merken
PLUS Freital

Wie ein SED-Funktionär die DDR verarbeitet

Fast fünf Stunden schreibt Reinhild Schultes aus Bannewitz täglich. Jetzt ist ihr neuer Roman erschienen.

Die Autorin Reinhild Schultes aus Bannewitz hat ein neues Buch herausgebracht.
Die Autorin Reinhild Schultes aus Bannewitz hat ein neues Buch herausgebracht. © Daniel Schäfer

Claudia fliegt vor Weihnachten nach Kuba. Ihren Vater fragt sie provokativ am Telefon, ob sie Fidel Castro von ihm grüßen solle. Martin Tross wollte sich nur bei Tochter und Sohn für sein Geschenk bedanken. Im Briefkasten steckten ein Konzert- und Theateranrecht für die Semperoper und das Staatsschauspiel Dresden sowie 150 D-Mark. Auch interessierte ihn, ob die Kinder etwas von ihrer Mutter gehört haben. Sie lebt in Wien, getrennt von ihm.

Das Leben des überzeugten SED-Genossen ist mit der Wende gründlich durcheinandergeraten. Martin Tross war Hauptabteilungsleiter eines Kombinatsbetriebes und stellvertretender Parteisekretär. Als Hauptfigur ihres neuen Romans „Das Verhängnis einer Illusion“ lässt ihm die Autorin Reinhild Schultes eine lange Entwicklungszeit, bis er das Ende seines DDR-Traumes verwunden hat.

Anzeige
Fit und ohne Erkältung durch den Winter
Fit und ohne Erkältung durch den Winter

Nicht nur ein gesunder Lebensstil, auch ein Griff in die Phytothek kann dabei helfen, den Körper zu stärken. Professionelle Beratung gibt es in den StadtApotheken.

Zeitzeugen und Autobiografisches

Das 614 Seiten starke Buch ist ihr siebentes und wieder in der Edition Winterwork erschienen. Thematisch knüpft es an ihren Roman „In den Jahren der Sonnenfinsternis“ aus dem Jahr 2018 an. „Es behandelt wiederum die noch gar nicht so weit zurückliegende konfliktreiche deutsche Geschichte, die auch in der Gegenwart nichts von ihrer Brisanz eingebüßt hat“, sagt die Autorin. Die 77-Jährige hat Autobiografisches und Material von Zeitzeugen eingebaut.

Reinhild Schultes wuchs bis 1957 in Freital-Kleinnaundorf auf und lebte danach in Dresden. Im Jahr 1984 reiste sie nach überstandenen Repressalien nach Baden-Württemberg aus. Mit Freunden und früheren Arbeitskollegen blieb sie in Kontakt. Ehe sie im Jahr 2000 in die Heimat zurückkehrte, arbeitete sie elf Jahre in einem international agierenden Großkonzern in Stuttgart.

Im Jahr 2012 schrieb sie ihre Autobiografie. Sie führt nach Kleinnaundorf, den Sehnsuchtsort ihrer Kindheit, und zu den anderen Lebensetappen. Die Erinnerungen waren zunächst für ihre Tochter und die Enkeltöchter bestimmt. Dann entstand daraus das erste Buch.

Ein wenig Krimi muss sein

Auch Martin Tross sitzt eines Tages zwischen Umzugskisten. Aber erst gegen Ende des Romans. Seine Tochter ist längst mit dem französischen Journalisten Luc Bernard liiert. Der Sohn hat die Italienerin Laura Pratolini geheiratet, deren Familie eine Gastronomie- und Hotelkette mit Sitz in Hamburg betreibt. Die erwachsenen Kinder haben sich in der neuen Zeit schnell zurechtgefunden.

Martin Tross wirkt in den 1990ern zwar attraktiver als vorher. Doch dass er schlanker geworden ist, liegt an seinen Magenschmerzen und dem knappen Budget. In der Dresdner Gemäldegalerie hat er eine Frau kennengelernt, die malt. „Sie bringt in ihm unbekannte Saiten zum Klingen.“ Aber wenn er sie in ihrer Villa besucht, parkt er seinen Wartburg außer Sichtweite.

Schmerzhaft oft und unerwartet begegnet er früheren Kollegen, die wieder in leitender Stellung oder selbstständig tätig sind – er nicht. Vorm Umzug bringt ihm sein früherer Betriebsdirektor ein Paket aus der Bretagne. Fassungslos hört Tross, dass die Malerin dort von seinem einstigen Parteisekretär und Freund – zu dem er eine zunehmend ambivalente Beziehung hatte – erschossen wurde. Und dass sich sein langjähriger Freund danach das Leben nahm.

Neue Roman-Idee schon im Kopf

Reinhild Schultes schreibt vielschichtig und tiefgründig. „Die Arbeit war auch eine gewisse Ablenkung von den Problemen der Corona-Zeit. Doch sie beschäftigte mich gedanklich häufig bis in die Nacht“, sagt Reinhild Schultes. In Bannewitz, bundesweit, in der Schweiz und in Schweden haben Leser auf den Roman gewartet.

„Jetzt gönne ich mir eine Pause mit meinem Mann, der meine Schreibleidenschaft unterstützt“, sagt die Autorin. Eine neue Buchidee habe sie. Dabei lasse sie sich von einem Kriminalfall inspirieren, der sich im Jahr 1959 in Freital ereignet hat.

„Das Verhängnis einer Illusion“ von Reinhild Schultes, Taschenbuch, 12,90 Euro, Edition Winterwork

Mehr zum Thema Freital