merken
PLUS Freital

Als Potschappel vor 150 Jahren den Sport entdeckte

Wo unsere Urgroßväter im Weißeritztal zum ersten Mal Tore schossen und die Fäuste fliegen ließen.

Turnfest des 1861 gegründeten Turnvereins Potschappel. Eine historische Aufnahme von 1935. Die Kinderabteilung beim Umzug im Bereich Sörgelstraße.
Turnfest des 1861 gegründeten Turnvereins Potschappel. Eine historische Aufnahme von 1935. Die Kinderabteilung beim Umzug im Bereich Sörgelstraße. © Archiv SZ

Majestät hat es nicht leicht mit der Gegend am Windberg. Als König Fußball in England schon längst eine riesige Fangemeinde besitzt, ist es 1850 im Weißeritztal noch ganz still um eine Sportart, die angeblich schon den alten Germanen, in freilich abgewandelter Form, bekannt war.

Körperliche Ertüchtigung kann nach Auffassung der ehrwürdigen Turnväter von damals ausschließlich das Ergebnis von Gymnastik und Turnen an verschiedenen klassischen Geräten sein. Mit Ballspielen hat man nichts am Hut. Sie erscheinen den Vereinsvorständen von seinerzeit als simpel und minderwertig. Modischer Firlefanz, der den jungen Leuten nur den Blick auf echte sportliche Betätigung nach Art der Väter verstellt.

Anzeige
Banksy erobert Dresden
Banksy erobert Dresden

Die Ausstellung „The Mystery of Banksy – A Genius Mind“ gibt einen umfassenden Überblick und Einblick in das Gesamtwerk des Genies und Ausnahmekünstlers.

1898 wird erster Fußballverein gegründet - in Deuben

Doch der Fußball gleicht einer Seuche. So spärlich die Nachrichten über das umstrittene Spiel zunächst auch sind, das Kicken und Toreschießen ist im Gespräch. Die Turner sind die Ersten, die nebenbei, zunächst ohne feste Regeln, den Kampf ums runde Leder aufnehmen. Versuche, die dazu führen, dass sich 1898 der erste fußballspielende Verein im Weißeritztal bildet: Germania Deuben.

1924, Sportplatz am Steiger Potschappel: Siegreiche Mannschaft des Turnvereins Potschappel im Wettbewerb Staffellauf „Quer durch Freital“, ein Kurs über 5.000 Meter.
1924, Sportplatz am Steiger Potschappel: Siegreiche Mannschaft des Turnvereins Potschappel im Wettbewerb Staffellauf „Quer durch Freital“, ein Kurs über 5.000 Meter. © Archiv SZ

Er trägt seine Kämpfe auf dem Platz am Rande des Grütznerviertels aus. Germania tritt gegen Dresdner Mannschaften an, mit wechselndem Erfolg. Eine Mannschaft des Mittelfeldes, wie es in der Presse heißt.

Auf der Suche nach Verstärkung vereint sich Germania mit dem Team von Wettin Döhlen, eine Verschmelzung, aus der in den 20er-Jahren mit 04 Freital der wohl bekannteste Verein unserer Heimat hervorgeht. Bald tritt der Fußballklub Kismet auf den Plan, der sich zwar rasch wieder verabschiedet, aber die 1919 gegründete Spiel- und Sportabteilung des Turnvereins Potschappel zur Aufnahme von Ballspielen inspiriert.

400 Zuschauer am Sportplatz am Steiger

Die erste Mannschaft der Potschappler Turner, auf dem Sportplatz am Steiger zu Hause, ist im sächsischen Raum kaum zu schlagen. Selbst namhafte Dresdner Vertretungen müssen passen. Bei einem Heimspiel kommen bis zu 400 Zuschauer – für damalige Verhältnisse eine unwahrscheinliche Kulisse.

Auch Deubener Mannschaften der „Freien Turner“ demonstrieren im zunehmenden Maße Spielkultur und Kampfkraft. In den 20er-Jahren wird Fußball selbst für die kleinsten Vereine im Weißeritztal zu einer Selbstverständlichkeit. Man spielt in Braunsdorf ebenso wie in Kleinnaundorf. Indes, zu wahrer Meisterschaft hat es für die Mannschaften im Plauenschen Grund trotz teilweise beachtlicher Ergebnisse bis heute nicht gereicht. (In der Landesliga könnte gegenwärtig dem SC Freital als zurzeit Tabellenerster ein großer Wurf gelingen.)

Ganz anders der Handball. Er hat in unseren Breiten gleich einige Hochburgen. Freital zum Beispiel und Rabenau. 1929 erringt Freital die mitteldeutsche Meisterschaft. Fortan kennt man 04 überall in Deutschland. Radfahrer stehen etwas überraschend hoch im Kurs. 1919 hat sich der Verein Wanderlust/Germania als Nachfolger von Gemeinschaften aus Deuben und Potschappel konstituiert. Einheimische Radler gehen bei zahlreichen Radrennen an den Start. Der Potschappler Willy Graf zählt zur sächsischen Steher-Elite.

Schnelle Läufer – harte JungsDie Gemeinschaft mit der längsten Tradition ist der Turnverein Potschappel, dessen Geburtsstunde vor 150 Jahren schlägt. Wenig später folgen die Vereine von Döhlen und Deuben. Man hat in der Vergangenheit wiederholt die Frage aufgeworfen, wer denn im Weißeritztal die nachhaltigsten sportlichen Akzente gesetzt habe – die Turner oder die Leichtathleten?

Laufen wird zum Volkssport

Nun, beiden Sportarten gebührt eine Medaille. Sie erlangten über eine lange Zeitspanne hinweg echte Volkstümlichkeit. Schon 1919 kennt man in unserer Gegend den Staffellauf „Rund um Potschappel“. Zum großen Sportfest am 2. Oktober 1921 wird – ein Beitrag zur Gründung der Stadt – die Stafettenkonkurrenz vom eben ins Leben gerufene Sportklub Freital zu einem Lauf „Quer durch die Stadt“ umfunktioniert. Vom Gasthof Hainsberg, Tharandter Straße, zum Sportplatz Steiger, eine Strecke über 5.000 Meter, für Damen und Herren getrennt. Jedes Team besteht aus 14 Mitgliedern, die unterschiedliche Entfernungen zu bewältigen haben, von 200 bis 800 Meter. Anfang der 30er-Jahre triumphiert der Freitaler Döring im 5.000-m-Lauf und wird Ostsachenmeister.

Auch im Boxen macht 04 Freital eine Zeit lang mit, man schlägt sich wacker. 1936 selbst gegen den Deutschen Meister Polizeisportverein Berlin im übervollen „Goldenen Löwen“. 1.500 Boxfans sind Augenzeuge der Kämpfe. Die favorisierten Spree-Athener siegen nur knapp.

Mehr zum Thema Freital