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Jubel

Und nichts mehr war wie vorher

Die Jahrhundertflut von 2002 hat auch die Arbeit der Redaktionen der SZ nachhaltig verändert. Ein Beitrag zum Jubiläum 75 Jahre SZ.

Das Sachbuch, das vom regionalen SZ-Verlag produziert wurde, fand sofort reißenden Absatz und steht noch heute in vielen Bücherregalen der Region.
Das Sachbuch, das vom regionalen SZ-Verlag produziert wurde, fand sofort reißenden Absatz und steht noch heute in vielen Bücherregalen der Region. © SZ-Archiv

Wie konnte das passieren? Am Morgen des 13. August 2002 versuchen die Zusteller der Sächsischen Zeitung, auf abenteuerlichsten Wegen sämtlichen Abonnenten ihre Zeitung pünktlich in die Briefkästen zu stecken. Doch in den Zustellbezirken in der Nähe von Flüssen ist an diesem Morgen nichts mehr, wie es war. Nicht nur Briefkästen sind nicht mehr an der Stelle, wo sie gestern noch waren. Mancherorts sind die Briefkästen samt Haus zerstört oder gar in den Fluten versunken. Es dauert alles viel länger, weil ja auch nicht mehr alle Straßen und Brücken passierbar sind.

Im sicheren Hinterland ist dagegen fast alles wie immer. Zum morgendlichen Kaffee wird die Zeitung aufgeschlagen. Hier ist sie noch angekommen. Auf den Fernsehkanälen lief seit dem Vorabend immer wieder dieses Video aus Glashütte. Nachdem ein Damm gebrochen war, schoben Wassermassen Autos, Mülltonnen und ausgerissene Bäume durch die Stadt. An diesem Morgen titelt die SZ bereits „Katastrophenalarm: Sachsen versinkt in den Wassermassen“. Am Ende des Artikels ist schon der Hinweis angehängt, dass diese Ausgabe möglicherweise nicht alle Haushalte pünktlich erreicht, insbesondere im Weißeritzkreis. Dass es mit der nächsten Ausgabe noch viel schwieriger werden würde, ist in allen SZ-Redaktionen an diesem Morgen schon klar.

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Denn noch in der Nacht zum 13. März legt die Weißeritz das Verlagsgebäude an der Ostraallee in Dresden lahm. Das Erdgeschoss des Hochhauses ist hüfthoch geflutet, sämtliche Technik ausgefallen. Der IT-Standard war vor fast 19 Jahren noch nicht so ausgereift, dass die Zentrale flugs ersetzt werden könnte.

Redaktion in Freital und Pirna unter Wasser

Die Redakteure waren längst ausgeschwärmt, um die Katastrophe zu dokumentieren. Gerade, als die ersten heldenhaften Geschichten in die Notizblöcke geschrieben wurden, kam der Anruf der Chefs, dass die eigene Redaktion in Freital und in Pirna auch abgesoffen waren.

An der Dresdner Straße in Freital befindet sie sich in einem ersten Stockwerk. So hoch soll das Wasser gestanden haben? Das dann doch nicht. Aber das Erdgeschoss war verwüstet und ohne Stromversorgung war kein Arbeiten möglich, auch nicht in den trocken gebliebenen Räumen im Obergeschoss.

Für einen Journalisten war das ein berufliches Desaster. Man ist gerade in die verrückteste Nachrichtenzeit seit 1990 gespült worden und hat kein Medium mehr, das diese Geschichten drucken kann. Denn ohne die Technik in Dresden gelang es gerade so, für den 14. August eine 16-seitige Sonderausgabe zu produzieren. Und zwar eine einzige Ausgabe, die von Zittau bis Riesa ausgeliefert wurde. Auf den gewohnten Lokalteil musste verzichtet werden. Aber die SZ erschien auch an diesem Tag. Wer sie an jenem Morgen im Briefkasten hatte, konnte nicht erahnen, wie viel Glück und welche enorme Leistung von Technikern, Redakteuren und vagemutigen Kurierfahrern dafür nötig waren,

Welcher Artikel schafft es ins Blatt?

Statt mehrerer Seiten gab es nur noch die Chance, einen einzigen Artikel aus dem Gebiet jeder Lokalredaktion in der Notausgabe zu platzieren. Doch welcher sollte es sein? In Freital priesen ein halbes Dutzend Redakteure ihre Geschichten an. Jede einzelne hätte in normalen Zeiten das Zeug für die Titelseite gehabt. Nun landeten sie in der Schublade. Dort lauerten sie auf jenen Tag, an dem endlich wieder Lokalseiten in gewohntem Maße zur Verfügung stehen.

Mit den Fotos war es das Gleiche. „Damit könnte man Bücher füllen!“ Diese Floskel war schnell viel mehr. Schon als noch Wasser in den Kellern stand, wurden erste Konzepte für ein Buch erstellt. Das erste als reine Fotodokumentation. Es folgten weitere mit emotionalen Texten. Endlich wurde etwas möglich, was die Notausgaben der Zeitung verhinderten. Ausführlich konnten Redakteure die Helden-Geschichten veröffentlichen, die sich in jener Flut-Nacht und den Tagen darauf zutrugen.

Den Sturzfluten der Flüsse des Osterzgebirges folgte kurz darauf das Hochwasser der Elbe. In den Bergen Tschechiens trug sich Ähnliches zu. Mit Verzögerung liefen die Wassermassen über die Elbe ab.

Für Redakteure und Fotografen war es zeitweise schwer, den professionellen Abstand zu wahren, wenn man zusammen mit den Besitzern auf Trümmer eines Wohnhauses schaute oder mit Unternehmern auf zerstörte Maschinen. Bei Gesprächen mit Rettungskräften, die von ihren Erlebnissen berichteten, war klar, es wird viel Aufbauarbeit notwendig sein, auch für die Psyche.

Niemand war auf diese Situation vorbereitet, auch wir Zeitungsleute nicht. Inzwischen gibt es Havariepläne, die Dienstzeiten haben sich verändert, Unwetterwarnungen kommen öfter und werden entsprechend ernst genommen. In der SZ vom 12. August 2002 deutete so gut wie nichts darauf hin, dass noch am selben Tag Katastrophenalarm in der Region ausgelöst werden würde. Im Wetterbericht wurde lang anhaltender Regen angekündigt. Für die Filmnächte in Dresden hieß es, dass sie planmäßig weitergehen würden, auch wenn das Wasser der Elbe am Wochenende zuvor schon am Fuße der Leinwand stand. Da hatten sich viele getäuscht. So gut wie nichts lief in den Tagen danach planmäßig weiter. Journalisten achten seitdem noch genauer auf Wettervorhersagen.

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