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Schnelles Internet, aber kein Trinkwasser

Die Anwohner vom Landberg bei Herzogswalde sitzen jeden Sommer auf dem Trockenen. Sie wollen endlich ans Trinkwassernetz. Doch es gibt ein Problem.

Benjamin Krahl, Uwe Nitschke, Gunter Lützer (v. li.) wohnen am Landberg. Dort geben die Hausbrunnen kaum noch Wasser.
Benjamin Krahl, Uwe Nitschke, Gunter Lützer (v. li.) wohnen am Landberg. Dort geben die Hausbrunnen kaum noch Wasser. © Daniel Schäfer

Es regnet pausenlos seit dem frühen Morgen. Träge ziehen die Wolken über den Landberg bei Herzogswalde und bringen noch mehr Regen. Eigentlich müsste Gastwirt Uwe Nitschke das Wetter verfluchen, hält es doch Ausflugsgäste fern. Doch erstens ist in Corona-Zeiten sowieso alles anders und zweitens freut sich Uwe Nitschke über jeden Tropfen, der hier oben fällt. Denn er und seine Nachbarn beziehen ihr Trinkwasser nicht aus dem öffentlichen Netz, sondern aus Hausbrunnen. Und die sind mit dem dritten Hitzesommer in Folge am Ende.

"Wir hatten diesen Sommer jede Woche einen zusätzlichen Ruhetag eingelegt, damit das Wasser dann für die Wochenenden reichte", berichtet Nitschke. Dabei ist er noch gut dran. Das Gasthaus verfügt über zwei Brunnen, 50 und 55 Meter tief, sowie eine Zisterne. "Aber was hilft es, wenn es nicht regnet", fragt Nitschke. Irgendwann ist auch der tiefste Brunnen kaum noch in der Lage, Wasser zu sammeln.

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Nitschkes Nachbarn sind noch bescheidener dran. Die meisten Brunnen sind zwischen 16 und 36 Meter tief und liefern seit dem Rekordsommer 2018 zu wenig Wasser. Das sorgt für bizarre Situationen. Bei Familie Simon zum Beispiel, ein Paar mit zwei kleinen Kindern: "Wir müssen uns das Wasser einteilen, die Wäsche bringen wir in einen Waschsalon", berichten sie. Duschen sei im Hochsommer kaum noch möglich. 

Waschen im Salon, Duschen bei Bekannten

Ähnliches berichtet Andreas Mattick: "Meine Frau geht zum Duschen zu Bekannten, ich kann zum Glück auf Arbeit Duschen. Die Wäsche waschen wir bei der Verwandtschaft." Wasser zum Kochen und Trinken kaufen sich die Matticks in großen Kanistern im Handel. "Das glaubt einem keiner: Wir haben schnelles Internet, aber kein Trinkwasser", kommentiert Andreas Mattick.

Ganz schlecht ist die Situation für Ingo Redmer. Sein Brunnen reicht gerade einmal in fünf Meter Tiefe. "Wir haben trübes Wasser, selbst frisch gewaschene Wäsche stinkt, wenn man sie nicht sofort auf die Leine hängt. Trinken kann man das Wasser nicht." Redmer hat im Hitzesommer 2018 Proben an ein Labor geschickt, gezapft am Hahn in seiner Küche. "Die vorgestellte Probe entspricht nicht der Qualität von Wasser für den menschlichen Gebrauch", antworteten die Experten.

Sie hatten sogenannte E.coli und coliforme Bakterien gefunden, wie sie beispielsweise im Abwasser und Fäkalien vorkommen. Das Brunnenwasser der Redmers - es ist eigentlich ein Fall für das Gesundheitsamt. "Diesen Sommer habe ich mir mein Wasser mit einem Tankwagen heran geholt und am Haus in große Tanks umgefüllt", berichtet Redmer.

Den Menschen am Landberg hilft auch nicht weiter, wenn es im Sommer doch mal einen ordentlichen Gewitterschauer gibt. Die Hausbrunnen werden übers Grundwasser gespeist und nicht übers Oberflächenwasser. Doch die Grundwasserspiegel sind nach drei trockenen Jahren gesunken, die unterirdischen Wasserströme versiegen zunehmend. Die Not ist so groß, dass sich hier fast alle einig sind: "Wir wollen an das öffentliche Netz", sagt Gastwirt Uwe Nitschke und seine Nachbarn nicken. Doch es gibt ein Problem: die Kosten. 

Anschluss kostet viel Geld

Die nächsten Wasserleitungen liegen unten im Tal in Herzogswalde oder im benachbarten Tharandter Ortsteil Spechtshausen. Der Bau einer Stichleitung zum Landberg, inklusive Pumpstation, ist aufwendig und würde etwa 1,1 Millionen Euro kosten. Allerdings gibt es am Landberg nur 13 bewohnte Grundstücke, teils mit kleinen Haushalten. Bei einer Abfrage, die die Wasserversorgung Weißeritzgruppe im Sommer dieses Jahres durchführte, erklärten sich elf Hausbesitzer bereit, einen Anschluss zu beantragen. Die Kleingärtner - zehn Parzellen insgesamt - winkten gleich ab. Macht pro Grundstück 100.000 Euro Kosten. Dabei müsste also jeder Hauseigentümer tief in die Tasche greifen.

Denn der Freistaat gewährt maximal 40.000 Euro Zuschuss pro Anschluss. Den Rest müssen sich Wasserversorger und Hauseigentümer teilen, im Verhältnis 30 zu 70. Ein Trinkwasseranschluss kostet jeden Landberger demnach etwa 42.000 Euro plus Umsatzsteuer, also knapp 50.000 Euro. Eine Summe, die hier vielen zu teuer ist. Da helfen auch die 1.500 Euro Zuschuss, die die Stadt Wilsdruff freiwillig als kleine Unterstützung jedem Hausbesitzer zahlen würde, nicht viel.

"Es muss eine andere Lösung geben", fordert Ortsvorsteher Steffen Christof (AfD). Schließlich lebe man im Jahr 2020. "Da muss es in unserem Land selbstverständlich sein, dass jeder sauberes Trinkwasser aus der Leitung hat." Am Geld dürfe das nicht scheitern. 

Der Freistaat ist gefordert

Doch genau das könnte der Fall sein. Dass der Freistaat überhaupt bis zu 40.000 Euro Zuschuss pro Hausanschluss zahlt, war laut Frank Kukuczka, Geschäftsführer der Wasserversorgung Weißeritzgruppe, schon ein langer Kampf. Erst vor einigen Wochen wurde diese Förderung neu geregelt und erhöht. Zuvor lag der Zuschuss bei maximal 20.000 Euro. Weil es im Fall des Landbergs trotzdem zu wenig ist, fordert Kukuczka eine Härtefallregelung. "Nur wenn die beträchtliche Finanzierungslücke durch weitere Zuweisungen in Höhe von mindestens 85 Prozent der Herstellungskosten durch den Freistaat Sachsen geschlossen würde, bestünde eine Chance zum Anschluss der elf Grundstücke des Landberggebietes", sagt er.

Sich selbst möchte der Wasserversorger diese Kosten nicht aufbürden. Die jährlichen Einnahmen über den Grundpreis würden die Investitionskosten erst in Jahrzehnten amortisieren, heißt es bei der Weißeritzgruppe. Und die Kosten quasi auf alle anderen Abnehmer umzulegen, hält Geschäftsführer Kukuczka rechtlich für bedenklich. Was schlägt Frank Kukuczka also vor?

"Die Bemühungen, gemeinsam beim zuständigen Ministerium und dem Freistaat Sachsen für eine Härtefallregelung, die ihren Namen auch wirklich verdient, dürfen nicht abreißen", sagt er. Mit anderen Worten: Lokalpolitiker und Wasserversorger müssen gemeinsam die Landesregierung überzeugen.

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Das fordert auch Ortsvorsteher Christof: "Mir fehlt hier die Initiative seitens der Stadt. Wir brauchen eine politische Lösung", sagt er in Richtung Wilsdruffer Rathaus. Bis die kommt, ist es locker wieder Sommer. Uwe Nitschke und seine Nachbarn werden vorerst weiter auf Regen hoffen müssen. 

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