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Wie Tharandt für Ikea forscht

Streichhölzer oder Styroporersatz - die Pappel kann mehr, als nur ein Baum sein. Warum Pappelplantagen bald auch hier auf dem Acker stehen könnten.

Dr. Matthias Meyer und Sandra Liebal in der Pappel-Versuchsanlage in Tharandt
Dr. Matthias Meyer und Sandra Liebal in der Pappel-Versuchsanlage in Tharandt © Norbert Millauer

Irgendwo zwischen Wien und Bratislava liegt das slowakische Malacky. Ein Ort an dem Forschung auf Praxis trifft: Vor mehr als 20 Jahren hat Ikea Industry dort begonnen, Spannplatten für Möbel herzustellen. Seit 2017 wird das Unternehmen dabei von zahlreichen Forschern begleitet - unter anderem von den Forstwissenschaftlern der TU Dresden Sandra Liebal und Matthias Meyer aus Tharandt.

Sie sind Teil eines europaweiten Projekts, das keinen anderen Baum als die Pappel in den Fokus nimmt. Ein unscheinbares Gehölz, jahrelang für Streichhölzer oder Erdbeerkörbe verwendet, könnte der neue Zukunftsbaum für den Acker werden.

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Durch die Pappel weg von fossilen Energien

Hier in der Region steht die Pappel meist an Feldrändern oder in Ufernähe. Bald könnte ihr Holz aber Styropor ersetzen. Dieses Material wird seit Jahrzehnten verwendet, um Elektroartikel beim Transport zu schützen. Doch Styropor wird aus Erdöl gewonnen. "Diese Ressource ist auf lange Sicht begrenzt", sagt Sandra Liebal. 

Eine Lösung bietet Pappelholz, denn mit deren Fasern ist es genauso möglich, den eingepackten Laptop durch die Welt zu schiffen. In der Rinde verstecken sich nämlich sogenannte Fungizide - also eine Art Pilzbekämpfungsmittel. So bleibe die Verpackung mehrere Monate schimmelresistent. 

Tharandter forschen für Ikea

Aber nicht nur das, auch Ikea Industry hat ein großes Interesse an den unscheinbaren Bäumen. Das berühmte Billy-Regal soll sich ändern. Ikea will CO2 einsparen. Das Ziel: Die schweren Spannplatten sollen zukünftig zum Teil aus Pappelholz bestehen und somit viel leichter werden. 

Denn je leichter, desto weniger Energie muss beim Transport aufgewendet werden. Das lässt sich am Beispiel Treppensteigen ganz einfach belegen: Je leichter der Einkaufskorb, desto weniger strengt es an.

Pappelholz kann also vielseitig verwendet werden. Um die Wirtschaft grüner zu gestalten, soll für die Pappelplantage aber kein Wald abgeholzt werden. Die Bäume kommen aufs Feld.

Bäume auf den Acker

Das Anlegen einer Pappelplantage mit Steckhölzern.
Das Anlegen einer Pappelplantage mit Steckhölzern. © DendroMass4Europe

Die Pappeln werden auf schlechten Ackerböden angebaut. Sie wachsen also nicht auf wertvollen Getreide- oder Kartoffelstandorten. "Sie sind dort zu finden, wo sowieso nicht viel wächst, außer man düngt und spritzt zu viel", sagt Matthias Meyer. 

Die Plantagen bleiben aber nicht lange auf dem Acker - maximal 20 Jahre. So entsteht ein kurzweiliger Wald, oder wie Matthias Meyer berichtigt: eine Kurzumtriebsplantage. Denn die Pappel solle keinen naturnahen Wald verdrängen. Vielmehr gehe es darum andere Monokulturen wie Mais oder Raps teilweise zu ersetzen.

Lieber Pappel oder Mais?

Denn auch die Pappel gehört zu den  Rohstoffpflanzen. Im Vergleich zu Mais habe sie aber einige Vorteile zu bieten, schwärmt Matthias Meyer. Sie wurzelt viel tiefer und hält so den Boden bei Wind und Regen fest. Die Pappel erschließt Nährstoffe aus den tiefen Bodenschichten und reichert die zukünftige Ackerfläche wieder an. 

Auch aufs Düngen und Spritzen könne weitestgehend verzichtet werden, weil der Baum sehr anspruchslos sei, erklärt Matthias Meyer. Mais müsse man jedes Jahr ernten, Pappeln nur alle fünf Jahre. Und so entwickeln sie sich zu Rückzugsräumen für spezielle Tierarten. 

Bedrohte Arten auf Pappelplantagen

Mehrere Jahre alte Pappelplantage in der Slowakei
Mehrere Jahre alte Pappelplantage in der Slowakei © DendroMass4Europe

So könne man in der Dämmerung Kröten und Frösche quaken hören. Wildbienen  würden umherschwirren, weil sie unterhalb der Bäume nahrhafte Wildkräuter finden und sogar Vögel brüten in den Kronen. 

Doch nur Greenwashing?

Leichtere Spanplatten, schimmelresistente Verpackungen, Energiepflanze - und dazu noch eine gute Biodiversität. Klingt so, als ob die Pappel der perfekte "Baum for Future" wäre. Oder ist das alles doch zu grüngewaschen? 

"In jedem System gibt es auch Fehler", erklärt Matthias Meyer. Eine große Befürchtung vieler sei, dass sich die gezüchteten Pappeln mit den einheimischen Schwarzpappeln vermischen könnten. "Die Sorge ist jedoch unbegründet, da unsere Pappeln bereits nach fünf Jahren geerntet werden und erst die älteren Bäume blühen", erklärt Sandra Liebal. 

Weiterhin kritisieren Skeptiker, dass der Acker für Nahrung da sei - nicht für die Energie- oder Biomasseerzeugung. Doch auch heutzutage werde Mais in Deutschland schon als Rohstoff angebaut, nicht als Lebensmittel, sagt Matthias Meyer. Und woher sollen unsere zukünftige erdölfreien Produkte kommen?

Auch in der Region könnten bald Pappelplantagen stehen

Ein großes Problem sehen die Forscher eher darin, die skeptische Bevölkerung zu überzeugen. "Viele Menschen glauben nicht, dass man mit Monokulturen von Bäumen auch eine neue, nachhaltigere und qualitativ hochwertigere Biomasseressource erzeugen kann als bisher", sagt Sandra Liebal.  

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Und auch die Landwirte müssten überzeugt und besonders finanziert werden. "Häufig fehlen Wissen, Geräte und Maschinen zur Anlage, Bewirtschaftung und Ernte solcher Plantagen", erklärt Sandra Liebal. Dennoch gehen beide davon aus, dass uns der Zukunftsbaum auf dem Weg raus aus der fossilen Energieerzeugung begleiten werde. Bald könnten also auch hier mehr Pappeln auf dem Acker stehen.

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