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„Junge Stadt – alte traute Heimat ...“

Ein 17-Jähriger komponierte vor 100 Jahren eine Freital-Hymne, die jetzt wieder erklingen soll.

Die ursprüngliche Fassung der im Herbst 1921 zur Stadtgründung von Johannes Lange komponierten „Hymne an Freital“.
Die ursprüngliche Fassung der im Herbst 1921 zur Stadtgründung von Johannes Lange komponierten „Hymne an Freital“. © privat

Die Männer geben den Ton an. Wer im Plauenschen Grund an der Wiege des Chorgesangs steht, lässt sich mit letzter Sicherheit nicht mehr sagen. Es könnte der Glasmachergesangsverein gewesen sein, der schon 1800 erste Konzerte im Weißeritztal gibt.

In jenen Tagen ist in unserer Gegend noch nicht an gemischte Chöre oder gar an singende Damenvereinigungen zu denken. Das 19. Jahrhundert wird zur großen Zeit der Männerchöre. In Tharandt setzt die klingende Geschichte am 3. Mai 1844 mit der Gründung eines Männergesangsvereins unter Leitung von Pfarrer Heyne ein. Deuben hat um 1847 mit „Liederkranz“ und „Frohes Lied“ gleich zwei Eisen im Feuer. 50 Mitarbeiter der Gussstahlfabrik rufen im Mai 1864 den „Liederhain“-Chor ins Leben, der nach einigen Irrwegen 1889 25-jähriges Bestehen feiert. Hurtig geht es weiter. Aus Potschappel kommt erste Kunde von „Harmonia“ und „Germania“. „Döhlener Sangesfreunde“ formieren sich zum „Loreleyverein“, in Hainsberg singt „Teutonia“. Das idyllische Poisental wird zur Heimat von „Silberblick“. Viele Berufsgruppen legen Wert auf eigene Chöre. So die Bäcker, Schuhmacher und Lehrer. Angesichts dieser Fülle ist die Schlagzeile für „singender, klingender Plauenscher Grund“ nur allzu gerechtfertigt. Am Ende des Jahrhunderts breiteten sich gemischte Chöre aus. Die Mitglieder kommen zum Teil aus kirchlichen Kreisen, wie ja überhaupt die Kirchen von Deuben und Döhlen zu Stätten von großen, für unsere Heimat bedeutenden Konzertaufführungen werden. In den 90er-Jahren steht sogar die Matthäus-Passion im Programm.

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1904 in Döhlen geboren: Kapellmeister Johannes Lange, der als 17-Jähriger eine Hymne auf seine Heimatstadt schrieb.
1904 in Döhlen geboren: Kapellmeister Johannes Lange, der als 17-Jähriger eine Hymne auf seine Heimatstadt schrieb. © privat

Durchforscht man die Geschichte der einheimischen Kapellen, so bestimmen längere Zeit zwei Klangkörper die Spitze: die Burgker Kapelle unter Krieg und Schönberg sowie das Bergmusikkorps der Königlichen Steinkohlenwerke. Bis kurz nach dem Zweiten Weltkrieg halten sich in Freital einige Blasorchester, Streichergruppen und Volksinstrumentenformationen. Die Melodien, die sie spielten, sind inzwischen längst verklungen. Heute existiert in Freital nicht einmal mehr eine Stadtkapelle.

Jede Menge Poesie

Eines fällt auf: Als sich 1921 die Stadtbildung Freitals andeutet, fühlen sich viele heimliche Poeten angesprochen. Eine Flut von Gedichten und Reimen ergießt sich in die Rathäuser und Redaktionsstuben. Einiges wird gedruckt und so der stauenden Öffentlichkeit bekannt gemacht. Anderes verschwindet für immer in Schubladen und Papierkörben.

Dem Stadtgeburtstag am 1. Oktober 1921 gewidmete Lieder machen die Runde. Ein Herr Kuhnke aus Burgk komponiert nach einem Text von H. Jäger das Chorlied „Die neue Stadt Freital“. Vier Verse, die mit der Refrainzeile „Freital ist der Name, ja Freital im Grund“ ausklingen. Der Freitaler Musikverlag O. Seifert verlegt das Lied zunächst nur für Männerchöre. Das Interesse ist indes so stark, dass die Neuheit gar bald auch als Lied für gemischten Chor, Solostimme und Klavier erscheint.

Mit sechs erstes Klavierkonzert

Gerade mal 17 reicht Johannes Lange, der spätere Kapellmeister, eine „Hymne an Freital“ ein. Lange, am 14. Mai 1904 in Döhlen geboren, wird durch die Einflussnahme des Vaters, Justizamtsmann mit künstlerischen Ambitionen, schon früh in die Welt der Musik eingeführt. Als Sechsjähriger gibt Johannes sein erstes kleines Klavierkonzert vor Publikum. Er versucht sich im Komponieren und nimmt nach Besuch der Volks- und Realschule ein Musikstudium am Dresdner Konservatorium auf. Sein Lehrer: Kapellmeister Kurt Striegler. 1924 legt er die Reifeprüfung ab, zwei Jahre später wird er als Korrepetitor an die Dresdner Staatsoper verpflichtet, wo er unter dem legendären Generalmusikdirektor Fritz Busch arbeitet. Die Einstudierung von Opernpartien bringt ihm die Anerkennung der renommierten Kammersängerin Maria Cebotari ein, die er bei Konzerten am Flügel begleitet.

Aus dem Zweiten Weltkrieg zurückgekehrt, finde Lange an der neu eröffneten Volksoper und an den Landesbühnen Sachsen ein neues Wirkungsfeld. Wiederholt wird ihm die musikalische Leitung von Opernaufführungen anvertraut. Er steht unter anderem bei Verdi- und Pucciniopern am Dirigentenpult. Mehr denn je wendet er sich dem kompositorischen Schaffen zu.

Nach Texten von Dehmel, Hofmannsthal und Puschkin schreibt Johannes Lange eine Reihe von Liedern. Sein Kindertanzspiel „Der neue Däumling“ wird nicht nur im Dresdner Raum inszeniert. Die Freital-Hymne, deren Text möglicherweise auch von Lange stammt, besingt die Verschmelzung der drei Gemeinden Potschappel, Döhlen und Deuben zu Freital – „Junge Stadt im Plauenschen Grund, altvertraute Heimat...“.

Das Werk von Kapellmeister Lange soll zum 100. Geburtstag der Stadt am Windberg am 17. Oktober, 15 Uhr im Stadtkulturhaus Freital, Lutherstraße wiedererklingen. Wie wir dazu vonseiten des Männerchores Poisental erfahren, wurde die Langesche Schöpfung vom jetzigen künstlerischen Leiter der singenden Freitaler Gemeinschaft, Kantor Hendrik Dienel, für die Sängerschar unserer Tage neu arrangiert. Aus den ursprünglichen sechs Versen wurde drei übernommen. Die musikalische Substanz erfuhr einige moderne Veränderungen. Die Wiederaufführung der Hymne ist Bestandteil einer weiteren Folge der von Gert Knieps inszenierten und moderierten traditionellen Veranstaltungsreihe „Freitals Bunte Illustrierte“. Zum Kreis der Mitwirkenden gehört der Männerchor Poisental, der die Komposition von Kapellmeister Lange gegenwärtig einstudiert.

Der Chor, dessen Geschichte 1861 begann, übt jeden Dienstag, 19 Uhr im Grundstück Rudeltstraße 1.

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