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Freitals Helden der brodelnden Weißeritz

Für die Gläsers aus Dresden waren die Kanu-Weltmeisterschaften 1961 auf der Roten Weißeritz beinahe traumatisch. Jetzt steigen wieder Paddler in den Fluss.

Ursula und Eberhard Gläser mit ihren Sieger-Trophäen aus Meißner Porzellan.
Ursula und Eberhard Gläser mit ihren Sieger-Trophäen aus Meißner Porzellan. © SZ/Gunnar Klehm

Sie sind tollkühne Sportler, die kaum ein Risiko scheuten. Doch das ist lange her. Jetzt ist die größte Sorge, den Deckel des Weltmeisterpokals ja nicht fallen zu lassen. Ursula und Eberhard Gläser heben die Deckelvasen aus Meißner Porzellan mit dem Drachenmotiv in die Höhe, fast wie vor 60 beziehungsweise 61 Jahren, als sie diese Siegertrophäen in Freital errangen.

Die Gläsers sind Sport-Ikonen, für die ein Wettkampf im Rabenauer Grund zu einem Meilenstein wurde. Bis heute erinnern sich die zig-fachen Weltmeister im Wildwasser-Rennsport an viele Details in jenem Sommer 1961. Eigentlich gehörten die beiden in die Hall of Fame des Sports. Sieben WM-Titel errang Ursula Gläser in ihrer Karriere, fünf ihr Ehemann Eberhard. Sie waren Pioniere dieser rasanten Sportart. Doch vom Deutschen Olympischen Sportbund haben sie diesbezüglich noch nichts gehört.

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Seinen ersten und einzigen WM-Titel im Einzel holte der Dresdner Eberhard Gläser 1961 bei seiner Heim-WM im Kanu-Slalom im Rabenauer Grund. Es ist bis heute für viele das größte Sportereignis, das jemals in Freital ausgetragen wurde. Welche herausgehobene Stellung es hat, zeigt auch der Fakt, dass es bis heute nur zwei weitere Orte in Deutschland gibt, die jemals eine Wildwasser-WM oder -EM ausgerichtet haben. Neben Freital sind das Garmisch und Augsburg.

Trophäen aus Meißner Porzellan

In der Vorbereitung auf die WM deutete nicht unbedingt alles darauf hin, dass Eberhard Gläser Weltmeister werden könnte. Bei der Generalprobe am 9. Juli, den DDR-Meisterschaften in Jena, landete er nur auf dem 5. Platz. Seine Ehefrau, Ursula Gläser, dominierte dort und holte drei Titel. In Freital sollte es jedoch anders kommen.

Zu jener Zeit, kurz vor dem Mauerbau, war fast alles ein Politikum, was internationale Bedeutung für die DDR haben konnte. Die Austragung der WM war reizvoll, zumal die DDR-Sportler dabei waren, denen aus der BRD den Rang abzulaufen und erfolgreicher zu werden. 1959 und 1960 wurden die nationalen Meisterschaften im Rabenauer Grund ausgetragen. Die Funktionäre erhofften sich einen Heimvorteil. Hier gewann Ursula Gläser 1960 den Titel und die kleine Deckelvase aus Meißner Porzellan. Zur WM ein Jahr später gab es für die Sieger die große Vase.

Im Kanu-Slalom auf der Roten Weißeritz schlug zur WM die Stunde des Eberhard Gläser. Nach dem ersten Lauf lag er in Führung. Fast alle anderen machten mehr Fehler, berührten Slalomstangen oder verpassten gar Tore. Doch im zweiten Wertungslauf trumpften plötzlich der Deutsche Roland Hahnebach und der Tscheche Jiry Cerny auf und überflügelten Gläser mit fehlerfreien Läufen.

"Darauf hatte ich mich psychisch vorbereitet", erzählt Gläser. Tausende belagerten die Strecke. Ein ruhiges Plätzchen war lediglich im Mannschaftsbus zu finden. Er setzte sich ganz nach hinten und studierte die Ergebnisliste des ersten Laufs. "Mir war klar, dass es drei, vier Leute geben würde, die sich noch steigern können. Also musste ich mich auch verbessern", sagt Gläser.

Zehntausende Zuschauer schrien ihn im zweiten Lauf förmlich über die Strecke. Tatsächlich legte er den perfekten, fehlerfreien Ritt auf der brodelnden Weißeritz hin. Am Ende war er satte 16 Sekunden schneller als der nun Zweitplatzierte Hahnebach. Auch wenn er sich im Wettkampf höllisch konzentrieren musste, habe er die Zuschauermassen trotzdem wahrgenommen. Es war sein erstes Gold im Einzel und sollte das einzige bleiben. Vier Titel holte er noch mit der Mannschaft.

Ursula Gläser ist siebenfache Weltmeisterin im Wildwasser- und Kanu-Slalom-Rennsport. Ein Jugendfoto aus den erfolgreichen Sportlerjahren.
Ursula Gläser ist siebenfache Weltmeisterin im Wildwasser- und Kanu-Slalom-Rennsport. Ein Jugendfoto aus den erfolgreichen Sportlerjahren. © privat
Eberhard Gläser in Aktion. Auf der Roten Weißeritz holte er seinen einzigen WM-Titel im Einzel.
Eberhard Gläser in Aktion. Auf der Roten Weißeritz holte er seinen einzigen WM-Titel im Einzel. © privat
Die Zuschauer drängten sich an jedem Fleckchen, wo man stehen konnte.
Die Zuschauer drängten sich an jedem Fleckchen, wo man stehen konnte. © Repro/SZ/gk

Für Ursula Gläser sollte die WM dagegen ein Reinfall werden, im wahrsten Sinne des Wortes. Obwohl sie sehr gute Vorleistungen abgeliefert hatte, gaben die Trainer ihr keinen der vier Startplätze im Slalom. Natürlich war die ehrgeizige Sportlerin enttäuscht, zumal auch zahlreiche ihrer Bekannten und Freunde mit an der Strecke waren. Sie war zwar wegen des Leistungssports zum ASK Vorwärts Leipzig gewechselt. Für die Dresdnerin war es dennoch so etwas wie eine Heim-WM.

Wenigstens im Wildwasserrennen durfte sie starten. Das war sowieso ihre Leidenschaft. Schweres Wildwasser lag ihr. Die Rote Weißeritz wurde im oberen Teil mit der Schwierigkeitsstufe 4 klassifiziert, danach mit einer 3. Das Maximum wäre eine 6.

Kurz vorm Rabenauer Wehr lag Ursula Gläser lediglich acht Sekunden hinter der bis dahin Führenden im Wettbewerb. "Das hatte mir ein Betreuer zugeschrien", erinnert sie sich. Im Nachhinein hätte er es wohl bleiben lassen sollen.

Mit Boot und Skifahrern ins Osterzgebirge

Acht Sekunden waren damals kein großer Abstand. Der Sieg war noch in Reichweite. Um so wilder ging sie die Schlüsselstelle des Rennens an: die Schrägwalze am Rabenauer Wehr. In dieser Welle sind die Boote kaum kontrollierbar. Umso wichtiger ist die Technik, wenn Walzen durchfahren werden. Schwere Athleten haben es dabei etwas einfacher. Zu ihnen gehörte Ursula Gläser aber nicht.

Die damals 23-Jährige dachte nach dem Zuruf aber nur an den Sieg - und kenterte. Beim Kanu-Slalom hat jeder zwei Läufe, von denen der beste in die Wertung kommt. Bei der wesentlich längeren Wildwasser-Strecke hatte jede Sportlerin nur einen Versuch. Statt der WM-Medaille in heimischen Gefilden blieb für die Dresdnerin nur nasse Kleidung.

Bei diesem Stichwort fällt ihr gleich noch etwas ein. Das Datum weiß sie noch genau. Es war an einem 7. Februar. Im Osterzgebirge hatte schon die Schneeschmelze eingesetzt. Die gefüllte Müglitz wollten sie und Freunde fürs Training nutzen. "Wir saßen mit unseren Faltbooten im selben Zug Richtung Altenberg wie die Skifahrer", erzählt sie.

Während der rasanten Übungseinheit fiel sie ins Wasser. Das Boot konnte sie retten und rannte dann - nass bis auf die Haut - nach Oberschlottwitz zum nächsten Wirtshaus. "Reingelassen haben sie mich nicht. Aber trockne Sachen habe ich bekommen und bin trotz der Kälte gesund geblieben", sagt sie.

Mit ihrer persönlichen Niederlage auf der Roten Weißeritz hat sie sich längst versöhnt. "Von da an habe ich mich nur noch auf technische saubere Fahrten konzentriert", sagt sie. Das zahlte sich aus. Sieben WM-Titel holte sie in ihrer Karriere. Olympisch wurde die Sportart erst 1972. Deutschland hat bis heute 91 Goldmedaillen bei Weltmeisterschaften im Wildwasserrennsport geholt, zwölf davon mit Beteiligung der Gläsers.

Von beiden Ufern der Roten Weißeritz verfolgten Zuschauer im Sommer 1961 die Wettkämpfe zur WM im Kanu-Slalom und Wildwasserrennsport.
Von beiden Ufern der Roten Weißeritz verfolgten Zuschauer im Sommer 1961 die Wettkämpfe zur WM im Kanu-Slalom und Wildwasserrennsport. © Frieder Herrmann

Hätte man 1961 Zuschauertribünen entlang der Strecke aufgebaut, sie wären sämtlich gefüllt gewesen, so groß war das Interesse. Logistisch war das nicht umsetzbar. Die Organisatoren hatten jedoch eine andere Idee. Man fuhr die offenen Wagen der Weißeritztalbahn an die Strecke und nutzte sie als Tribünen. Kampfrichterpodeste wurden aufgebaut und provisorische Imbissstände. "Die konnten aber nur nachts beliefert werden. Tagsüber war im Rabenauer Grund wegen der vielen Zuschauer kein Durchkommen für Fahrzeuge", erinnert sich Eberhard Gläser. Die Boote wurden zum Start über Rabenau oder Lübau mit Lkws transportiert, die Betriebe aus der Region extra zur Verfügung stellten.

Die Hüter des Natur- und Hochwasserschutzes drückten sämtliche Augen zu, um die WM in Hainsberg durchzudrücken. Der Ortsteil wurde übrigens erst drei Jahre später nach Freital eingemeindet. Ohne das Speicherbecken der Talsperre Malter wäre die WM nicht möglich gewesen.

Zum Wettkampf wurden 18 Kubikmeter Wasser pro Sekunde abgegeben. Einige zweifelten, ob das die Ufer schädigen könnte. Als die Malter vorab aufgefüllt wurde, gab es Kritik, dass es nun weniger Hochwasserschutz gab. Nach den Wettkämpfen war es wieder zu wenig, für den gewohnten Badespaß. Mehr als zwei Millionen Kubikmeter Wasser wurden abgelassen. Doch die Euphorie in den WM-Tagen und danach entschädigte und der Gedanke daran, internationales Renommee errungen zu haben.

Flussbett wird am Sonntag geflutet

An jene WM wird am Sonntag, dem 27. Juni, mit einer besonderen Aktion im Rahmen der Feierlichkeiten zum 100-jährigen Bestehen der Stadt erinnert. Gegen 12.30 Uhr werden an der Talsperre Malter erneut die Tore geöffnet. Nicht ganz so stark wie 1961, aber immerhin werden etwa acht Kubikmeter Wasser je Sekunde in die Rote Weißeritz gelassen, teilt die Stadt Freital mit. Das ist 70-mal so viel wie in den vergangenen Tagen.

Das sollte für die etwa 30 Kanuten vom Wassersportverein Wiking-Schweifsterne Dresden ausreichen, die gegen 15 Uhr ihre Boote oberhalb der Rabenauer Mühle zu Wasser lassen werden, um die legendäre Strecke von 1961 noch einmal zu befahren.

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