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Freital stolpert hinterher

In der Stadt sollen vier Stolpersteine an politisch Verfolgte während der NS-Diktatur erinnern. Die Initiatoren sagen, welcher Personen gedacht werden könnte.

Die Initiatoren Stefan Vogl, Jörg Mumme, Silvia Fischer, Franz Thiele (von rechts) möchten in der Dresdner Straße 52, dem ehemaligen Central-Kaufhaus, Stolpersteine verlegen lassen.
Die Initiatoren Stefan Vogl, Jörg Mumme, Silvia Fischer, Franz Thiele (von rechts) möchten in der Dresdner Straße 52, dem ehemaligen Central-Kaufhaus, Stolpersteine verlegen lassen. © Egbert Kamprath

Es ist wie eine Spurensuche in die Vergangenheit. Die Teilnehmer der Gruppe "Stolpersteine für Freital" versuchen die bruchstückhaften Quellen zusammenzufügen. Sie durchstöbern alte Zeitungsartikel und Bücher. Sie stellen sich der Frage: Wer wurde in Freital während der Zeit des Nationalsozialismus politisch verfolgt und ermordet? 

Bis nach Kanada haben sie telefoniert, um Nachfahren ausfindig zu machen. Jetzt wissen sie mehr und haben das Puzzle teilweise gelöst. Doch bevor die Reise in die Vergangenheit beginnt, ein kurzer Blick mitten in das Vorhaben.

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Anfang des Jahres hatten sich an die 30 Freitaler im Stadtkulturhaus getroffen, um Initiative zu ergreifen. Sie wollen zum Jubiläum der Stadt Stolpersteine verlegen. Es handelt sich dabei um Messingtafeln auf dem Boden, welche an die politisch Verfolgten während der NS-Diktatur erinnern. Der Künstler Gunter Demnig hat das Konzept in den Neunzigern entworfen. Viele Städte haben es seitdem umgesetzt. Freital stolpert nun hinterher.

Zwei Geschichten der Erinnerung

Denn als Geschenk an eine hundertjährige Stadt, will eine Gruppe von Freitalern vier Stoplersteine verlegen. Zwei Geschichten haben sie jetzt ausgewählt.

Anne Weigand, Teilnehmerin des Projekts, liest von ihrem Zettel ab: "Alois Chaim Eckstein. Geboren am 24. August 1883 in Haid." So beginnt die Geschichte von einem, über dessen Name man bald in der Dresdner Straße stolpern wird. Der Ort "Haid" ist heute unter dem Namen "Bor u Tachov" bekannt und liegt im tschechischen Böhmen. Die Geschichte von Herrn Eckstein führte von dort über die Landeshauptstadt nach Potschappel. Der Unternehmer eröffnete 1907  in der Dresdner Straße 52 einen Laden. Später wurde dieser bekannt unter dem Namen Central-Kaufhaus. Ein Geschäft, das gut lief - zumindest bis 1933. 

Denn Eckstein war Jude und Freital wollte als erste Stadt "judenrein" sein. Nachdem Eckstein massivem Antisemitismus ausgesetzt war, emigrierte er mit seiner Familie nach Kanada. Dort wohnt noch heute eine Enkeltochter von ihm. "Sie möchte gern bei der Stolpersteinverlegung dabei sein", sagt Anne Weigand, die mit ihr Kontakt aufgenommen hat. Drei Steine sollen für den Unternehmer Alois Chaim Eckstein, für seine Frau sowie Mitarbeiterin Ida Eckstein und Tochter Ilona Heller (geborene Eckstein) errichtet werden.

Das ehemalige Kaufhaus der Familie Eckstein ist ein viergeschossiges Gebäude in Ecklage der Dresdner Straße und der Straße „Am Bahnhof“.
Das ehemalige Kaufhaus der Familie Eckstein ist ein viergeschossiges Gebäude in Ecklage der Dresdner Straße und der Straße „Am Bahnhof“. © Egbert Kamprath

Bis es aber soweit ist, muss die Stadt die Denkmäler genehmigen. Denn diese ist später für die Steine aus Messing verantwortlich. "Wir wünschen uns, dass Freital damit ein Zeichen setzt", erklärt Stefan Vogl, einer der Initiatoren des Projekts. Die Stadtverwaltung stehe dem ganzen aber bisher positiv gegenüber. 

Insgesamt haben schon zahlreiche Städte an dem Projekt teilgenommen. In Dresden gibt es über 250 Stolpersteine. Und auch die Wilsdruffer stolpern über zwei Messingsteine. In Freital gab es hingegen bisher nur Initiativen, die im Sande verliefen.

"Jetzt möchten wir etwas organisieren und Fakten schaffen", sagt  Franz Thiele vom Weißeritz-Gymnasium. Er will auch Schüler in das Projekt einbinden. Der junge Lehrer ist über Stefan Vogl zu der Gruppe gekommen.  

"Erstens wollte ich eine Initiative in Freital gründen, die sich für etwas einsetzt, nicht gegen. Eine Initiative, die an Menschlichkeit und Antisemitismus erinnert", erklärt der Lehrer Stefan Vogl seine Motivation. "Und zweitens soll sie eine Möglichkeit für all die Menschen bieten, die etwas tun wollen und Mitstreiter brauchen."

Unterstützung gesucht

Und nach Mitstreiter sucht die Gruppe auf alle Fälle - sei das durch tatkräftiges Engagement oder durch Spenden, denn die Stolpersteine kosten pro Stück 120 Euro . Der Preis entsteht dadurch, weil der Künstler selbst vor Ort sein wird. Die Steine werden per Hand hergestellt, transportiert und in Freital von Gunter Demnig verlegt. Wann genau Gunter Demnig nach Freital kommt, ist noch nicht bekannt. Meist ist der Künstler zwei Jahre im Voraus ausgebucht.

Derweil hat die Gruppe genug zu tun. Da heißt es recherchieren, recherchieren, recherchieren. Denn neben Familie Eckstein gibt es noch eine weitere Spurensuche. Sie verdeutlicht, nicht nur Juden wurden vom NS-Regime verfolgt, gefoltert und ermordet.

Die Geschichte beginnt in Großburgk. Dort wurde Martin Weinhold 1909 geboren. Der Mechaniker zog später nach Pesterwitz. Dort wurde er zum Militärdienst einberufen. Weinhold verweigerte diesen. Der Grund: seine pazifistische Einstellung. Der Mechaniker gehörte außerdem zu den "Zeugen Jehovas", sie standen dem Krieg ablehnend gegenüber. Nach der Machtübernahme Hitlers wurde die Glaubensgemeinschaft verboten. Man behauptete, sie würden dem jüdischen Glauben nahe stehen. Für Martin Weinhold ein Todesurteil. Er wird 1943 im Zuchthaus Brandenburg an der Havel ermordet. Ein Stolperstein in Freital-Pesterwitz soll an das NS-Verbrechen erinnern. 

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"Freital braucht Stolpersteine - ganz dringend." Das sagt eine Teilnehmerin der Gruppe. Sie fühlt sich dabei unwohl, ihren Namen zu veröffentlichen.  Diskriminierendes Denken sei für sie in Freital allgegenwärtig.  Das zeigt: Beim Stolpern über die Steine soll eben nicht nur an die Vergangenheit erinnert werden, sondern auch an ein solidarisches Miteinander heutzutage.

Das nächste offene Treffen findet am 16. November um 19 Uhr im Umweltzentrum statt. Eine Webseite wird demnächst eingerichtet.

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