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Wie weiter mit Kreischas Kläranlage?

14 Jahre dauerte ein Rechtsstreit um neue Becken. Jetzt könnte gebaut werden, doch es stellt sich eine wichtige Frage.

Frank Schönig, Bürgermeister von Kreischa, hat die Baugenehmigung für die neuen Becken.
Frank Schönig, Bürgermeister von Kreischa, hat die Baugenehmigung für die neuen Becken. © Daniel Schäfer

Es blubbert. Wie in einem Strömungskanal rauscht die Dreckbrühe durch das kreisförmige Becken. In der Luft liegt ein eigentümlicher Geruch. Nicht mal so unangenehm, wenn man bedenkt, dass direkt vor einem all das schwimmt, was in Kreischa durch Spülebecken, Toiletten, Badewannen oder auch Regenabläufe wandert.

Die Kläranlage im Lockwitztal war gut 14 Jahre lang Gegenstand eines Rechtsstreites. Es ging um den Bau von neuen Becken. Juristisch ist die Sache nun entschieden, aber der Kreischaer Wasser- und Abwasserbetrieb (KWA) steht trotzdem vor einem Dilemma. „Es ist eine schwierige, eine verfahrene Situation“, sagt Bürgermeister Frank Schöning und Tino Preikschat, Betriebsleiter des KWA, kommentiert: „Wir müssen jetzt alles noch mal durchrechnen, alles prüfen und abwägen.“ Das Ende eines langen Rechtsstreites - beide Männer hatten es sich ganz anders vorgestellt. Denn es ging einmal um ein innovatives Projekt.

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Das war 2003. Damals hatte man in Kreischa die Idee, eine sogenannte Klärschlammvererdungsanlage zu bauen. Dabei handelt es sich um schilfbestandene Becken, in die bei der Reinigung des Abwassers anfallender Klärschlamm geleitet wird. Dieser Schlamm wird derzeit in Kreischa, wie in vielen anderen Anlagen, in einem meterhohen Behälter zwischengelagert. Viermal im Jahr kommt ein Dienstleister, baut eine Zentrifuge auf, presst Wasser aus dem Schlamm und transportiert diesen dann ab. „Das ist ein riesiger logistischer Aufwand, der viel Energie frisst. Ein ökologischer Irrsinn“, kommentiert Betriebsleiter Preikschat. Und außerdem ziemlich teuer. Eine sechsstellige Summe kostet das pro Jahr.

Die Natur arbeiten lassen

Deshalb die Idee mit der Klärschlammvererdung, einem Verfahren, dass in einigen anderen Bundesländern, zum Beispiel in Thüringen, schon längst praktiziert wird. Dabei werden Becken angelegt, die am Boden mit einer Folie abgedichtet sind. Man muss sie sich vorstellen wie große, viereckige Gartenteiche. Der Klärschlamm wird in die Becken gepumpt und lagert sich dort ab. Den Rest übernimmt die Natur: Das Schilf ernährt sich von dem Schlamm und durchwurzelt ihn. Es entsteht Humus. Zudem trocknet der Schlamm aufgrund der Verdunstung aus. Aller acht bis zehn Jahre wird das Becken dann geleert. Der entstandene Humus kann unter anderem als Füllmaterial auf dem Bau oder auch als Düngemittel in der Landwirtschaft eingesetzt werden. Eine clevere Idee, Abfall zu Geld zu machen. 

Als der Kreischaer Wasser- und Abwasserbetrieb 2006 die wasserrechtliche Genehmigung erhielt, wähnte man sich kurz vor dem Ziel. Doch die Eigentümerin eines nahe gelegenen Wohngrundstücks ging in Widerspruch. Sie befürchtete Geruchsbelästigungen und Insektenplagen für ihre Mieter.

Der KWA plante um. Statt dreier großer Becken sollten nur noch zwei große Becken sowie zwei kleine Becken gebaut werden. Zudem wollte man die Klärschlammvererdung vom Wohngrundstück wegrücken. 2012 waren die Pläne fertig und wurden vom Landkreis genehmigt. Abermals erfolgte ein Widerspruchsverfahren, später eine Klage für dem Verwaltungsgericht und schließlich ein Beschwerdeverfahren vor dem Oberverwaltungsgericht. Es vergingen Jahre. 2018 trafen sich beide Seiten in einem Mediationsverfahren – ergebnislos. Es folgten Anhörungen und Erörterungen. Im Juli 2020 kam für den Abwasserbetrieb die erlösende Nachricht: Die Genehmigung von 2012 ist rechtsgültig, die Klägerin hatte ihre Beschwerde zurückgezogen.

Neue Vorschriften für alte Pläne

Doch gebaut wird in Kreischa vorerst nicht. Denn inzwischen gibt es neue Vorschriften, unter anderem die EU-Düngemittelverordnung. Darin sind auch neue Richtlinien zu Humus aus Kläranlagen, der in die Landschaft ausgebracht wird, verankert. Das Substrat aus Kreischa würde den Grenzwert für Cadmium, einem Schwermetall, überschreiten. „Wir liegen da nur ganz leicht drüber, aber Grenzwert ist eben Grenzwert“, sagt der Bürgermeister und schüttelt enttäuscht den Kopf. Denn dies bedeutet: Kreischa dürfte den Humus aus seiner Vererdungsanlage nicht als Dünger oder Baustoff vermarkten. Sondern er muss in Kraftwerken verbrannt werden, was den Abwasserbetrieb Geld kostet.

Und nun? Man müsse jetzt alles auf den Prüfstand stellen, heißt es seitens der Verantwortlichen. „Es geht um eine Millioneninvestition, die sich rechnen soll“, sagt Preikschat. Ist die Vererdung unterm Strich nicht wesentlich billiger als die derzeitige Entsorgung des Klärschlamms, lohnt sie sich eigentlich nicht. Die Kreischaer werden jetzt alles noch mal durchrechnen. Auch die Gemeinderäte sollen darüber diskutieren. Das Projekt geht in ein weiteres Jahr. Und wird vielleicht sogar ganz zu den Akten gelegt.

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