inzwischen eine Einrichtung des Gesundheitswesens. Rund um den Windberg läuft nirgendwo ein Hauptfilm mehr. Der Kinoära war kein Happy End beschieden, zum Verdruss von so manchem Filmfreund.

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