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Pesterwitzer Pfarrer geht in den Ruhestand

22 Jahre stand Matthias Koch der Freitaler Gemeinde vor. Auch in Dorfhain und Klingenberg-Colmnitz hat man ihn in guter Erinnerung. Auf ihn warten neue Ziele.

Matthias Koch führte 22 Jahre lang in Pesterwitz die Kirchgemeinde. Einen Nachfolger gibt es noch nicht.
Matthias Koch führte 22 Jahre lang in Pesterwitz die Kirchgemeinde. Einen Nachfolger gibt es noch nicht. © Egbert Kamprath

Das Büro ist kaum wiederzuerkennen. Die Bücherregale sind halbleer, ein angestaubter Schallplattenspieler steht auf einem Stapel Umzugskartons, irgendwo zwischen all den Papieren auf dem Schreibtisch klingelt ein Telefon. Matthias Koch seufzt. "Es sammelt sich in 22 Jahren eben einiges an", entschuldigt er die Unordnung und schiebt einen Stapel Papier zur Seite.

Der Pesterwitzer Pfarrer steckt mitten im Umzug. Am vergangenen Sonntag feierte die Kirchgemeinde seinen Verabschiedungsgottesdienst.

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Nun verlässt er das Pfarrhaus, das ihm und seiner Familie 22 Jahre ein Zuhause war. Doch Koch bleibt Pesterwitzer. "Ich ziehe auf die andere Seite des Friedhofes", sagt er und muss über das Bonmot selbst lachen. In Sichtweite der Kirche hatte er schon vor Jahren ein Haus gekauft.

Pfarrer im Ruhestand - noch vor zwei, drei Jahren konnte sich Koch das nicht vorstellen. Nun jedoch verspürt er eine gewisse Erleichterung und Freude auf den neuen Lebensabschnitt.

Mehr Manager als Kirchenmann

Erleichterung deshalb, weil ihn vor allem die ganze Verwaltungsarbeit immer mehr in Anspruch nahm. "Ich wäre in meinem Berufsleben gerne mehr Seelsorger gewesen, hätte gerne mehr Hausbesuche gemacht, wäre gerne mehr für die Gemeindemitglieder da gewesen", sagt er rückblickend. Doch leider habe ihn die Arbeit viel zu oft an den Schreibtisch gefesselt.

"Wir haben einen Friedhof und einen Friedhofsbetrieb, einen Kindergarten, eine Kirchgemeinde. Da muss man wie in einer Firma der Betriebsleiter, der Manager sein." Für all die anderen Dinge, die den Pfarrberuf eigentlich ausmachen, blieb immer weniger Zeit.

Seine Predigten schrieb er in den Abendstunden, die Vorbereitungen für eine Taufe, eine Andacht, eine Beisetzung verlagerte er oft in die Freizeit - als wäre das sein Hobby. "Ich habe für die Menschen zu wenig Zeit gehabt, vor allem auch für meine Familie. Das tut mir sehr leid." Dabei hat Matthias Koch in seiner Laufbahn als Pfarrer so viel bewegt.

Schon als Viertklässler als Staatsfeind bezeichnet

Aufgewachsen im osterzgebirgischen Fürstenau, musste er sich früh durchboxen. Sein Vater und sein Großvater waren ebenfalls Pfarrer, und so geriet Matthias Koch bereits als Viertklässler ins Visier der Obrigkeit. "Ich war kein Pionier und wurde deshalb bei einem Fahnenappell vor der versammelten Schülerschaft zum Staatsfeind erklärt." Anschließend wurde er von Klassenkammeraden immer wieder verdroschen. "Erst als ich Judo konnte und den größten Jungen auf den Boden warf, war damit Schluss."

Nach dem Abitur ging Matthias Koch nach Leipzig. Sein Berufswunsch: Missionar werden. "Aber eigentlich war klar, dass wir nicht raus in die Welt durften." So wurde er Pfarrer und am dritten Advent des Jahres 1980 in Dorfhain feierlich ins Amt eingeführt. Noch heute weiß er, mit welchen Worten er damals seine Predigt begann.

Doch in Dorfhain und den dazugehörigen Gemeinden Klingenberg und Colmnitz wartete ein riesiger Haufen Arbeit auf ihn. 20 Jahre lang waren die Dorfhainer Kirchenbücher nicht gepflegt worden. Es galt, einiges aufzuarbeiten. Noch schlimmer: In Klingenberg und Colmnitz waren die kirchlichen Gebäude in einem teils schlechten Zustand.

Koch krempelte wortwörtlich die Ärmel hoch und legte los. Von seinem Bruder, einem Handwerker, hatte er sich einiges abgeschaut. Woher mitunter das Baumaterial und das Geld für die Arbeiten kam, kann er im Nachhinein nur als Wunder erklären. "Manchmal habe ich nicht mehr weitergewusst und im Gebet gesagt: Lieber Gott, nimm Du das in die Hand. Und immer gab es dann doch eine Lösung und es hat sich alles gefügt."

Unverhoffte Geldspende für die Orgel

Dem Staat jedoch war der eloquente und beliebte Pfarrer suspekt. Zeitweise waren 15 Stasi-Spitzel auf ihn angesetzt, das hat Koch später aus seiner Stasiakte erfahren. In seinem Büro hängt heute noch eine kopierte Seite aus einem Stasibericht von 1988. Dick unterstrichen wird da unter anderem berichtet, Koch habe in der Dorfhainer Kirche eine Disco veranstaltet. "Stimmt nicht", sagt Koch und muss schmunzeln. "Die Disco fand im Gemeindesaal statt."

Auch nach der Wende ging der Kampf weiter. Die Sanierung der Dorfhainer Orgel zum Beispiel stand lange auf Kippe. Kein Geld, hieß es seitens der Kirchenbehörde, obwohl die Gemeinde fleißig ihren Anteil gesammelt hatte. "Und als wir schon dachten, wir müssen alles absagen, kam ein Anruf von einer Kanzlei. Deren Mandant, der unbekannt bleiben wollte, spendete uns einen großen Betrag." Matthias Koch bekam dann Wochen später heraus, dass ein Ex-Dorfhainer, der in Westdeutschland zu großem beruflichen Erfolg gekommen war, dahintersteckte.

1998 wechselte der Pfarrer mit seiner Familie nach Pesterwitz. Und wunderte sich erst einmal. "Hier gab es eine Sekretärin und einen Hausmeister!" Aber auch viel Arbeit. Die Kirche musste in Schuss gehalten werden, was ein erneuter finanzieller Kraftakt war. Und dann die viele Büroarbeit für das Unternehmen Kirchgemeinde Pesterwitz.

Alte BMW endlich in Schuss bringen

Zum Schluss ging Pfarrer Koch etwas die Puste aus. Vor allem die Corona-Pandemie mit weiteren Vorschriften und neuen Forderungen machten dem Pfarrer, der vielen immer so optimistisch erschien, zu schaffen. Auch gesundheitlich war der Pesterwitzer Pfarrer im vergangenen Jahr etwas angeschlagen. Jetzt ist er wieder fit und freut sich auf den Ruhestand.

Zuerst steht jetzt der Umzug an, mit einigen Bauarbeiten und viel Gartenarbeit. Als Nächstes möchte Matthias Koch ein Projekt zu Ende bringen, das er seit viele Jahren vor sich herschiebt. "Ich habe eine BMW R 35 zerlegt in der Garage liegen. Die möchte ich endlich zusammensetzen und damit ein paar Touren fahren."

Ihn begleiten zahlreiche Danksagungen und Glückwünsche in den Ruhestand. Wenn er erzählt, wie sich die Gemeindemitglieder verabschiedeten, bekommt er feuchte Augen. Als Erinnerung schenkten die Pesterwitzer ihm zahlreiche Pfarrer-Räuchermänner, ein selbst gemaltes Bild, Pflanzen für den Garten, Gestecke für das Haus, Bücher, eine dekorative Holzkirche. "Das war sehr bewegend. Dabei ging es doch nie um mich, sondern um Gott. Das war meine Aufgabe, dafür war ich hier."

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