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"Ich bin taub, nicht dumm"

Bettina Kreher ist eine von acht Mitarbeitern, die bei Bombastus in Freital einen Behindertenarbeitsplatz haben. Sie erzählt aus ihrem Alltag.

Fleißig, zuverlässig und immer gut drauf: Bettina Kreher ist bei Bombastus eine wichtige Mitarbeiterin.
Fleißig, zuverlässig und immer gut drauf: Bettina Kreher ist bei Bombastus eine wichtige Mitarbeiterin. © Egbert Kamprath

Heute ist der Salbeiblüten-Trunk dran. Bettina Kreher greift nach einer der schlanken Flaschen, legt sie in ein Gerät ein, es macht "flop" und schon sitzt auf dem Glaskörper ein schickes Etikett. Dann ist die nächste Flasche dran, und die nächste und immer so weiter. Zwischendurch steht Bettina Kreher auf, um die Flaschen - immer sechs Stück - in Pappkartons zu stellen und diese mit einem dicken Klebeband zu verschließen.

Die 61-Jährige arbeitet beim Heilmittelproduzenten Bombastus in Freital. Sie ist eine von acht festangestellten Mitarbeitern in dem 150-Mann-Betrieb, die einen Arbeitsplatz als Schwerbehinderte haben. Unternehmen mit mindestens 20 Arbeitsplätzen sind in Deutschland per Gesetz verpflichtet, fünf Prozent ihrer Jobs an Behinderte zu vergeben. "Diese Quote haben wir bisher fast immer erfüllt oder sogar übererfüllt", sagt Vorstand Ulrich Brodkorb. Darauf darf an diesem 3. Dezember, der als Internationaler Tag der Menschen mit Behinderung gilt, ruhig mal hinweisen.

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Masern führten zur Behinderung

Wer sich mit Bettina Kreher unterhält, kommt schnell zu dem Schluss, dass ihr Leben eigentlich ein ganz normales ist. Sie setzt sich frühmorgens in den Bus und fährt zur Arbeit. 6.30 Uhr beginnt ihre Acht-Stunden-Schicht. Ihre Freizeit verbringt sie am liebsten mit Gartenarbeit. Zu ihren Hobbys zählt das Nähen. Bei schönem Wetter unternimmt sie gerne Radtouren. Sie ist geschieden, aber seit 18 Jahren in festen Händen. "Mein Partner kann hören", sagt sie.

Sie selbst ist taub. Lediglich Musik kann sie aufgrund der Schwingungen erfühlen. Das war nicht immer so. Sie hatte bereits das Sprechen erlernt, als sie mit zweieinhalb Jahren an den Masern erkrankte. Die Infektion mit ihren Begleiterscheinungen schädigte das Gehör irreparabel. Seitdem ist die Welt um Bettina Kreher von absoluter Stille geprägt.

Ihre Eltern kämpften um ihr Kind und ein normales Leben. Sie trainierten das Sprechen und schickten ihre Tochter als Vierjährige in eine Sprachschule. Später wurde Bettina Kreher in eine spezielle Förderschule in Dresden eingeschult. "Nicht in die Gehörlosenklasse, sondern bei den Schwerhörigen", erzählt sie. Wenn sie redet, klingt es etwas laut und mitunter abgehackt. Manche Worte kommen etwas undeutlich aus ihrem Mund. Man muss sich etwas reinhören. Aber Bettina Kreher kann sich mit anderen unterhalten, das ist ihr wichtig. Die Worte liest sie ihren Mitmenschen vom Munde ab. "Schön langsam reden", bittet sie. Für das Interview mit der Zeitung dolmetscht eine Kollegin zusätzlich per Zeichensprache - damit nichts missverstanden wird.

In Tharandt Leiterplatten gelötet

Bettina Kreher lernte nach der Schule Elektromontiererin. Sie arbeitete erst in Tharandt, wo sie Leiterplatten lötete. Später wechselte sie nach Dresden und setzte Doppelkochplatten zusammen. "Ich bin taub, aber nicht dumm", sagt sie und lacht.

Die gute Laune sei eines ihrer Markenzeichen. Das sagt Abteilungsleiterin Cornelia Bergmann, die direkte Vorgesetze von Bettina Kreher. "Sie ist ein fröhlicher, positiver und selbstbewusster Mensch. Wir haben ein gutes Verhältnis."

Bei Bombastus ist Bettina Kreher für die Etikettierung der Produkte zuständig. Außerdem verpackt sie die Ware versandfertig. Ihr Reich ist im Keller des Hauptgebäudes an der Wilsdruffer Straße. Es sind helle Räume, in denen Regale, Maschinen und ein Computer stehen. Meistens arbeitet Bettina Kreher alleine. Kontakte zu den anderen Kollegen gibt es in der Mittagspause oder bei Besprechungen. Sie wirkt zufrieden mit dem, was sie macht.

Seit 20 Jahren bei Bombastus

Bei Bombastus ist man froh, Mitarbeiter wie Bettina Kreher zu haben. Zuverlässig, sorgfältig, fleißig. Überhaupt habe man so gut wie nie schlechte Erfahrungen mit gehandicapten Beschäftigten gemacht, sagt Ulrich Brodkorb. "Ich kann mir vorstellen, dass manche Arbeitgeber davor zurückschrecken, Menschen mit Behindertengrad einzustellen. Vielleicht liegt es daran, dass man sie schlechter kündigen kann, wenn es gar nicht zusammenpasst." Bei Bombastus habe es so eine Situation noch nie gegeben. Der älteste, behinderte Mitarbeiter kam 1973 ins Unternehmen, auch er ist taub. Vor ein paar Wochen ging er in Rente, arbeitet aber noch stundenweise.

Nur Rollstuhlfahrer kann man hier nicht beschäftigen. Die Bauweise der Gebäude, teils vor gut 100 Jahren errichtet, lässt das nicht zu. Bombastus bildet derzeit einen jungen Mann zum Lageristen aus, der behindert ist. Der Azubi ist über einen Dresdner Bildungsträger angestellt und absolviert in Freital den praktischen Teil seiner Lehre.

Wie findet man zusammen? "Wir rennen nicht da draußen herum und machen groß Werbung, dass wir gerne Menschen mit Behinderung einstellen", sagt Ulrich Brodkorb. Oft ergebe es sich durch Zufall. Der Zufall verhalf vor 20 Jahren auch Bettina Kreher zu der Stelle bei Bombastus. Sie war damals arbeitslos geworden. Gemeinsam mit ihrer Mutter ging sie zum Arbeitsamt und schilderte ihre Situation. Im Jahr 2000 herrschte in der Region noch eine hohe Arbeitslosigkeit, kaum einer wartete auf Leute wie Bettina Kreher. Sie hatte Glück, der Zufall half und sie wurde zu Bombastus vermittelt.

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