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„Derzeit ordne ich meine Gedanken“

Fußball: Jens Wagner ist seit 23 Jahren als Trainer unterwegs. Jetzt ist er am Wochenende meist daheim. Eine Umstellung – nicht nur für ihn.

Befürwortet eine verkürzte Saison: Jens Wagner, Trainer des SC Freital II.
Befürwortet eine verkürzte Saison: Jens Wagner, Trainer des SC Freital II. © Archivfoto: Dirk Zschiedrich

Der Fußball im Amateurbereich ist komplett zum Erliegen gekommen. In der Landesklasse Mitte sind bisher nur sieben von 30 Spieltagen über die Bühne gegangen. Am 6. Februar 2021, so hoffen die Verantwortlichen beim Sächsischen Fußball-Verband (SFV), soll die Meisterschaft mit dem 13. Spieltag fortgesetzt werden. Im Interview stellt sich Jens Wagner (51), der Trainer des SC Freital II, den Fragen, die derzeit viele Anhänger bewegen.

Jens, wie geht es Ihnen und Ihrer Familie?

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Danke der Nachfrage, es geht allen in der Familie sehr gut und auch im Freundes- und Bekanntenkreis sind alle wohlauf.

Wie sehr wirkt sich die Corona-Pandemie auf Ihren Job aus?

Da ich bei einer Krankenkasse arbeite, komme ich natürlich häufig mit diesem Thema durch telefonische Anfragen von Versicherten in Berührung. Ich verspüre große Verunsicherung. Meine Arbeit findet schon seit Jahren aus dem Home-Office heraus statt, so dass ich normal arbeite.

Sie und Ihre Frau reisen sehr gern. Wie planen Sie das Jahr 2021?

Eigentlich wollen wir mit zwei befreundeten Paaren etwas weiter wegfliegen, da wir nächstes Jahr im Sommer unseren 25. Hochzeitstag feiern. Wir haben schon einige Abende mit Pläne schmieden verbracht. Unter den aktuellen Umständen würde ich mich sehr gerne in einer Ecke auf der Welt sehen, wo ich nicht jeden Tag von morgens bis abends das Wort Corona höre. Aber wo diese sein soll, weiß ich aktuell nicht. Ob die Bedingungen und Voraussetzungen für eine Reise im kommenden Herbst dann überhaupt so sein werden, dass es auch ein wirklicher Urlaub werden kann, wage ich aktuell zu bezweifeln. Wir warten ab.

Für gewöhnlich sind sie rund zehn Monate im Jahr am Wochenende zu Spielen auf dem Sportplatz. Fällt Ihnen zu Hause jetzt die Decke auf den Kopf?

Ich komme recht gut damit klar, nutze die Zeit, um runterzufahren, denn ich bin nun auch schon seit fast 23 Jahren durchgängig als Trainer unterwegs. Derzeit ordne ich meine Gedanken, denke über Personalien für die nächste Saison nach und treffe mich auch mit interessanten Spielern. Daher bin ich trotzdem viel unterwegs.

Spielt das auch die Fusion bei Ihrem Resümee eine Rolle?

Ja, sicher. Die ging zwar soweit organisiert über die Bühne, jedoch ging alles trotzdem irgendwie sehr schnell, ohne dass man mal in Ruhe von oben auf die Sache schauen konnte. Mit der Ruhe von heute, hätte ich in mancher Situation anders entschieden.

Was sagt Ihre Frau zu Ihrer häufigen Anwesenheit im Haushalt?

Nett formuliert. Wir kennen uns 30 Jahre und sie kennt es nicht anders, dass ich ständig mit oder für den Fußball unterwegs war. Geburtstagsfeiern, Urlaube oder Treffen mit Freunden richteten sich nach dem Trainings- und Spielplan und selbst zu meinen runden Geburtstagen in den letzten Jahren war ich auf Achse. Jetzt bin ich fast jeden Tag zu Hause und das ist schon eine sehr große Umstellung.

Wie sind Sie mit Ihren Spielern verblieben?

Ich lege sehr viel Wert auf Disziplin, weil das für mich die Grundvoraussetzung für eine funktionierende Mannschaft ist. Das haben wir gemeinsam in den letzten Jahren in Freital super hinbekommen. In der jetzigen Situation sind Eigenverantwortung und Selbstdisziplin der Spieler gefragt, etwas für die Fitness zu tun. Ich vertraue meinen Jungs, auch wenn ich weiß, dass der innere Schweinehund manchmal erbarmungslos ist und die Couch dann zur vermeintlich besseren Wahl wird.

Gibt es Kontrollen?

Wer gelaufen ist, schickt mir die Daten von seiner Uhr oder seinem Handy zu und damit weiß ich die Zeit und die Kilometer, die gelaufen wurden. Somit habe ich wenigstens einen winzig kleinen Überblick. Vor zwei Wochen habe ich mal angefangen und jeden Spieler angerufen, um einfach mal mit ihnen sprechen. Ich hatte auch das Gefühl, dass sich die Jungs gefreut haben, dass sich jemand für ihre aktuelle Situation interessiert.

Was sagt Ihr Bauchgefühl, wird die Saison noch komplett zu Ende gespielt?

Ich betrachte da zum einen die sportliche und zum anderen auch die wirtschaftliche Seite. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es eine komplette Saison geben wird. Wir bewegen uns im Freizeitsport und alle gehen arbeiten oder studieren. Das kann nicht funktionieren. In unserer Landesklasse sind sieben Spieltage absolviert. Das heißt also, es bleiben noch acht, um eine Halbserie gespielt zu haben. Mir kann niemand erzählen, dass es eine komplette Verschiebung in der oberen und unteren Tabelle geben würde, wenn man die kompletten 30 Spieltage durchpeitschen würde. Also wäre mein Vorschlag, Anfang Mai mit den restlichen Spieltagen zu beginnen und Mitte Juni ist man mit der Hinrunde durch.

Und die Auf- und Abstiegsregelung?

Normal, wie vom Verband geplant. Alles andere, was die Strukturveränderungen bis hin zur Reduzierung auf drei Staffeln betrifft, würde ich um ein oder zwei Jahre verschieben. Wer weiß denn, ob es alle Vereine noch weitergeben wird, wenn Firmen, die bisher als Sponsoren aufgetreten sind, möglicherweise nicht mehr existieren.

Am 2. Dezember erlag Horst Rau, der als Trainer auch in Freital tätig war, einem Krebsleiden. Kannten Sie ihn persönlich?

Zunächst möchte ich der Familie mein Beileid aussprechen. Als Spieler sollte ich von Sömmerda zu ihm nach Bischofswerda wechseln, was dann aber in den Wirren der Wendezeit leider nicht zustande kam. In den folgenden Jahren sind wir uns immer mal über den Weg gelaufen und ich habe ihn als geradlinigen Typen in Erinnerung, der sein Herz auf der Zunge getragen hat. Bei allem Für und Wider, von seiner Sorte gibt es heute leider nur noch wenige Menschen.

Haben Sie schon alle Weihnachtsgeschenke beisammen?

Wir schenken uns nichts mehr. Sicher wird es eine Kleinigkeit geben, aber vor allem freue ich mich, dass wir als Familie endlich mal wieder zusammen sind. Das ist mittlerweile viel zu selten geworden.

Warum?

Unsere 26 Jahre alte Tochter wohnt seit einigen Jahren mit ihrem Freund zusammen und absolviert gerade ihr Referendariat am Gericht. Sie will mal Richterin werden. Unser Sohn, 19, der in Dresden arbeitet, wohnt zwar noch zu Hause, hat aber ganz alterstypisch seinen eigenen Alltag mit Freunden und dem Computer. Aber wir sind sehr stolz auf unsere Kinder.

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