merken
PLUS Freital

Historie: Pulvermühle an Weißeritz fliegt zweimal in die Luft

Ein Bild der Verwüstung im Plauenschen Grund vor über 200 Jahren – Ministerium verschweigt Anzahl der Todesopfer.

1812 die Pulvermühle am Fuße der Heidenschanze. Die hölzerne Brücke über die Weißeritz wurde später durch eine Steinbrücke ersetzt.
1812 die Pulvermühle am Fuße der Heidenschanze. Die hölzerne Brücke über die Weißeritz wurde später durch eine Steinbrücke ersetzt. © Repro: SZ

So romantisch sich die Lage der Pulvermühle am Fuße der Heideschanze auch ausnimmt – es ist ein Ort des Schreckens. Ihre Geschichte wird von zwei Katastrophen geprägt, die den Leuten im Plauenschen Grund das Fürchten beibringen. Dabei hatte alles so friedlich begonnen. Ein in der Einsamkeit des Weißeritztales auf Coschützer Flur errichteter Kupferhammer schien wie geschaffen für das idyllische, von üppigem Grün bestimmte Landschaftsbild zu sein. So schrieb denn auch Chronist Becker in seiner 1799 erschienenen Historie, der Kupferhammer sei für diese Gegend ein durchaus angemessener Bau.

Um 1770 nimmt das Schicksal des Objekts eine jähe Wendung. Im sächsischen Kriegsministerium sucht man fieberhaft nach Grund und Boden für eine Pulvermühle. Eine Herstellung an zentraler Stelle scheidet von vornherein aus. Dazu ist der Zündstoff zu gefährlich.

Anzeige
Familienabenteuerland Sachsen
Familienabenteuerland Sachsen

Die schönsten Regionen Sachsens, die besten Ausflugsziele und kulinarischen Highlights. Hier gibt's Geheimtipps, die garantiert noch nicht Jeder kennt.

Seit dem 16. Jahrhundert unterhält man unterhalb des Dorfes Plauen am sogenannten Weißeritzmühlgraben, wie man später den kanalisierten Teil des Flusses nennt, eine Pulvermühle. Den Stadtrand halten die Generäle, auch für militärische Übungen, gut geeignet. So werden in Nähe der Mühle Mitte des 18. Jahrhunderts am Hahneberg – ein Höhlenrücken zwischen altem Plauenschen Pfarrhaus und Falkenbrücke – einige Male Artillerieschießübungen abgehalten. Doch der Mühle bleiben Verwüstungen nicht erspart. Wiederholt wird die gesamte Anlage zerstört. Zu ihrer Nachfolgerin bestimmt die Generalität den einstigen Kupferhammer.

Wie höllisches Donnergrollen

Schon in den ersten Jahren ereilt die neue Pulvermühle ein verheerendes Unglück. Durch Selbstentzündung fliegt das Objekt in die Luft. Das Echo der Detonation rollt wie ein höllisches Donnergrollen durch den gesamten Grund und weite Teile der Residenz.

Tote und verletzte sind zu beklagen – ihre genaue Anzahl wird verschwiegen. Experten werden in Marsch gesetzt, um an Ort und Stelle Untersuchungen einzuleiten. Indes, es findet sich keine Spur. Den Fachleuten bleibt nur eine Ursache: Selbstentzündung.

Die Militärs erörtern die Situation – soll man die Pulvermühle, von der nur wenig übrig blieb, wieder aufbauen? Man wird es noch einmal versuchen. Im Schatten der Heidenschanze entsteht erneut eine Mühle, deren Geschicke unter einem günstigen Stern zu stehen scheinen.28 Jahre lang gibt es keine Zwischenfälle. Schon haben die Leute im Weißeritztal die Katastrophe von 1775 vergessen, da liegt 1803 plötzlich ein Dröhnen in der Luft, so, als würde die Welt untergehen. Der Explosion ist noch heftiger als die vor ausgegangene – Trümmer werden bis Altcoschütz geschleudert. In einer offiziellen Verlautbarung des Ministeriums ist von Toten und Verletzten die Rede – genaueres wird die Öffentlichkeit nicht erfahren. 1830 hat das Objekt als Pulvermühle ausgedient, das Militär bleibt allerdings Hausherr. Unter der Bezeichnung „Garnisionsmühle“ wird an der Weißeritz das gesamte Kommisbrot für die Dresdner Garnison gebacken und das bis zur Vollendung der großen Militärbäckerei in der Dresdner Neustadt.

Der Braunsche Siloturm und das Gebäude der Weizenmühle (rechts) um 1930. Links im Vordergrund das Wohnhaus der Pulvermühlenarbeiter.
Der Braunsche Siloturm und das Gebäude der Weizenmühle (rechts) um 1930. Links im Vordergrund das Wohnhaus der Pulvermühlenarbeiter. © Repro: SZ

Allmählich wird den Militärbehörden der Unterhalt der Mühle zu teuer. Sie sieht sich nach zahlungskräftigen Käufern um und findet sie in den Gebrüdern Braune (König-Friedrich-August Mühlenwerke, Sitz Plauenscher Grund), die das Anwesen 1903 für 140.000 Mark erwerben. Braunes Brotfabrik produziert übrigens noch in den 30er-Jahren. 1917 entsteht auf dem Terrain der einstigen Pulvermühle der Braunsche Siloturm, der zu einem Wahrzeichen des Plauenschen Grund wird. Ein Bau, den der Volksmund „Hungerturm“ tauft, in Anspielung auf die düstere Zeit des Ersten Weltkrieges.

Besondere Zierde des Turmes, ein nachgebildeter Müllerbursche als Wetterfahne, allgemein „deutscher Michel“ genannt. Die Figur thronte nach dem Zweiten Weltkrieg auf ihrem luftigen Sitz. Wann sie von der Bildfläche verschwand, ist unbekannt.

Mehr zum Thema Freital