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Der mit den Steinen druckt

Ekkehard Schneider aus der Nähe von Dresden gehört zu den letzten Lithographen. Sein Medium ist 150 Millionen Jahre alt.

"Jedes Bild ist ein Abenteuer." Ekkehard Schneider aus Lungkwitz bei Kreischa beherrscht als einer der wenigen das alte Kunsthandwerk der Steindruckerei.
"Jedes Bild ist ein Abenteuer." Ekkehard Schneider aus Lungkwitz bei Kreischa beherrscht als einer der wenigen das alte Kunsthandwerk der Steindruckerei. © Christoph Reime

Jedes Bild ist ein Abenteuer, sagt Ekkehard Schneider. Man fängt an und weiß nicht, was am Ende sein wird. Zufälle sind immer im Spiel. Und die gnadenlosen Gesetze der Chemie auch. "Manchmal ist es zum Haare raufen." Was er jetzt macht, macht er mit Absicht. Terpentinöl fließt auf seine Zeichnung und spült sie von der Steinplatte herunter. Das schockiert die Zuschauer. Schneider weiß: Der Stein und das Bild sind längst eins geworden. Gleich wird die "Ruine im Wald" auf einem Bogen Büttenpapier auferstehen.

Ein Stückeschreiber macht Revolution

Ekkehard Schneider, pensionierter Lehrer für Deutsch und Kunst, beherrscht ein über zweihundert Jahre altes und kürzlich von der UNESCO als immaterielles Kulturerbe geadeltes Druckverfahren: den Steindruck. Erfunden hat die Druckerei mit Kalkschieferplatten 1796 ein bayerischer Theaterschriftsteller. Der Name Alois Senefelder ist heute fast vergessen. Ein Unrecht, finden Ekkehard Schneider. Senefelders Lithographie - so der Fachausdruck - sei eine Revolution gewesen, vergleichbar womöglich mit Gutenbergs Buchdruck.

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Der Lungkwitzer Ekkehard Schneider im Atelier. Hier zeichnet er seine Bilder auf die Druckplatten aus Kalkstein.
Der Lungkwitzer Ekkehard Schneider im Atelier. Hier zeichnet er seine Bilder auf die Druckplatten aus Kalkstein. © Daniel Schäfer

Gutenberg ersann den Hochdruck. Bewegliche Lettern, die aus der Fläche ragen, erstellen das Bild. Bei der Lithographie liegen druckende und nicht druckende Bereiche in der selben Ebene. Der Trick dabei ist, die Vorlage so zu präparieren, dass die Druckfarbe nur dort haften bleibt, wo sie haften soll. Und hier kommt die Chemie ins Spiel, mit einem simplen Prinzip: der Unvereinbarkeit von Fett und Wasser.

Altes Druckprinzip wird bis heute genutzt

Mit Senefelders Entdeckung hat heute noch jeder Mensch Kontakt, der irgendwas Bedrucktes in die Hand nimmt, sei es ein Buch, eine Zeitung oder eine Verpackung. Auch wenn der Offsetdruck die Steine längst abgelöst hat: Ekkehard Schneider findet es wichtig, an den Ursprung zu erinnern. Er fürchtet, das Handwerk könnte aussterben, "wenn es nicht von ein paar Idealisten am Leben erhalten wird".

Dass Lithographie-Steine aus dem Kreidemeer stammen, beweisen eingeschlossene Fossilien wie dieses Gehäuse eines Ammoniten.
Dass Lithographie-Steine aus dem Kreidemeer stammen, beweisen eingeschlossene Fossilien wie dieses Gehäuse eines Ammoniten. © Daniel Schäfer

Ekkehard Schneider wohnt am südlichen Ende von Lungkwitz bei Kreischa, am Fuße eines Berges, auf dem einmal die Lungkwitzer Burg gestanden haben soll. Gleich gegenüber seiner Haustür steht die zweistöckige Werkstatt. Oben, am großen Giebelfenster, zeichnet er die Bilder, unten, am bullernden Kaminofen druckt er sie. Meist einstellige Auflagen, meist für sich selbst. Werke wegzugeben, fällt ihm schwer. Kunst ist für ihn eine Art Therapie, sagt er, "eine Lebenshilfe".

Der Kopffüßer in der Hexenküche

Der Arbeitsraum hat etwas von Hexenküche. Überall stehen Dosen, Büchsen, Flaschen und Kanister rätselhaften Inhalts. An der Wand ein Regal, auf dem sich eine tellergroße Schnecke zu winden scheint. Es ist das versteinerte Gehäuse eines Ammoniten, eines kreidezeitlichen Kopffüßers, gefunden in den Kalksteinbrüchen von Solnhofen bei Ingolstadt.

Lithographie fürs Volk: Der Elfenreigen hing in den 1920ern über vielen Ehebetten. Heute hängt er in Ekkehard Schneiders Werkstatt.
Lithographie fürs Volk: Der Elfenreigen hing in den 1920ern über vielen Ehebetten. Heute hängt er in Ekkehard Schneiders Werkstatt. © SZ/Jörg Stock

Der Plattenkalk im Altmühltal ist eine Hinterlassenschaft des Urmeeres, um die 150 Millionen Jahre alt. Das feinporige, dichte Material gilt unter Steindruckern als perfektes Medium. Auch Ekkehard Schneiders Steine stammen von dort. Ein Stück kostet mehrere Hundert Euro. Er hat seine ersten Exemplare vom Steindruckermeister Christian Müller gekauft. In Wurzbach, Thüringen, betreibt Müller Deutschlands einziges privates Steindruckmuseum.

Historische Presse kommt zum Einsatz

Bei Christian Müller war Schneider auch Praktikant. Zwar hatte er vor seinem Pädagogikstudium in einer Druckerei Offset-Retuscheur gelernt. Die Urform des Handwerks aber konnte er sich erst mit dem Zeitbudget eines Rentners aneignen. Und mittels einer historischen Lithographenpresse, gebaut bei Karl Krause in Leipzig vor etwa 150 Jahren, die ein Freund in der Dresdner Neustadt entdeckt hatte.

Vorbereitung für den Druck: Schutzschicht und alte Farbe werden mit Terpentinöl abgewaschen.
Vorbereitung für den Druck: Schutzschicht und alte Farbe werden mit Terpentinöl abgewaschen. © Daniel Schäfer

Einen Stein zum Druck vorzubereiten dauert Tage. Und das ist auch gut so. Je länger der Stein Zeit hat, sich mit der Zeichnung anzufreunden, um so besser gelingt das Abbild. Am Anfang aller Arbeit steht die Suche nach dem Motiv. Ekkehard Schneider findet es meist in der Landschaft. Er liebt die Gegend um Kreischa sehr. Vielleicht, weil ihm seine erste Heimat in Schlesien durch den Krieg verloren ging.

Mit dem Traktor zum Motiv

Zum Zeichnen zieht Schneider gern hinaus, an Ort und Stelle. Manchmal mit seinem kleinen Traktor, auf dessen Anhänger er Staffelei, Litho-Stein und Werkzeuge packt. So hat er auch die "Ruine im Wald" eingefangen. Es handelt sich um den halb verfallenen Leitstand eines ehemaligen Schießplatzes der Sowjetarmee. Die einstige Nutzung ist nicht das Thema. Schneider geht es um Sinnbilder, hier für die Vergänglichkeit des Menschengemachten. "Die Natur behauptet sich."

Der Moment des Andrucks: Die mit Druckpapier belegte Steinplatte wird unter dem Reiber hindurchgekurbelt.
Der Moment des Andrucks: Die mit Druckpapier belegte Steinplatte wird unter dem Reiber hindurchgekurbelt. © Daniel Schäfer

Gezeichnet wird mit fetthaltiger Tusche oder Kreide. Das Fett dringt tief in den Stein ein. Selbst wenn das Bild zwischenzeitlich abgewaschen wird: Der Stein nimmt an genau diesen Stellen die fettige Druckfarbe immer wieder an. In den zwei Dutzend Arbeitsschritten bis zum Andruck geht es nur noch darum, die Abgrenzung zwischen Farbe annehmenden und Farbe abstoßenden, also den weiß bleibenden Partien, zu zementieren. Gummi arabicum, ein Saft afrikanischer Akazien, und Salpetersäure sind dabei die wichtigsten Hilfsmittel.

Drucken steigert die Lebenslust

Der Stein mit der Ruine ist mehrfach erprobt. Nach der Terpentinwaschung wird sein Gedächtnis mit Gummirolle und Druckfarbe schnell aufgefrischt. Der Stein muss dabei nass sein, damit die fettfreien Stellen zuverlässig die Farbe abstoßen. Dann den Stein auf den Tisch der Presse legen, das feuchte Papier darüber breiten, mit dicker, talggeschmierter Pappe abdecken, den Reiber aus Birnbaumholz darauf niedersenken, dann Kurbeln, bis der Steinklotz unter dem Holzkeil durchgefahren ist - fertig.

Freude über den geglückten Druck: Ekkehard Schneider holt seine "Ruine im Wald" aus der Presse.
Freude über den geglückten Druck: Ekkehard Schneider holt seine "Ruine im Wald" aus der Presse. © Daniel Schäfer

Das Ergebnis gefällt Ekkehard Schneider. Das Bild ist nicht "zugelaufen", hat Spannung zwischen Lichtern und Tiefen. "Dann wirkt der Druck erst brillant." Das Bild kommt in den Fundus. Ekkehard Schneider aber druckt weiter, gegen das Verblassen der alten Handwerkskunst und für die eigene Lebenslust. "Diese Beschäftigung hilft mir, dem Dasein etwas abzugewinnen."

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