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Wilsdruffer singen nur fürs Internet

Der Wilsdruffer Wilandes-Chor darf seit Monaten nicht auftreten und proben. Dabei geht einiges verloren.

Dürfen sich derzeit nur zu zweit treffen: Helmar Federowski (links) und Gunter Dreßler vom Wilsdruffer Wilandes-Chor, hier in Federowskis Studio in Kesselsdorf.
Dürfen sich derzeit nur zu zweit treffen: Helmar Federowski (links) und Gunter Dreßler vom Wilsdruffer Wilandes-Chor, hier in Federowskis Studio in Kesselsdorf. © Thomas Morgenroth

Von einem „fröhlichen Tag“ sang der Wilandes-Chor im März vergangenen Jahres. Damals war der Wilsdruffer Gesangsverein hoffnungsfroh, dass der behördlich verfügte Stillstand bald vorübergeht. Zwanzig Männer und Frauen intonierten „Oh happy day“ trotz aller Kontaktverbote gemeinsam – und doch getrennt. Jeder sang einsam in seinem Kämmerlein oder draußen vor einer Kamera oder einem Handy den berühmten Gospelsong, der ein Dauerbrenner des Ensembles ist. Im Rechner von Jürgen Möbius fand sich der Chor schließlich für einen virtuellen Auftritt zusammen – zu sehen bei Youtube.

Eine nette Idee, die allerdings kein Ersatz für ein richtiges Konzert ist. Nur zweimal war der Wilandes-Chor 2020 öffentlich zu erleben, so wenig wie noch in keinem Jahr seit seiner Gründung. Im Januar sang der Verein zum Neujahrsspektakel auf dem Weingut Hoflößnitz in Radebeul und noch einmal zur Sommersonnenwende im Juni an der Kümmelschänke in Dresden. 2019 hingegen waren es zwanzig Termine, darunter Höhepunkte wie das Weinfest in Pesterwitz oder das Chorfest auf Schloss Wackerbarth im September. „Für 2020 wurde das alles abgesagt“, sagt Dreßler.

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Dabei hatte der Chor, der von dem einstigen Kruzianer und Amiga-Tonmeister Helmar Federowski aus Kesselsdorf geleitet wird, gerade sein Repertoire mit einem neunzig Jahre alten Ohrwurm aufgefrischt. „Mein kleiner grüner Kaktus“ der Comedian Harmonists, der Teil eines thematischen Programms der Zwanzigerjahre werden soll, droht nun zu vertrocknen.

Kein einziger Auftritts-Termin für 2021

„Wenn wir dann wieder dürfen, fangen wir bei einem Punkt an, den wir schon vor Jahren hinter uns gelassen hatten“, sagt Federowski mit einer gewissen Verbitterung. „Wir müssen das gemeinsame Singen erst wieder üben“, meint Dreßler. Der Chor, der rund 40 Mitglieder hat, unter denen Federowski der einzige Profi ist, brauche Herausforderungen, meint der 74-Jährige. Wenigstens die wöchentlichen Proben.

Die aber gibt es schon seit vier Monaten nicht. Und bisher keinen einzigen Termin für einen Auftritt in diesem Jahr. Dabei sah der Chor nach dem ersten Stillstand zunächst ganz zuversichtlich in die Zukunft. Seit Anfang Juni traf man sich wieder dienstags im ehemaligen Kleinbahnhof, sogar das jährliche Chorwochenende im September ging in Gera ganz entspannt über die Bühne. Fotos von ausgelassenen Sängerinnen und Sängern zeugen von Tagen mit einer gewissen Normalität.

Damit ist es lange vorbei. Und das sorgt bei Helmar Federowski für gehörig Frust. „Wir haben die Schnauze voll“, sagt er und zitiert dabei Hessens Ministerpräsidenten Volker Bouffier (CDU). „Wir sind nicht nur ein Chor, sondern auch ein gesellschaftliches Ereignis.“ „Eine Familie“, ergänzt Gunter Dreßler. Und die brauche einander. Was der Stillstand und die Ängste im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie mit dem Verein machen werden, sei jetzt noch gar nicht abzusehen. „Bislang halten alle Mitglieder zur Stange“, sagt Dreßler. Aber ob das so bleibt, sei ungewiss.

Helmar Federowski indes schaut nach vorn. „Ich bin guten Mutes, dass wir künstlerisch wieder auf den Punkt kommen“, sagt er. Wie das klingen kann und soll, ist neben „Oh happy day“ in einem zweiten Video im Internet zu erleben. „Wenn’s Abend wird in unsrer Stadt“ heißt das von Federowski vor zehn Jahren für das Wilsdruffer Lichterfest geschriebene Lied, das der Wilandes-Chor im vergangenen Dezember nicht aufführen durfte.

Wilandes-Sänger nur im Video vereint

Dafür trat jeder einzeln zeitversetzt bei Wind und Wetter vor einem Bluescreen im Garten der Familie Pappermann auf. Am Ende singen die „Wilander“ vor Erinnerungsfotos aus ihrem bewegten Vereinsleben und vor weihnachtlicher Kulisse: „wir nehmen unsern Nachbarn mit auf eine Reise mit Musik“. Und Helmar Federowski haut dazu windumtost in die Tasten seines Keyboards, während hinter ihm auf dem Wilsdruffer Marktplatz ein Feuerwerk den Himmel erstrahlen lässt. Was für eine Botschaft in diesen düsteren Zeiten!

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