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Der Mann, der den Wald umbaut

Forscher Sven Wagner aus Tharandt erklärt den Weg von der Fichte hin zum Mischwald. Das ist mehr als eine Lebensaufgabe.

Forscher Sven Wagner erklärt, wie der Waldumbau von Fichte zu Buche im Tharandter Wald funktionieren kann.
Forscher Sven Wagner erklärt, wie der Waldumbau von Fichte zu Buche im Tharandter Wald funktionieren kann. © Daniel Schäfer

Als Jugendlicher streifte er durch die Wälder Schleswig-Holsteins. Als er dann zum Urlaub nach Bayern fuhr, war er erstaunt. Solche großen Wälder gab es in seiner Heimat nicht. Der Junge wollte das ändern und fasste einen Entschluss: ein Studium der Forstwissenschaft. Jahre später steht er nun im Tharandter Wald. Er ist Professor für Waldbau und lächelt über seine damalige Vision.

Sven Wagner befasst sich heutzutage nicht mehr mit den kleinen Bauernwäldchen in Schleswig-Holstein, sondern mit einer anderen großen Aufgabe, die Deutschland seit Jahren beschäftigt: dem Waldumbau. Heißt im Klartext: weg von der Fichte, hin zum Mischwald.

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Der Forscher steht vor einer 25-jährigen Rotbuche. Sie ist etwa fünf Meter hoch. "Schauen Sie, das ist ein gesunder Baum." Gesund, das ist für Sven Wagner eine Buche, die astrein gerade steht und keine Schäden an Stamm oder Knospe hat. Astrein meint hier - frei von kleinen Ästen rechts und links des Stammes. Denn genau so wolle man das in der Holzproduktion haben.

Um ihn herum: Freies Land. Mitten im Tharandter Wald. Nur noch vereinzelt stehen die Fichten. "Das hier war alles mal voll mit Nadelbäumen." Doch dann kamen die Borkenkäfer und mit ihnen das große Fichtensterben. Aber das soll dieses Mal nicht das Thema sei. Es geht um das, was unter den Fichten hervorlugt: die Kinderstube der Rotbuchen. Sven Wagner forscht daran seit den 1990ern.

Ein Testlabor mitten im Wald

Das Testgelände im Tharandter Wald. Hier haben Borkenkäfer die Fichten zum Erliegen gebracht. Die Buchen kommen nun nach.
Das Testgelände im Tharandter Wald. Hier haben Borkenkäfer die Fichten zum Erliegen gebracht. Die Buchen kommen nun nach. © Daniel Schäfer

Was eigentlich wie ein junger Wald aussieht, ist ein Testfeld. Eine Werkstatt für Forscher. Getestet wird im Kinderzimmer der Rotbuchen. Wagner zeigt auf drei verschiedene Stellen und redet von Aussaatverfahren. Was er damit meint?

Noch bis vor wenigen Jahren war es gang und gäbe, die dreijährigen Buchen im Wald unter den Fichten anzupflanzen. Das kostet pro Hektar ungefähr 10.000 Euro, sagt Wagner. Um aber einen großflächigen Umbau des Waldes zu gestalten, müsse das preiswerter gehen. Deshalb hat sich vor 25 Jahren eine Forschungsgruppe gegründet, die in Bayern, Nordrhein-Westfalen und Sachsen etwas Neues ausprobiert: Die einfache Aussaat von Bucheckern.

Bucheckern sollen beim Waldumbau helfen

Dazu gebe es verschiedene Verfahren. Entweder in Rillen, wie bei der Möhre oder in Haufen als sogenannte Plätzesaat, in etwa so wie bei der Roten Beete. Beide Möglichkeiten seien billig und einfach anzuwenden, sagt der Forscher.

Doch zunächst wuchsen die Buchen, wie sie wollten, krumm und schief. Nichts war zu sehen von astreinen Bäumen. Erst mit jahrelanger Erfahrung hat das Forschungsteam dazugelernt, weiß nun, welche Bedingungen es braucht für astreine Bäume. Man setzt auf Bucheckern, um den Fichtenforst umzubauen. Doch ist die Buche eigentlich als Zukunftsbaum für die Forstwirtschaft geeignet?

Sven Wagner schüttelt den Kopf. "Ich kenne den Baum der Zukunft nicht." Er glaube vielmehr an den Mischwald. Also an Stelle der Fichte wird nicht nur Buche, sondern auch Eiche, Ahorn, Esskastanie oder anderes gepflanzt. Die Buche sei sozusagen eine von vielen Baumarten der Zukunft. Auch sie wird wohl angesichts des Klimawandels mit der Trockenheit zu kämpfen haben. Die Fichte gehöre jedoch auf keinen Fall dazu, betont Wagner.

An einigen Stellen im Tharandter Wald sind die Fichten noch stabil. Darunter lugt die Kinderstube der Buchen hervor.
An einigen Stellen im Tharandter Wald sind die Fichten noch stabil. Darunter lugt die Kinderstube der Buchen hervor. © Daniel Schäfer

Die Gier nach Holz ignoriert die Nachteile der Fichte

"Eigentlich besteht der natürliche Wald in Deutschland zu 60 bis 80 Prozent aus Rotbuche", sagt der Forscher. Sie schattet ihre Artgenossen aus. Doch dann kam die Gier des Menschen nach Holz. Fichten und Kiefern wurden ab dem späten Mittelalter angepflanzt, denn sie wachsen schnell. Derzeit stehen laut Bundesamt für Naturschutz auf fast 50 Prozent der deutschen Waldfläche Fichten und Kiefern.

Erst seit den 1990er-Jahren gibt es ein Umdenken: Sturmschäden, Insektenfraß, Klimawandel bringen die Fichte an ihre Grenzen. "Wir würden das heute nicht mehr so machen", sagt Wagner, der noch auf drei andere Nachteile der Fichte zu sprechen kommt: Zum einen verschlechtere die Fichte die Trinkwasserqualität. Das habe mit den immergrünen Fichtenkronen zu tun, die den Stickstoff aus der Luft herausfiltern.

Und auch die Artenvielfalt im Fichtenforst ließe zu wünschen übrig. Worauf jedoch kaum jemand zu sprechen komme, sei die Ästhetik: "Viele Menschen finden einen reinen Fichtenwald einfach nicht schön", sagt Sven Wagner. Hier zeigt sich, was eine Professur für Waldumbau heutzutage alles mitdenken muss.

In der Forstwirtschaft geht es um mehr als Bäume

"Unser Blick ist nicht nur verengt auf die Holzproduktion", sagt der Forscher. In der Forstwirtschaft gehe es um noch viel mehr Aspekte und sie reichen vom Trinkwasser über den Naturschutz bis hin zur Schönheit des Waldes.

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Und genau das möchte Professor Sven Wagner auch all seinen Forststudierenden lehren: Es gebe verschiedene Sichtweisen auf den Wald. "Sie müssen lernen, die differenzierten Waldbilder zu verbinden." Dabei zeigt er auf die kleinen Buchen unter den Fichten: "Denn wir legen jetzt fest, wie die Wälder für unsere Nachfahren aussehen werden."

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