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Rilke und das Blau in der Ferne

Der Kalender des Quohrener Fotografen Michael Lange passt in diese verrückte Zeit. Aber er bleibt zuversichtlich.

Der Fotograf Michael Lange im herbstlichen Quohren mit seinem Kalender für das Jahr 2021.
Der Fotograf Michael Lange im herbstlichen Quohren mit seinem Kalender für das Jahr 2021. © Thomas Morgenroth

Die Sonne hängt rostig am Himmel, ihre kraftlosen Strahlen werfen einen Schatten auf den grauen Dunst. Kaum dass sich in dem Einerlei der Palast der Könige ausmachen lässt, dessen Fassade zu bröckeln beginnt. Die Fabrik nebenan ist bereits nur noch eine Ruine, stillgelegt durch die Verordnungen der Herrscher, niedergeschrieben mit blauer und schwarzer Tinte im feinsten Sütterlin. Die Hoffnung aber nimmt keine Befehle entgegen. Sie zerreißt den trüben Vorhang und zeigt sich als leuchtend blaues Firmament mit dem Hauch einer blühenden Blume.

Was für ein symbolträchtiges Bild in dieser unberechenbaren Zeit! Das Foto ist der Titel des neuen Kalenders des Quohrener Fotografen Michael Lange. Im Zustand der Ungewissheit in diesem Frühsommer entstanden, gab er ihm den Titel „in der ferne blau“. Voller Zuversicht reduzierte Lange nicht etwa den Umfang seines bei Sammlern begehrten Jahresbegleiters, sondern stockte ihn um vier Blätter auf. Für jede Jahreszeit gibt es nun ein Extrabild, eine wunderbare Zugabe, die mit Auszügen aus Gedichten Rainer Maria Rilkes zu einem poetischen Gesamtkunstwerk wird.

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Eigentlich, sagt Lange, wollte er einen ganzen Kalender dem aus Prag stammenden Dichter der Moderne widmen. Seine Idee war, Motive mit Rilkes Handschriften zu arrangieren. Er hatte bereits Kontakt mit dem Literaturarchiv Marbach aufgenommen. Dann kamen die staatlichen Verbote im Zuge der Corona-Pandemie. „Ich konnte nicht reisen und musste das Projekt deshalb verschieben“, sagt der 60-Jährige.

Wenigstens ein bisschen Rilke kommt nun in seinem Kalender vor, zu dem die Dresdner Kunsthistorikerin Teresa Ende einen Essay schrieb. Die Zutaten zu Langes Fotografien sind vor allem Dinge mit morbidem Charme, die ihr Leben eigentlich hinter sich haben. Diese Feststellung ist freilich subjektiv. Was einer zum Beispiel als für ihn wertlos beim Schrotthändler in Lungkwitz entsorgt, kann für den Künstler ein durchaus interessantes Objekt sein.

Wie das Zahnrad, das zur Sonne wird, ein flach gedrückter Blecheimer, ein rostiges Schloss oder ein ausgedientes Klingelschild aus Messing, das die Türen für den Monat September öffnet. Die Mieter sind ein alter Zirkel, ein Dosendeckel und ein lederner Buchrücken, der mit seinem Titel „Der Bazar“ ein buntes Treiben verspricht. Es handelt sich dabei um eine im 19. Jahrhunderts erschienene „Damen-Zeitung“. Zu sehen und zu lesen ist davon auf Langes Bild zwar nichts, aber Verborgenes regt bekanntlich die Phantasie an.

Michael Lange nimmt, was er auf Flohmärkten findet, was ihm Freunde schenken oder was sein Sohn Paul auf dem Grundstück ausgräbt, wie den verwitterten Baldachin einer Lampe. Manche Bilder wirken kühl und karg, andere opulent, durch Tapeten mit floralen Motiven und Blätter, auf denen der Maler Jürgen Wenzel aus Burgstädtel seine Ölfarben mischte. Mitunter ist eine frische Pflanze dabei, die silbrige Haut eines Lachses oder mumifizierte Käfer, die Lange bei einer Haushaltsauflösung in Naundorf bei Struppen gegenüber dem Robert-Sterl-Haus rettete.

Und überall kommt ein bisschen Blau vor, das angesichts der erneuten staatlichen Restriktionen mehr denn je zum Symbol für die Hoffnung wird. „Wir bleiben zuversichtlich“, sagt Michael Lange. Irgendwann ist die Ferne nah.

Der Kalender kostet 50 Euro und ist hier erhältlich: https://www.michael-lange.net/

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