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Lederfabrik Freital: Der letzte Dreck

Die Sanierung der Industriebrache nähert sich dem Finale. Nun muss noch extrem belastetes Erdreich ausgetauscht werden - mit einem besonderen Verfahren.

Auf diesem Areal befand sich einst das Lohbecken der Lederfabrik und kontaminierte das Erdreich.
Auf diesem Areal befand sich einst das Lohbecken der Lederfabrik und kontaminierte das Erdreich. © Egbert Kamprath

Die oberste Bodenschicht ist unter dem Sonnenschein der vergangenen Tage endlich abgetrocknet. Die Baustelle an der Freitaler Lederfabrik ist wieder begehbar, ohne dass man gleich knöcheltief im Schlamm steckt. Jens Römisch bleibt an einer Kante einer riesigen, etwa zwei Meter tiefen Baugrube stehen. Linkerhand befindet sich der Netto-Markt, vor ihm das letzte große Problem. "Unser Hotspot", sagt Römisch, Projektleiter bei der Stadt Freital.

Das Erdreich in der Grube sieht auf den ersten Blick ganz normal aus. Eine Mischung aus Sanden, Kiesen, Humus, mittendrin ragt noch ein vergessenes Stück Baustahl daraus hervor.

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Doch was da im Boden schlummert, ist hochgradig chemisch belastet. Mehr als an anderen Stellen unter der abgerissenen Lederfabrik schlugen hier die Messgeräte bei der Analyse der Bodenproben aus. Denn an der Stelle befanden sich einst die Lohbecken der Lederfabrik.

Undichtes Lohbecken verseuchte Erdreich

Fast ein Jahrhundert lang wurden an der Poisentalstraße Tierhäute zu Leder verarbeitet. In den einzelnen Produktionsschritten kamen viele verschiedene Chemikalien zum Einsatz. Über die umweltbelastenden Rückstände machte sich damals jedoch keiner Gedanken.

Im Lohbecken wurden die Tierhäute in Gerbstoffe eingeweicht. Früher war das Eichenrinde, später wurden dafür synthetische Stoffe verwendet, unter anderem Chromverbindungen. Was genau in der Lederfabrik zum Einsatz kam, ist im Rathaus nicht bekannt. Fakt ist: Das Lohbecken muss undicht gewesen sein. Wohl über Jahre und in viele Kubikmetern gerechnet hat die Brühe das Erdreich unter der Fabrik verseucht.

Das ganze Ausmaß der Umweltschäden kam erst zum Vorschein, nachdem die Fabrik 2019 abgerissen war. "Dass das niemand falsch versteht: Im gesamten Fabrikgelände war der Boden kontaminiert und musste entsorgt werden. An dieser Stelle jedoch ist es besonders extrem", erläutert Jens Römisch. Die Experten sprechen deshalb von Hotspot.

Die Lederfabrik im Sommer 2019 vor dem Abriss. Zu dem Zeitpunkt stand nur noch der Kern des einstigen Fabrikgeländes. Nebenanlagen waren schon Jahre zuvor abgebrochen worden.
Die Lederfabrik im Sommer 2019 vor dem Abriss. Zu dem Zeitpunkt stand nur noch der Kern des einstigen Fabrikgeländes. Nebenanlagen waren schon Jahre zuvor abgebrochen worden. © Egbert Kamprath

Hotspot ist 500 Quadratmeter groß

Gefunden wurde eine erhöhte Konzentration von Chrom und polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen kurz PAK. Das Bundesumweltamt schreibt dazu auf seiner Internetseite: "Für Mensch und Umweltorganismen sind PAK eine besorgniserregende Stoffgruppe. Viele PAK haben krebserregende, erbgutverändernde und fortpflanzungsgefährdende Eigenschaften."

Dieser Hotspot, etwa 500 Quadratmeter groß, wird nun als letzter Bauabschnitt saniert. Dabei kommt ein besonderes Verfahren zum Einsatz. Zunächst musste in einem ersten Schritt das Gelände in Richtung Netto-Markt abgestützt werden. Denn die kritische Fläche reicht bis an den Zaun zum Einkaufsmarkt heran. Die Bagger müssen sich hier tief in den Boden hineinarbeiten.

Damit das Markt-Gelände nicht abrutscht, wurden entlang der Grundstücksgrenze Löcher senkrecht in den Boden gebohrt und gut acht Meter lange Stahlträger eingelassen. In die Träger werden Hölzer eingelegt, sodass eine Wand entsteht - Experten sprechen von Trägerbohlenwand.

Gut ein Dutzend Stahlträger wurden ins Erdreich eingebaut, um das Gelände des Netto-Marktes zu stützen. Als nächstes werden hier die Holzbohlen eingebaut.
Gut ein Dutzend Stahlträger wurden ins Erdreich eingebaut, um das Gelände des Netto-Marktes zu stützen. Als nächstes werden hier die Holzbohlen eingebaut. © Egbert Kamprath

Grundwasserqualität wird überwacht

Steht die Stütze, werden als nächstes drei Brunnen im Baufeld angelegt, jeder etwa acht Meter tief ab der Geländeoberkante gemessen. Darin soll sich das Grundwasser sammeln. Weil es ebenfalls kontaminiert ist, wird es abgepumpt, gereinigt und kann dann ins Abwassernetz eingeleitet werden.

Absolut sauber sei das Wasser nach dem Reinigungsprozess, sagt Projektleiter Römisch: "Das Ingenieurbüro versicherte uns, dass man das Wasser trinken könnte."

Parallel dazu beginnt der Austausch des kontaminierten Bodens. Drei bis vier Wochen Zeit sind dafür veranschlagt. Etwa neun Meter ab Straßenniveau gerechnet muss man in die Tiefe gehen.

Der verseuchte Aushub wird auf eine dafür geeignete Sondermülldeponie gefahren und sauberes Bodenmaterial eingebaut - so wie zuvor schon auf der restlichen Brache. Ist der Bereich Ende Juni komplett saniert, kann auf der Fläche die Gestaltung des geplanten Mühlenparks beginnen.

Zusätzlich entstehen an der Grenze zum Nettomarkt als letztes noch zwei Brunnen. In diesen sammelt sich Grundwasser, dessen Qualität überwacht wird. Das sogenannte Monitoring soll dazu dienen, sofort Alarm zu schlagen, sollten sich abermals Giftstoffe in dem Gelände sammeln.

Jens Römisch ist Projektleiter bei der Stadt Freital. In den Container hinter ihm befindet sich die Reinigungsanlage für das abgepumpte Grundwasser.
Jens Römisch ist Projektleiter bei der Stadt Freital. In den Container hinter ihm befindet sich die Reinigungsanlage für das abgepumpte Grundwasser. © Egbert Kamprath

Baustelle mit Kostenexplosion

Dass im Fabrikgelände noch so ein Hotspot auftaucht, hat nicht nur die Sanierungsarbeiten verzögert, sondern auch die Preise in die Höhe getrieben. Die Stadt hatte zunächst mit Gesamtkosten von 1,5 Millionen Euro gerechnet. Eine Bietergemeinschaft bekam dann den Zuschlag für 1,1 Millionen Euro.

Doch zu früh hatte man sich im Freitaler Rathaus über das vermeintliche Schnäppchen gefreut.

Im Laufe der Bodensanierung traten zusätzliche Probleme zutage, die die Kosten um gut 240.000 Euro nach oben schraubten. Die Hotspot-Sanierung wird nun noch mal richtig teuer und schlägt mit weiteren gut 720.000 Euro zu Buche.

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