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Malter statt Mallorca

Das erste Sommerwochenende und ein paar mehr Freizeitmöglichkeiten - der Tourismus läuft allmählich an. Wenn da nicht die lästige Testpflicht wäre.

Endlich Sommer: Zwar hat die Malter gerade einmal 18 Grad Wassertemperatur, aber die ersten Badegäste sind da.
Endlich Sommer: Zwar hat die Malter gerade einmal 18 Grad Wassertemperatur, aber die ersten Badegäste sind da. © Egbert Kamprath

Auszeit haben sie ihr Wochenende genannt. Geplant irgendwann im Winter, mitten im tiefsten Corona-Blues. Jetzt sitzen Manja Seitz und Gabriele Schuster im Halbschatten vor ihrem Iglu-Zelt auf dem Paulsdorfer Campingplatz. Jede hat ein Bierchen in der Hand, der erste Sonnenbrand des Jahres rötet Ausschnitt und Oberarme, aber die Stimmung ist prächtig.

"Endlich mal wieder raus. Ich hatte monatelang nur noch Arbeit, zu Hause sitzen, schlafen und wieder Arbeit", sagt Manja Seitz. Kein Treff mit Freunden, kein Einkaufsbummel, keine Zerstreuung. Höchstens mal eine Unterhaltung am Gartenzaun im kalten Wind. "Vor drei Wochen lag bei uns noch Restschnee, vor einer Woche hatten wir noch zwei Grad minus."

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Die beiden Frauen leben in Satzung, einem kleinen Ort im tiefsten Erzgebirge. Sie sind ehemalige Schwägerinnen, immer noch gut befreundet und für ein Wochenende an die Malter gekommen. Manja Seitz kennt die Talsperre noch aus ihrer Kindheit. "Mein Vater stammt ursprünglich aus Karsdorf, wir waren oft hier." Noch immer lebt eine Tante von ihr in der Gegend.

Gabriele Schuster (li.) und Manja Seitz wollten einfach mal wieder raus und den Corona-Alltag hinter sich lassen.
Gabriele Schuster (li.) und Manja Seitz wollten einfach mal wieder raus und den Corona-Alltag hinter sich lassen. © Egbert Kamprath

Die Malter ist für die zwei Erzgebirglerinnen so etwas wie eine kleine Flucht, raus aus dem Corona-Alltag und rein ins ganz normale Leben. Campen, mit ein paar Leuten schwatzen, baden gehen, Normalität genießen. Nur, dass noch längst nicht alles normal ist.

Diskussionen wegen Testpflicht

Das merkt man nirgendwo besser als am Empfang in Paulsdorf, wo nicht nur die Campinggäste ankommen, sondern auch die Ausflügler, die zum Strandbad, zum Paddel-Verleih oder zum Angeln wollen. Testpflicht heißt das Reizwort. Ohne einen offiziellen Corona-Negativtest darf keiner das Gelände betreten, so die Anordnung. "Was sollen wir machen? Haben wir uns doch nicht ausgedacht", sagt die Mitarbeiterin an der Rezeption.

Natürlich sorgt das für heftige Diskussionen. "Wir haben die Leute zum Testcenter im Sportpark Dippoldiswalde geschickt", berichtet die Mitarbeiterin weiter. Prompt, so habe sie gehört, habe es dort lange Schlangen gegeben.

Wer es bis zum Strand schaffte, hatte immerhin viel Platz. Noch ist der Andrang gering. "Die Testpflicht hält die Leute ab, schätze ich", sagt Katrin Sahre. Die Rettungsschwimmerin steht auf der Wiese, die Augen aufs Wasser gerichtet, ein Funkgerät in der Hand.

Die vergangenen Tage seien hart gewesen, berichtet sie. "Innerhalb von drei Tagen haben wir alles startklar gemacht." Rasen mähen, die Schwimminseln ins Wasser ziehen und verankern, Schirme, Liegen und Bänke hervorholen.

18 Grad Wassertemperatur habe sie in der Malter am Sonnabendmorgen gemessen. "Wäre mir zu kalt zum Baden", gibt Katrin Sahre zu. Doch wenn es zu einem Notfall käme, hätte kein Problem damit, ins Wasser zu springen. "Dabei hilft dann auch das Adrenalin."

Premiere auf dem Paddelbrett

Alexander und Simone Körner kommen an den Strand, jeder ein Stand-Up-Paddle-Board unterm Arm. Das Ehepaar lebt in Ulm, sie sind für einen viertägigen Kurzurlaub an die Malter gekommen. Auch Simone Körner kennt die Talsperre noch aus ihrer Kindheit. Sie wuchs in Dresden auf, war mit den Eltern oft hier. Und, hat sich etwas verändert? Simone Körner schaut sich um. "Nö, eigentlich nicht."

Nur, dass es jetzt eben nicht nur Ruderboote, sondern auch die Stand-Up-Paddle-Boards gibt. Die schmalen schwimmende Bretter - kurz SUP genannt - sind aus dem Badesommer nicht mehr wegzudenken, seitdem sie vor gut fünf Jahren die deutschen Gewässer eroberten.

Simone und Alexander Körner probieren sich im Stand-Up-Paddling. Die Ulmer sind für einen Kurzurlaub an die Talsperre gekommen.
Simone und Alexander Körner probieren sich im Stand-Up-Paddling. Die Ulmer sind für einen Kurzurlaub an die Talsperre gekommen. © Egbert Kamprath

Für die Ulmerin ist es jedoch eine Premiere. Vorsichtig kniet sich Simone Körner auf das Brett, erstmal die Balance halten. Dann ein paar vorsichtige Paddelversuche, die von einigen Windböen begleitet werden.

Schnell kann man dabei das Corona-Thema ausblenden, endlich hinter sich lassen. Keine Masken, keine Verbotsschilder. Einfach nur Wasser, Wind und Sonne. Wer hätte vor ein paar Monaten gedacht, dass es diese kleinen Dinge sind, die so sehr zählen?

Softeis-Rezept aus DDR-Zeiten

Doch spätestens am Eisstand sind die vielen Zettel mit den großen roten Buchstaben wieder da. Hände waschen, Abstand halten, nur ein Haushalt pro Tisch! Im Eiscafé Pinguin in Malter dürfen sie nun immerhin die Tische und Stühle aufstellen. Überall liegen jetzt Zettel und Stifte bereit, um die Kontaktdaten zu hinterlassen. Aber es ist ein Anfang.

"Und endlich können wir wieder Eisbecher im Glaspokal servieren. Das sieht doch gleich ganz anders aus", freut sich Daniel Hunger. Der Betreiber vom Eis-Pinguin hat die vergangenen Wochen genutzt, um seinen Gästegarten auszubauen. Die überdachte Fläche wurde erweitert, damit mehr Kunden bei einem Gewitter geschützt sitzen können. Mit Blick auf die Wolken, die sich südlich der Malter aufbauen, wohl keine schlechte Investition.

Saskia Iffland (links) und Lisa Seidel aus Bannewitz legen nach einer Wanderung durch den Rabenauer Grund im Eiscafé Pinguin eine Pause ein.
Saskia Iffland (links) und Lisa Seidel aus Bannewitz legen nach einer Wanderung durch den Rabenauer Grund im Eiscafé Pinguin eine Pause ein. © Egbert Kamprath

Lisa Seidel und Saskia Iffland aus Bannewitz haben einen Stopp im Eiscafé Pinguin eingelegt. Sie brauchen nach einer Wanderung durch den Rabenauer Grund erst mal eine richtige Stärkung. Denn noch immer haben zahlreiche Gaststätten in der Umgebung geschlossen, die Versorgungsmöglichkeiten sind sozusagen rar. Die beiden entscheiden sich für Kartoffelsalat und Würstchen, als Nachtisch gibt es ein Eis.

Natürlich Schoko-Vanille-Softeis, der Klassiker im Eis-Pinguin. "Das geht am besten. Wir bereiten es nach einem Rezept von 1970 zu, damals wurde die Eisdiele eröffnet", berichtet Daniel Hunger. Er hat sogar noch die alten Eisautomaten aus DDR-Zeiten. Wenn er dafür mal Ersatzteile brauche, müsse er sich bei Ebay-Kleinanzeigen umgucken. "Aber so schmeckt das Eis eben auch."

Allmählich füllt sich das Eiscafé. So gegen 16 Uhr sei es immer am vollsten, sagt Daniel Hunger. Dann wirbeln seine Mitarbeiter hinter der Theke mit den vielen Eissorten. Die Menschen, das spürt man, sind fest entschlossen, diesen Sommer nach der Pandemie zu genießen. Es geht in kleinen Schritten los, muss ja nicht gleich Mallorca sein. Ein Wochenende an der Malter tut es auch.

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