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Fahrradklimatest: Freital nur mittelmäßig

Die Umfrage zeigt die Schwächen im Radwegenetz der Stadt auf. Einige Punkte werden von den Radfahrern aber auch positiv bewertet.

Radfahren ist in, doch die Verantwortlichen der Stadt Freital tun sich damit schwer.
Radfahren ist in, doch die Verantwortlichen der Stadt Freital tun sich damit schwer. © Karl-Ludwig Oberthür

Mehr war auch dieses Mal nicht drin: Beim großen Fahrradklimatest, den der Allgemeine Deutsche Fahrradclub (ADFC) alle zwei Jahre durchführt, schnitt Freital abermals nur mittelmäßig ab. Auf einer Schulnotenskala bewerteten die Umfrageteilnehmer die Stadt mit 4,24. Das ist Platz 338 unter den Städten zwischen 20.000 und 50.000 Einwohnern.

Damit hat sich Freital im Vergleich zur Erhebung von 2018 weder verbessert noch verschlechtert. Immerhin: Vergleichbare Städte im Umkreis wie Meißen (Platz 343), Freiberg (Platz 344) oder Pirna (Platz 349) schnitten noch etwas schlechter ab.

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Beim ADFC ist man mit der Situation in Freital trotzdem nicht glücklich: "Die Ergebnisse für die Stadt Freital zeigen einen Aufholbedarf. Freital ist schlechter als der bundesweite Durchschnitt und auf Rang 13 von 19 sächsischen Städten dieser Größenordnung", sagt Konrad Krause, Geschäftsführer des ADFC Sachsen.

Die Erhebung: 27 Fragen an die Radfahrer

Der Fahrradklima-Test ist die größte Umfrage zum Fahrradklima weltweit und wird seit 2012 alle zwei Jahre vom ADFC durchgeführt. Er umfasst 27 Fragen. Zwischen September und November 2020 konnten Radfahrende deutschlandweit ihre Meinung zu den Radverkehrsbedingungen in ihrer Stadt äußern.

Bei der aktuellen Befragung wurden außerdem fünf Zusatzfragen zur Entwicklung des Radverkehrs während der Corona-Pandemie erhoben. Das Fahrradklima, also die Wahrnehmung der Radverkehrsbedingungen, hat sich bundesweit weiterhin verschlechtert. 2014 wurde das Fahrradklima noch mit der Schulnote 3,7 bewertet, 2016 mit 3,8, 2018 mit 3,9 und nun mit 3,93.

2020 bewerteten in Freital 114 Personen ihre Stadt nach Fahrradkriterien, in Sachsen waren es über 11.000 und deutschlandweit sogar fast 230.000.

Die Stimmung: Freitaler Radfahrer gestresst

68 Prozent der Freitaler fühlen sich gestresst, wenn sie mit dem Rad unterwegs sind. Das mag vor allem daran liegen, dass sichere Radwege fehlen. Gerade wer im Alltag mit dem Rad zur Arbeit, zum Einkaufen oder zu anderen Besorgungen unterwegs ist, wählt oft den kürzesten Weg, also die Routen entlang der Hauptstraßen.

Doch gerade an der Dresdner Straße und der Poisentalstraße gibt es keinen Radweg, sondern nur Radstreifen - und zwar mit erheblichen Lücken. Auch an der Wilsdruffer Straße gibt es keinen durchgehenden Radweg, sondern nur stadteinwärts auf einem kleinen Stück einen Radweg im Bereich des Bürgersteigs.

Da sind Konflikte programmiert: 78 Prozent gaben an, dass es häufig Konflikte zwischen Radfahrern und Autofahrern gibt. Sogar 80 Prozent der Umfrageteilnehmer sehen sich im Freitaler Straßenverkehr auf dem Rad gefährdet. 87 Prozent der Befragten bedauern, dass in Freital fürs Radfahren nicht geworben wird.

Die Sicherheit: Viele fühlen sich bedrängt

Nicht gut schnitt die Stadt auch bei den Sicherheitsaspekten ab. So gaben 85 Prozent an, sich auf der Straße von Autofahrern bedrängt oder behindert zu fühlen. Dabei gilt laut Straßenverkehrsordnung, dass Autofahrer beim Überholen einen Sicherheitsabstand von mindestens 1,50 Meter zum Radfahrer halten müssen.

75 Prozent der Freitaler meinten, selbst auf Radwegen oder Radstreifen könne man nicht sicher fahren. Das mag auch daran liegen, dass manche Wege als echte Slalomstrecken gelten - ein Umstand, den auch schon die Arbeitsgemeinschaft Rad bemängelte. Kein Wunder also, dass 61 Prozent der Umfrageteilnehmer kritisierten, dass auf Freitals Radwegen Hindernisse wie Laternenpfähle oder Werbeständer stören.

71 Prozent monierten zudem, dass seitens der Ordnungskräfte kaum etwas gegen auf Radwegen parkende Autos unternommen würde.

Die Infrastruktur: Guter Zustand der Radwege

Es gibt aber auch Lob für Freitals Radwege. So bewertete mit 52 Prozent der überwiegende Teil der Befragten den baulichen Zustand und die Oberfläche von Freitals Radwegen mit gut, was deutlich über dem sächsischen Durchschnitt von 35 Prozent liegt. Punkten konnten hier sicherlich der Radweg von Kleinnaundorf nach Possendorf, der Radweg in Richtung Tharandt und der Edgar-Rudolph-Weg von Potschappel über Wurgwitz und weiter in Richtung Kesselsdorf - alle drei weitestgehend asphaltiert.

Jedoch bedauern 84 Prozent, dass die Freitaler Radwege viel zu schmal sind. 67 Prozent sagen, dass die Ortsmitte von Freital gut mit dem Rad zu erreichen sei. Gelobt wird vom überwiegenden Teil der Radfahrer die Ausschilderung der Radwege.

Weniger gut schnitt auch das Thema Abstellmöglichkeiten ab. Zwar hat die Stadt zum Beispiel bei der Gestaltung des Neumarktes, am Bürgerbüro Bahnhof Potschappel und am Mehrgenerationenpark Fahrradbügel aufgebaut und zeigt damit, dass man verstanden hat. Doch das reicht nicht: 75 Prozent meinten, es gebe kaum geeignete Abstellmöglichkeiten.

Hier sind auch die Grundstückseigentümer und Geschäftsinhaber mehr gefragt, solide und sichere Abstellmöglichkeiten für ihre Mieter oder Kunden anzubieten.

Die Tendenz: Radfahren wird immer beliebter

Lange Lieferzeiten für neue Räder, volle Radwege an den Wochenenden - der Boom der vergangenen Jahre ist auch an Freital nicht vorüber gegangen. Während 2018 noch 52 Prozent sagten, dass in Freital nicht alle Altersgruppen das Rad benutzen, so hat sich dieser Trend umgekehrt: 62 Prozent geben aktuell an, dass in Freital Radfahren bei jung und alt üblich sei.

Ein Schub hat es hierbei wohl auch aufgrund der Corona-Pandemie gegeben. So gaben 75 Prozent an, dass aufgrund der Pandemie bei ihnen die Bedeutung des Rades gestiegen sei. Weitere 64 Prozent sagten, dass sie während der Pandemie mit dem Rad neue Ziele in der näheren Umgebung entdeckt hätten.

Doch der Aufwind spielt sich im privaten Bereich ab. In der öffentlichen Diskussion wird das Thema in Freital dagegen kaum wahrgenommen. Sehr zum Bedauern vieler Befragten. 89 Prozent gaben an, dass es während der Corona-Zeit keine Signale für mehr Fahrradfreundlichkeit gegeben habe.

Das Geld: Sachsen will Budget stark kürzen

Für den ADFC ist die Zeit überreif, mehr in den Ausbau des Wegenetzes zu investieren. "Die Kommunalpolitik darf diese Entwicklung nicht verschlafen. Die Menschen wollen mehr Wege mit dem Rad zurücklegen. Doch damit sie das tun, brauchen sie ein durchgehendes und sicheres Radnetz", sagt Konrad Krause.

Sehr zu seinem Bedauern wird das aber schwer, denn die Landesregierung will die finanziellen Mittel kürzen. "Der Haushaltsentwurf der sächsischen Staatsregierung sieht eine Reduzierung von Mitteln zum Ausbau kommunaler Radwegenetze von 11,7 Millionen Euro im Jahr 2020 auf rund 2,4 Millionen Euro ab 2021 vor", schildert Krause.

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Alle Ergebnisse des Fahrradklimatests sind unter www.adfc.de abrufbar.

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