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Der treuste Angestellte

Der Pretzschendorfer Gunther Flathe hat in 49 Berufsjahren viel erlebt. Seine Chefs wechselten, er blieb im selben Betrieb - von der Lehre bis zur Rente. Warum?

Gunther Flathe an einem seiner letzten Arbeitstage in der Werkzeugbau Winkelmühle GmbH. Zuletzt wurden Schneidwalzen für die Maskenproduktion gefertigt.
Gunther Flathe an einem seiner letzten Arbeitstage in der Werkzeugbau Winkelmühle GmbH. Zuletzt wurden Schneidwalzen für die Maskenproduktion gefertigt. © Egbert Kamprath

Solche Mitarbeiter wünschen sich viele Chefs. Gunther Flathe arbeitet länger, als er müsste. "Ich fühle mich sehr wohl hier", sagt der 66-Jährige und meint damit die Werkzeugbau Winkelmühle GmbH im Gewerbegebiet in Klingenberg. Nach 49 Arbeitsjahren beginnt für ihn nun der Ruhestand. "Mental bin ich aber noch nicht in Rente", sagt Flathe, der in der Branche bekannt ist, wie ein bunter Hund.

Doch das ist nicht mal das Besondere. Dass er aber sämtliche Arbeitsjahre als Angestellter in einem einzigen Betrieb verbracht hat, das ist heutzutage schon ungewöhnlich. Dabei gab es sogar historische Brüche, die er mit dem Betrieb überstanden hat. Viele Kollegen wechselten. Er blieb. "Im Arbeitsalltag passiert es eher selten, über Vergangenes zu sprechen", sagt er und ist im Gespräch mit Sächsische.de fast überrascht, wie bewegt sein Arbeitsleben war.

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Erfahrung, Wissen und ein super Team. Bis zum heutigen Erfolg war es eine lange, lehrreiche Reise, die sich nun in verschiedenen Abteilungen widerspiegelt und seinen Kunden Einrichtungs- und Wohnträume verwirklicht.

Volleyballfeld auf Betriebsgelände

In der DDR hatte der damals 17-Jährige 1972 als Werkzeugmacher-Lehrling angefangen. Als Pretzschendorfer wollte er in der Nähe bleiben. Zu jenen Zeiten war die Fluktuation in Betrieben eher gering. Weil man sich damals gleich auf längere Zeit einrichten musste, war die passende Berufswahl sehr wichtig.

Anders als heute konnte damals kaum ein Teenager zur Arbeit mit einem Auto pendeln. Die waren Mangelware - wie so vieles. Die Arbeitsstelle sollte also nicht weit weg sein. Die Winkelmühle produzierte im nahegelegenen Dorfhain und hatte quasi die Lizenz zur Produktion elektronischer Bauteile. Ein Privileg zu DDR-Zeiten und für junge Leute attraktiv, weil es damals eine moderne Branche mit Perspektive war.

In Dorfhain wurde sogar für den NSW produziert, also das "Nicht Sozialistische Wirtschaftsgebiet". Der Beruf des Werkzeugmachers erforderte kein Studium, hatte aber Anspruch. Das passte dem jugendlichen Gunther Flathe. Die Gehaltsunterschiede zwischen Facharbeitern und Akademikern waren damals auch nicht so groß wie heute.

In der Winkelmühle mussten die Lehrlinge von Anfang an mit ranklotzen. Flathe hatte geschickte Hände, hört man von ehemaligen Wegbegleitern. Das half in jeder Lage. In Erinnerung bleiben sowieso mehr die schönen Momente. "Auf dem Betriebsgelände gab es ein Volleyballfeld. Da haben wir in der Mittagspause oder nach Feierabend gespielt. Das war insgesamt eine tolle Zeit mit den Kollegen", sagt Flathe.

Bis heute treffen sich Beschäftigte und treiben gemeinsam Sport. Im Sommer gab es gemeinsame Wanderungen. Im Winter ging es zum Skifahren ins Gebirge. "Da waren wir auch mal mit der Klingenberger Schule unterwegs. Seit der Corona-Pandemie hatten wir dazu aber keine Gelegenheit mehr", sagt Flathe traurig.

Wende 1990 ändert vieles

Wie für so viele andere auch, war die politische Wende 1989/90 dann auch für die Winkelmühle und Flathe eine große Zäsur. "Weil wir auch für den Westen produziert haben, hatten wir schon zu DDR-Zeiten ganz gute Maschinen bekommen, die sehr präzise waren, etwa eine Erodiermaschine. Das hat uns in der Wende sehr geholfen", erzählt Flathe, der damals als Vorarbeiter eingesetzt war.

Damit war der Betrieb zwar erst mal halbwegs konkurrenzfähig, doch es fehlten die wirtschaftlichen Kontakte. Zudem lief parallel die Privatisierung des volkseigenen Betriebs Elektronische Bauelemente Dorfhain und dessen Zweigbetriebs, der Winkelmühle, durch die Treuhand. Schließlich haben zwei Mitarbeiter den Mut gehabt, die Winkelmühle, zu kaufen.

Betrieb mit Potenzial

So optimistisch diese auch die neue Zeit angegangen sind. Für die meisten Beschäftigten war es das bittere Ende. Von den 104 Mitarbeitern wurden nach dem Verkauf 1992 lediglich 27 übernommen. "Bei denen, die gehen mussten, waren Freunde dabei. Das waren tiefe Einschnitte, auch privat", sagt Flathe rückblickend.

Vom Team der Formbauer sind in diesen bewegten Zeiten auch viele freiwillig weggegangen. "Ich wusste aber, was für Potenzial in dem Betrieb steckte", sagt Flathe. Er wurde gleich als Leiter des Werkzeugbaus eingesetzt. Dazu gehörten damals auch noch die Spritzerei und Stanzerei. Als es mit Aufträgen eng wurde, haben sich die Geschäftsleitung inklusive Flathe einfach ins Auto gesetzt und sind in die alten Bundesländer gefahren und haben quasi mit Klinkenputzen ihre Dienste angeboten. Mit Erfolg. Teilweise wurde danach bis in die Nacht gearbeitet, damit alle rangeholten Aufträge pünktlich fertig wurden.

Emotionaler Abschied

Dann kam der nächste Bruch. Beim Hochwasser 2002 war auch die Winkelmühle arg in Mitleidenschaft gezogen worden. "Mich hat der damalige Bürgermeister angerufen und gesagt, dass der Betrieb überflutet wird", erzählt Flathe. Natürlich eilte er sofort los und trommelte Kollegen zusammen. Sie versuchten zu retten, was noch zu retten war.

In den Werkhallen stand das Wasser. Fünf Tage lang gab es keinen Strom. Ans Produzieren war nicht zu denken. Dennoch war die Firma mit einem blauen Auge davon gekommen. Der Rettungseinsatz schweißte erneut zusammen. Es ging in Dorfhain weiter - bis 2005. Dann zog der Betrieb samt Flathe nach Klingenberg um. Dort im Gewerbegebiet besteht kein Hochwasserrisiko. Gewachsen war der Betrieb außerdem. Das war an dem Standort leichter.

Von da an lief es richtig gut. Für Flathe war es die perfekte Mischung: Zum einen unmittelbar in die Organisation des Fertigungsablaufs eingebunden zu sein. Und zum anderen mit vielen Kunden in Kontakt zu kommen und Vertrauen aufzubauen. "Arbeit die Spaß macht, ist nicht so belastend", sagt er, auch wenn es mal spät wird im Betrieb. Dem bleibt man dann auch lange treu.

Seinen Aufgabenbereich übernehmen mit René Weiß und Franziska Koch nun Jüngere. Der Übergang war fließend und lief schon seit April 2019, sodass möglichst wenig Kompetenzen von Gunther Flathe verlorengehen. Der Abschied im Juli war noch mal emotional. Jetzt hat er als Rentner Zeit für Hobbys wie dem Radfahren oder für Familie und den großen Garten.

Geschichte der Winkelmühle

Die ursprüngliche Winkelmühle liegt im Tal der Wilden Weißeritz an der Straße von Dorfhain nach Obercunnersdorf.

Der erste dokumentierte Kauf des Grundstücks datiert von 1541. Danach begann der Bau der Mühle mit Mühlgraben und Wasserrad.

1835 brannte die Mühle ab und wurde wieder aufgebaut. Ab 1838 waren zwei Mahl-, ein Spitzgang und eine Ölpresse in Betrieb.

1910 erfolgte die Übernahme durch die Firma Ellinger & Geisler und der Umbau als Zweigwerk mit Werkzeugbau und Stanzerei.

2005 zog der Großteil der Produktion ins Gewerbegebiet Klingenberg. Dort ist jetzt der Firmensitz der Werkzeugbau Winkelmühle GmbH.

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