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Possendorfs Wahrzeichen wird 500

Der Kirchturm hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich. An seinem Bau beteiligte sich auch August der Starke. Barock aber ist jetzt nichts mehr.

Mit 57 Metern Höhe ist der Possendorfer Kirchturm einer der höchsten im Kirchenbezirk Freiberg und mit 500 Jahren einer der ältesten.
Mit 57 Metern Höhe ist der Possendorfer Kirchturm einer der höchsten im Kirchenbezirk Freiberg und mit 500 Jahren einer der ältesten. © Daniel Schäfer

Der Weg zur schönsten Aussicht von Possendorf führt über schmale Stiegen aus Sandstein und Holz steil nach oben bis zur Glockenstube im Kirchturm. Dort eröffnen sich von vier Balkonen aus atemberaubende Blicke in alle Himmelsrichtungen. Der Ort liegt den staunenden Menschen zu Füßen, wir schauen bis nach Dresden zum Fernsehturm, ins Vorland des Osterzgebirges und auf die Bundesstraße 170. Für Urlauber, Berufspendler oder Brummifahrer ist der 57 Meter hohe Kirchturm eine weithin sichtbare Landmarke.

Um die 90 Stufen seien es bis hinauf zur Plattform, antwortet Friedhofsmeister Peter Behrendt auf die Frage und lacht: „Genau weiß ich es nicht, ich verzähle mich immer.“ Macht ja nichts, wer es exakt wissen will, kann selbst zur Aussicht steigen. Am besten mit Peter Behrendt: Der 31-jährige Landschaftsarchitekt, der auch Kirchenvorsteher ist, kann viel über die Geschichte des Turms erzählen, und die reicht nachweislich 500 Jahre zurück.

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Zwei Meter dicke Mauern

1521 steht auf einem Stein an der Westfassade, der in vielleicht zwanzig Metern Höhe das Ende des ältesten Teils markiert. Der Kirchturm, der unabhängig von der um fast vierhundert Jahre älteren Kirche entstand, hat einen Grundriss von sieben mal sieben Metern. Die Bruchsteinmauern, an den Ecken mit Sandsteinen gefasst, sind zwei Meter dick – ein spätgotisches Bauwerk für die Ewigkeit, ein wehrhaftes.

Kirchenvorsteher Peter Behrendt steht auf einem der vier Balkone des Turms.
Kirchenvorsteher Peter Behrendt steht auf einem der vier Balkone des Turms. © Daniel Schäfer
1885 wurde das Uhrwerk eingebaut, das noch heute funktioniert.
1885 wurde das Uhrwerk eingebaut, das noch heute funktioniert. © Daniel Schäfer
Drei Glocken hängen im Kirchturm, zwei aus Stahl, eine aus Bronze.
Drei Glocken hängen im Kirchturm, zwei aus Stahl, eine aus Bronze. © Daniel Schäfer

Zunächst ergänzte ein Aufbau aus Holz den Turm, der, sagt Behrendt, schon etwa die heutige Höhe erreichte. Eine Abbildung ist nicht überliefert. Allerdings war das Material weniger haltbar als der Unterbau. 1699 erhielt der Turm deshalb einen schlanken barocken Aufsatz, dessen Aussehen in einer Lithographie von 1837 dokumentiert ist. Für den Neubau griff sogar Sachsens Kurfürst August der Starke in seine Schatulle. Er war Besitzer des Vorwerks Possendorf. Finanzielle Unterstützung kam zudem von Augusts Kriegszahlmeister Johann Lämmel, dem Rittergutsbesitzer von Kleincarsdorf und Theisewitz.

Knapp 200 Jahre waren der barocken Zutat beschieden. 1885 erhielt der Turm einen neuen Aufsatz nach Plänen des Architekten Ernst Sommerschuh. Solide aus Sandstein gebaut, ragt er als dritthöchster Kirchturm zwischen Dresden und Freiberg in den Himmel. Er ist nur von außen zugänglich, die Tür zur Kirche wurde 1907 wegen des Einbaus einer zweiten Empore zugemauert. Bei der letzten Sanierung im Jahre 2000 wurde der äußere Turmzugang erneuert, der zur ersten Etage führt, dem Läuteboden. Darunter befindet sich die Turmkapelle, die mit einem Erker die beiden Emporen miteinander verbindet.

Im Zuge der Erneuerung des Possendorfer Wahrzeichens baute die Firma Christian Wolf aus Glashütte 1885 eine neue Turmuhr ein. Das Uhrwerk läuft noch heute – ohne Strom. Es muss jeden Tag per Hand aufgezogen werden. „Es mangelt nicht an Freiwilligen“, sagt Peter Behrendt. Es ist mindestens die vierte Uhr im Possendorfer Turm. Die Vorgängerin baute um 1700 der Proviantverwalter der Festung Königstein, ein gewisser David Maybach.

Glockenschlag alle Viertelstunde

Wie spät es ist, kann man in Possendorf auch hören. Alle Viertelstunden wird die kleine Stahlglocke mit einem Hammer angeschlagen, zu jeder vollen Stunde außerdem die letzte verbliebene Bronzeglocke von 1828, und die zweite Stahlglocke läutet zusätzlich früh um sieben, mittags halb zwölf und abends um sechs. Bei Gottesdiensten werden alle Glocken geläutet, mitunter sogar per Hand. Die Stahlglocken, 1955 in Apolda gegossen, ersetzen zwei Bronzeglocken, die im Zweiten Weltkrieg eingeschmolzen wurden. Über der Glockenstube befindet sich moderne Technik: Der Kirchturm ist seit zwanzig Jahren auch ein Funkturm – Zutritt nur für Befugte.

Peter Behrendt öffnet die Luke für den Abstieg. Nun will ich es wissen: Eins, zwei, drei... Es sind exakt 105 Stufen bis nach unten. Falls ich mich nicht verzählt habe.

Gottesdienst am 20. Juni, 14 Uhr, mit Superintendentin Hiltrud Anacker; 24. Juni, 19.30 Uhr, Andacht vor der Friedhofskapelle, Gedächtnisblasen des Posaunenchors an Gräbern von Personen, die mit dem Turm verbunden sind.

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