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"Olympioniken" im Kreischaer Institut zurück

Die Doping-Fachleute haben drei Wochen in Tokio gearbeitet - unter strengen Hygieneauflagen. Ihre Dienstreise wurde auch in Welschhufe verfolgt.

Nach der Quarantäne ging es für Astrid Knieß (l.), Sebastian Rzeppa und Simone Reimann auf Stadttour durch Tokio. Trotz fehlender internationaler Gäste erlebten sie überall olympisches Flair - hier vor den Olympischen Ringen an der Nihonbashi Brücke
Nach der Quarantäne ging es für Astrid Knieß (l.), Sebastian Rzeppa und Simone Reimann auf Stadttour durch Tokio. Trotz fehlender internationaler Gäste erlebten sie überall olympisches Flair - hier vor den Olympischen Ringen an der Nihonbashi Brücke © Simone Reimann

Das war ein Empfang in Kreischa. Mit Blümchen und "deutschem" Sushi wurden die Tokio-Reisenden von ihren Kollegen am Institut für Dopinganalytik und Sportbiochemie Dresden willkommen geheißen.

Nein, es war kein roher Fisch, den die Laborantin Simone Reimann sowie die Chemiker Astrid Knieß und Sebastian Rzeppa serviert bekamen. Auf den Tellern lagen Leckereien, auf die sie in den drei Wochen, in denen sie ihren Arbeitsplatz bei den Olympischen Spielen in Tokio hatten, verzichtet haben: Einige Stückchen Eierschecke, Heidelbeeren, Physalis, Giotto-Kugeln, Schweinsöhrchen, Gummibärchen und Smarties. Angerichtet wie Sushi und dekoriert mit Ess-Stäbchen.

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"Eine tolle Idee", so Reimann, für die die Olympia-Teilnahme eine Premiere war. Nur der Empfang am Flughafen in Dresden hätte noch gefehlt, meint sie augenzwinkernd und zeigt Fotos von der Abschiedszeremonie in Tokio.

Quarantäne mit schönen Ausblicken

Aber die Kollegen waren nicht die einzigen, die ihren Aufenthalt in Tokio verfolgt haben. Im Heimatort, dem Bannewitzer Ortsteil Welschhufe, hatte sich schnell herumgesprochen, dass Simone Reimann auf Doping-Mission in Tokio ist.

"Familie und Nachbarn haben mitgefiebert, Fotos und Grüße verfolgt, die ich regelmäßig nach Hause geschickt habe", sagt Reimann. Täglich 8 bis 17 Uhr hätte die Schicht von ihr und Astrid Knieß gedauert. Sebastian Rzeppa begann 16 Uhr seinen Dienst. Per Shuttle ging es vom Hotel zum Olympia-Labor und zurück. Die ersten zwei Wochen, in denen sie unter Quarantäne standen, hätten sie die Stunden vor und nach der Arbeit im Hotel zugebracht und sich die Nasen an den Scheiben plattgedrückt.

"Immerhin hatte ich aus meinem Zimmer eine wunderbare Aussicht auf den Tokyo-Tower. Auch einen Teil des Feuerwerkes vom Eröffnungsfest konnte ich sehen", sagt Reimann, die ihre Kollegen ab und zu zum Fenstern eingeladen hatte. Mit Zeitmessung ging es höchstens mal für 15 Minuten in den Supermarkt ins Hotel-Untergeschoss. Mehr war bei den strengen Hygieneauflagen, zu denen regelmäßige Tests sowie Mund- und Nasenschutz gehörten, nicht drin. "Das war aber alles super organisiert", sagt Reimann.

Wieder im Alltag angekommen: Simone Reimann im Labor des Instituts für Dopinganalytik und Sportbiochemie in Kreischa bei der Untersuchungsvorbereitung von Urinproben. Das Institut arbeitet im Auftrag der Welt-Anti-Doping-Agentur und analysiert vor allem P
Wieder im Alltag angekommen: Simone Reimann im Labor des Instituts für Dopinganalytik und Sportbiochemie in Kreischa bei der Untersuchungsvorbereitung von Urinproben. Das Institut arbeitet im Auftrag der Welt-Anti-Doping-Agentur und analysiert vor allem P © Daniel Schäfer

Japanische Spatel als Mitbringsel

Entspannung dann in der letzten Woche, als die drei Doping-Fachleute nach oder vor dem Dienst und am letzten verbliebenen freien Tag doch noch etwas die Stadt erkunden, endlich den Tokyo-Tower besteigen, Gärten, die Rainbow-Bridge, Schreine und Tempel besichtigen konnten.

Ein versöhnlicher Ausklang, auch wenn der Besuch von Wettkampfstätten bis zum Schluss tabu war. "Die Leichtathleten anzufeuern, das wäre noch das i-Tüpfelchen gewesen", sagt Reimann. Aber wenigstens von außen hätten sie das Olympia-Stadion gesehen.

Und die Arbeit in Tokio? Die sei geordnet abgelaufen. Ein absolutes Muss. Denn laut Internationaler Testagentur (ITA) sind an den Olympia-Tagen 5.850 Proben von 4.100 Athleten aus 169 Ländern auf verbotene Substanzen untersucht worden. Davon gibt es aktuell 350. Fünf positive Olympia-Fälle seien bisher bekannt geworden. Allerdings werden die Proben, die alle anonym sind, zehn Jahre für weitere Untersuchungen aufbewahrt. Die beiden Chemiker haben nicht gezählt, wie viele Analysen am Ende ihrer drei Tokio-Wochen auf ihrer Arbeitsliste standen.

Nur Simone Reimann weiß es genau. "30 Proben waren es pro Schicht." Ansonsten schwärmen die drei von herzlichen Begegnungen mit den internationalen Kollegen und neuen Erfahrungen. Manchmal seien es auch nur Details, die sie mitnehmen. "So haben die japanischen Kollegen zum Transport der zur Untersuchung nötigen Gele größere Spatel als wir verwendet, was viel praktischer ist", so Reimann. Also hätten sie und Astrid Knieß in Tokio einige solcher Spatel als Mitbringsel gekauft. "Wir haben uns auch bei Messungen Kniffs von anderen abgeschaut oder überlegt, welche Geräte wir vielleicht noch anschaffen können", ergänzt Rzeppa.

Auf EPO-Suche im Labor

Inzwischen sind die Eindrücke gespeichert, der Jetlag vergessen und die Tokio-Dienstreisenden wieder im Kreischaer Alltag angekommen. Längst nähern sich die 25 Institutsmitarbeiter dort wieder dem Arbeitspensum aus Vor-Corona-Zeiten. Nach der Untersuchung von etwa 12.000 Proben im vergangenen Jahr werden 2021 wieder an die 15.000 zusammenkommen.

Und Simone Reimann hat nach ihrer Olympia-Premiere vor ein paar Tagen genau dort in Kreischa angefangen, womit sie im Labor von Tokio aufgehört hat. Sie untersucht Urinproben von Sportlern auf Erythropoetin, also EPO. Um den Sauerstoffgehalt des Blutes zu erhöhen, wird EPO von einigen Leistungssportlern verbotenerweise gespritzt. Genau das müssen Fachleute wie Reimann herausfiltern.

Gerade ist sie wieder dabei, mit einer Pipette aus 56 kleinen Gefäßen mit Flüssigkeit jeweils etwa 20 Mikroliter zu entnehmen und in Gel-Taschen zu füllen.

Mit diesem ganz speziellen Sushi wurden die Tokio-Reisenden am Institut für Dopinganalytik und Sportbiochemie in Kreischa begrüßt.
Mit diesem ganz speziellen Sushi wurden die Tokio-Reisenden am Institut für Dopinganalytik und Sportbiochemie in Kreischa begrüßt. © Simone Reimann

Ergebnisse nach 24 Stunden

Um das mögliche Corpus Delicti herauszufiltern, sind einige Arbeitsschritte nötig. Knapp zwei Stunden dauert die sogenannte Gelelektrophorese. Dabei wandern die unterschiedlichen EPO-Moleküle unter Einfluss eines elektrischen Felds durch ein Gel, welches in einer ionischen Pufferlösung liegt.

Je nach Größe und Ladung der Moleküle bewegen sich diese unterschiedlich schnell durch das Gel und werden so getrennt. Anschließend kommen die Proteine der Urinprobe durch ein spezielles Verfahren auf eine Membran und werden über Nacht mit Antikörpern behandelt. Sichtbar werden die EPO-Anteile am nächsten Tag nach einer chemischen Reaktion mittels einer speziellen Kamera.

Jeweils zwei Personen überprüfen unabhängig voneinander das Ergebnis. In Tokio seien es sogar drei gewesen, so Reimann. Im Gegensatz zum Labor in Kreischa, wo bis zu 20 Tage Zeit für die Analyse ist, mussten bei Olympia die Ergebnisse nach 24 Stunden vorliegen. Das war auch bei Sebastian Rzeppa so.

Nur hat der 39-Jährige in Tokio wie seine Kollegin Astrid Knieß nicht im Labor gearbeitet, sondern Laborbefunde am Computer analysiert. Sein Schwerpunkt waren und sind Steroide, stimulierende Substanzen und Präparate, die wie Asthmamittel für einen verbesserten Sauerstofftransport sorgen.

Und was die Verpflegung im Kreischaer Alltag anbelangt, da ziehen die Drei dem japanischen Sushi erst einmal das deutsche vor. Auch die leckeren sächsischen Brötchen und Schwarzbrot hätten sie vermisst.

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