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Widerstand gegen Windbergbahn

Ein Anwohner befürchtet Massentourismus und Park-Chaos, wenn die Bahn ab diesem Jahr bis zur Freitaler Leisnitz fährt.

Vor dem Haus von Heiko Kubin verläuft die Trasse der Windbergbahn. Jahrelang war es hier schön ruhig, nun sollen bald Züge rollen.
Vor dem Haus von Heiko Kubin verläuft die Trasse der Windbergbahn. Jahrelang war es hier schön ruhig, nun sollen bald Züge rollen. © Karl-Ludwig Oberthür

Das Tauwetter hat Gleis und Schwellen freigelegt. Am vergangenen Sonntag seien auf dem alten Bahndamm noch die Skifahrer unterwegs gewesen, erzählt Heiko Kubin. Seiner Meinung nach ist das die beste Verwendung für die alte Trasse der Windbergbahn. "Als Rad- und Wanderweg wie zwischen Kleinnaundorf und Possendorf ausgebaut, hätte jeder etwas davon."

Heiko Kubin wohnt an der Leisnitz in Freital mit Blick auf die alte Gleisanlage. Seit Einstellung des Zugverkehrs 1993 war es hier schön ruhig. Nur hin und wieder schickte der Windbergbahn-Verein noch einen Zug auf die Reise, der an der Leisnitz vorbeikam. Zuletzt muss das 2013 der Fall gewesen sein, erinnert sich der Anwohner.

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Damals aber habe vor seinem Grundstück Trubel und Chaos geherrscht. "Autos parkten kreuz und quer, die Straße war unbefahrbar, überall rannten Leute herum."

Schienen und Schwellen müssen getauscht werden

Deshalb war Heiko Kubin aufgeschreckt, als er im Dezember einen Zettel im Briefkasten vorfand. In dem Schreiben kündigte der Sächsische Museumseisenbahn Verein Windbergbahn, so der offizielle Name, ein Bauvorhaben bis Ende April entlang der Leisnitz an. Die Strecke ist in dem Abschnitt derart marode, dass Schienen und Schotter getauscht sowie Schwellen neu verlegt werden müssen.

Und das ist noch nicht alles. Der Verein möchte an der Leisnitz einen richtigen Haltepunkt zum Ein- und Aussteigen anlegen. Die Lage ist günstig: Die Leisnitz liegt auf halber Strecke der noch gut sechs Kilometer langen Windbergbahn-Trasse von Dresden-Gittersee nach Freital-Birkigt. Nur wenige Gehminuten entfernt befinden sich mit dem Schloss Burgk und dem Oskarshausen zwei touristische Anziehungspunkte.

Die Baustelle an der Leisnitz ist bereits eingerichtet. Sobald die Witterungsbedingungen passen, wird losgelegt. Ende April soll alles fertig sein.
Die Baustelle an der Leisnitz ist bereits eingerichtet. Sobald die Witterungsbedingungen passen, wird losgelegt. Ende April soll alles fertig sein. © Karl-Ludwig Oberthür

Heiko Kubin dagegen meint, die Leisnitz sei touristisches Niemandsland. "Hier gibt es nicht mal mehr eine Gaststätte. Und ganz ehrlich: Die Touristen laufen doch nicht zu Fuß hierher. Heutzutage will jeder mit dem Auto bis vor die Tür fahren." Einen regelmäßigen Zugverkehr möchte er sich deshalb lieber nicht vorstellen.

In einem Brief an die Stadtverwaltung schlägt er stattdessen vor, die alte Bahnstrecke umzuwidmen und zum Spazier- und Radweg auszubauen. "Der Museumsbahnbetrieb kann sich auf den Bahnhof Gittersee beschränken", schreibt er und deutet an, eventuell eine Bürgerinitiative zu gründen und auch rechtliche Schritte gegen den Zugbetrieb in Erwägung zu ziehen.

Windbergbahn-Verein sucht eine Lösung

"Ein regelmäßiger Zugverkehr ist gar nicht geplant", sagt Mike Scholz vom Vorstand des Vereins. Wie im vergangenen Jahr erstmals getestet, wolle man dagegen Fahrtage an einigen Wochenenden in den Sommermonaten durchführen.

Auftakt in diesem Jahr soll der 1. Mai sein. Pro Monat folgt dann im Schnitt eine weitere derartige Veranstaltung, also etwa sechs pro Jahr. An solchen Tagen pendeln die Züge dann mehrmals ab dem Bahnhof in Gittersee bis zur Leisnitz. Eventuell kommen dann noch zwei bis drei Charterfahrten im Jahr dazu, wenn sich Firmen oder Privatleute auf der Windbergbahn einmieten. "Mehr schaffen wir dann auch personell gar nicht", sagt Scholz.

Er räumt jedoch ein, dass man sich noch Gedanken mache müsse, wie man den Besucherverkehr an der Leisnitz lenkt. "Wir sind mit der Stadt im Gespräch, eine Lösung zu finden." Dass es an der Straße aber regelrechte Aufläufe, wie von Anwohner Kubin befürchtet, geben werde, glaubt man beim Verein nicht.

Mike Scholz ist beim Windbergbahnverein zuständig für den Gleisbau. Er versichert, dass der Verein keinen regelmäßigen Zugverkehr plant, sondern lediglich mehrere Fahrtage im Jahr.
Mike Scholz ist beim Windbergbahnverein zuständig für den Gleisbau. Er versichert, dass der Verein keinen regelmäßigen Zugverkehr plant, sondern lediglich mehrere Fahrtage im Jahr. © Egbert Kamprath

Oberbürgermeister Rumberg bietet Gespräch an

Im Rathaus betrachtet man die Arbeit des Vereins durchaus mit Wohlwollen. "Das ist eine weltweit einmalige Strecke und es ist eine großartige Leistung, diese zu erhalten", sagte Oberbürgermeister Uwe Rumberg in einer ersten Reaktion, als in der Sitzung des Stadtrates kürzlich das Thema angesprochen wurde. Man wolle deshalb alle Seiten an einen Tisch holen und miteinander ins Gespräch kommen.

Das fordert auch Stadtrat Lothar Brandau (FDP). Er wohnt ebenfalls an der Leisnitz mit Blick auf die alten Gleise. "Es ist doch toll, was der Verein macht. Klar, sind Radwege schön, aber die Bahnstrecke gibt es nun mal noch." Brandau könnte sich an dem neuen Haltepunkt sogar ein kleines Wartehäuschen vorstellen und ein schickes Stationsschild: Leisnitz/Schloss Burgk. "Da kann man in Zusammenarbeit mit dem Schloss bestimmt auch richtig tolle Veranstaltungen und Aktionen anbieten."

Erste Gebirgsbahn Deutschlands

Was die Strecke aus Sicht der Eisenbahnfans und Technikhistoriker so einzigartig wie erhaltenswert macht, ist ihre Konstruktion. Ingenieur Guido Brescius plante die Hänichener Kohlezweigbahn, so ihr damaliger Name, perfekt in die Topografie zwischen dem Plauenschen Grund und dem Windberggebiet ein.

Die Bahn konnte somit auf den ersten sechs Kilometern gut 120 Höhenmeter überwinden. Es war eine Leistung, die bis dato nur in Österreich gelungen war, wo 1854 die erste normalspurige Gebirgsbahn Europas - die Semmeringbahn - eröffnet wurde.

Der erste Zug auf der Windbergbahn rollte nach nur zwei Jahren Bauzeit 1857. Bei einer Inspektion sprach der sächsische König Johann damals von der "Sächsischen Semmeringbahn". Ihre Aufgabe war zunächst darauf beschränkt, die Steinkohle aus dem Raum Kleinnaundorf, Bannewitz und Hänichen nach Dresden zu bringen.

Um 1900 herum stieg auch ihre Bedeutung für den Personenverkehr. Dafür wurden mehrere Waggons gebaut, von denen einer noch original erhalten ist. Ab 1951 wurde die Strecke abschnittsweise stillgelegt und demontiert. Zuletzt fuhren die Züge nur noch zwischen Dresden-Gittersee und dem Plauenschen Grund.

Viel Lob von den Fahrgästen

Die Faszination ist jedoch ungebrochen. Als der Verein im Sommer 2020 seine Fahrtage veranstaltete, kamen viele Gäste. So viele, dass man noch Zusatzfahrten einschieben musste. "Das waren keine Eisenbahnfreaks, sondern alles Familien, darunter viele Leute, die an der Strecke wohnen", berichtet Mike Scholz. Man habe viel Lob und Aufmunterung erfahren für das Projekt. Der Verein sieht deshalb Potenzial für einen "sanften Tourismus" entlang der Windbergbahn.

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Anwohner Kubin sieht vor allem die Probleme, die die Wiederbelebung der Strecke mit sich bringt. "Wir werden das lösen", verspricht Windbergbahner Scholz. Man wolle ein gutes Einvernehmen mit den Anwohnern und keinen Streit. "Ich denke, von der Wiederbelebung der Bahn haben alle etwas."

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