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Die Bremsscheibe der Zukunft aus Freital

Zwei Unternehmer sorgen dafür, dass die Teile nicht verrosten und weniger Feinstaub produzieren. Das könnte mal ein Millionengeschäft werden.

Swen Hallasch (52) und Tilo Steinmeier (62, rechts) haben eine neuartige Beschichtung für Bremsscheiben entwickelt, mit der sie nun auf den hart umkämpften Markt wollen.
Swen Hallasch (52) und Tilo Steinmeier (62, rechts) haben eine neuartige Beschichtung für Bremsscheiben entwickelt, mit der sie nun auf den hart umkämpften Markt wollen. © Karl-Ludwig Oberthür

Bremsscheiben. Den meisten Autofahrern wird dazu nur einfallen, dass die schnell rosten und nach ein paar Jahren wegen Abnutzung ausgewechselt werden müssen. Einige werden noch wissen, dass Bremsscheiben im Straßenverkehr gesundheitsgefährlichen Feinstaub erzeugen. Tilo Steinmeier und Swen Hallasch können aber noch viel mehr zu diesen Gussteilen erzählen. Sie haben sich intensiv damit befasst. Ihre Mission: Wie können wir die bekannten Nachteile reduzieren oder sogar tilgen?

Nach zwei Jahren intensiver Arbeit haben die beiden Geschäftsführer der Minifirma C4 Laser Technology eine Lösung, zumindest für zwei der Probleme. Ihre Bremsscheiben rosten nicht. Und sie erzeugen weniger Feinstaub, sagt Steinmeier, der der Techniker im Unternehmen ist.

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Den Impuls, sich mit Bremsscheiben zu beschäftigen, erhielt Steinmeier in einem Gespräch mit Ingenieuren aus dem Automobilbau. Diese Begegnung hat seinen Forscherdrang geweckt, sagt der Elektroingenieur mit Doktortitel aus Pohrsdorf.

Fast alle Fahrzeuge - auch E-Autos - verfügen über Bremsscheiben. Diese rosten nicht nur schnell, sie erzeugen auch sehr viel Feinstaub. Einer der großen E-Auto-Hersteller lässt die Scheiben deshalb sogar halbjährlich wechseln, erzählt Steinmeier.

Lösung durch Zufall gefunden

Bisher sei es der Industrie nicht gelungen, Abhilfe zu schaffen. Steinmeier hat durch Zufall eine wirtschaftliche Lösung gefunden. Er studierte nicht nur Aufsätze und Bücher, sondern konsultierte auch Fachleute. "Die Leute erzählen einem viel." Und er könne gut zuhören. Es war eine eher beiläufige Bemerkung eines Beschichters, die zur Lösung führte. Steinmeier reagierte sofort: "Ausprobieren! Wenn das nicht passiert wäre, dann wäre unsere Entwicklung in eine andere Richtung gelaufen." Inzwischen wurde die Technologie weiterentwickelt.

Diese besteht aus zwei Verfahren. Bei dem einen wird die Reibfläche gehärtet. Dazu wird ein pulverförmiger Zusatzwerkstoff mit Laserenergie aufgeschweißt. "Das machen acht bis zehn andere Hersteller auch", so Steinmeier.

Beim anderen Verfahren werden die restlichen Flächen inklusive der Kühlöffnungen thermisch mit einer aluminiumbasierten Legierung bespritzt. Anschließend erfolgt eine Wärmebehandlung, die zum Austausch von Atomen führt. Es entsteht eine Oberfläche, die härter als Grauguss ist und nicht rostet.

"Es gibt niemanden, der diesen Langzeitkorrosionsschutz hingekriegt hat," sagt Hallasch, der in Seifersdorf wohnt, dort auch schon als Ortschaftsrat aktiv war und im Unternehmen für das Käufmännische zuständig ist. Er verweist auf einen Test, der von einem Unternehmen durchgeführt wurde. Mehrere Bremsscheiben wurden in einer Kammer 720 Stunden einem standardisierten Salzsprühnebel ausgesetzt. "Das Ergebnis: Unsere Scheibe schnitt mit Abstand am besten ab", sagt Steinmeier.

Preiswerter als Wettbewerber

Doch nicht nur dieser Test spricht für die Technologie. Bei den Wettbewerbern kostet die Hartstoffbeschichtung zwischen 60 und 120 Euro, sagt Steinmeier. "Mit unserer Technik versetzen wird die Hersteller in die Lage, beide Verfahren für unter zehn Euro pro Scheibe Produktionskosten zu realisieren."

Steinmeier und Hallasch sind sichtlich stolz, das ihre Vier-Mann-Firma diese Entdeckung gemacht hat: "Wie das geht? Innovation funktioniert nur in kleinen Gruppen", sagt Steinmeier. Außerdem muss man als Unternehmen für "kurze Wege", ein angenehmes Betriebsklima und nötige Freiräume sorgen. So finde man eine Lösung, die so gut wie nötig ist und die zu niedrigen Kosten funktioniert. "Wir haben gegen die Großen dieser Welt nur eine Chance, wenn wir schneller und besser sind", sagt Steinmeier.

Mehrere Partner haben geholfen

Als kleines Unternehmen braucht man Partner. Und die habe man, sagt Steinmeier. Das ist zum einen René Bischoff. Der Experte hat vorher beim Fraunhofer-Institut gearbeitet, nun ist er für C4 Laser Technology tätig. Weitere Partner sind die Ostsächsische Sparkasse Dresden, die die Forschung vorfinanziert hat, und das Technologiezentrum Freital, das den beiden Unternehmern Räume zur Verfügung stellt.

Außerdem arbeiten sie mit einer Firma zusammen, die sich aufs Beschichten spezialisiert hat. Steinmeier und Hallasch, die bereits seit 2011 als Unternehmer zusammenarbeiten und sechs Jahre lang die Unternehmensberatung Solid-Servision.com GmbH geführt haben, haben sich bei diesem Spezialisten einen Raum angemietet und dort Technik im Wert von einer halben Million Euro installiert. "Wir nutzen die Infrastruktur der Firma und sind so wesentlich schneller", erklärt Steinmeier das Vorgehen.

Nun arbeiten Steinmeier und Hallasch in Entwicklungsprojekten mit den Bremsscheiben- und Automobilherstellern zusammen. "Wir wollen die Technologie entwickeln und lizenzieren", so Steinmeier. Dort sind die ersten Prüfstandversuche durch. "Die Ergebnisse sind positiv." Die Scheiben erfüllten die Versprechen. Sie rosten nicht und reduzieren den Feinstaub.

Bisher über eine Million Euro investiert

Bisher haben die beiden Unternehmer mehr als eine Million investiert. Hallasch geht davon aus, dass am Ende zwischen sechs und acht Millionen in das Projekt geflossen sein werden. Denn die Forschung geht weiter. Mit dem Fraunhofer-Institut soll eine Anlagen- und Messtechnik für das Laserpulver-Auftrag-Schweißen entwickelt werden, um die Technologie in die Praxis zu überführen. Erforscht werden soll auch, wie die veredelten Bremsscheiben wirtschaftlich bearbeitet werden können.

Die Investitionen sollen sich 2023 auszahlen. "Jährlich werden weltweit 340 Millionen Bremsscheiben hergestellt", rechnet Betriebswirt Hallasch vor. Er hofft, dass später mal weltweit zehn Prozent aller Bremsscheiben nach der Technologie hergestellt werden. Sollte sein Unternehmen einen Euro pro Scheibe bekommen, könnte es 30 Millionen Euro pro Jahr über die Lizenz einnehmen.

Technologie soll in Sachsen angewendet werden

Damit dieser Plan aufgeht, lassen die beiden Unternehmer ihre Technologie patentieren. Weil das dauert und sie keine Zeit verlieren wollen, haben sie ihre Technologie bereits jetzt den Herstellern überlassen. Abgesichert haben sie sich über Verträge, die von Patentanwälten ausgearbeitet wurden. "Wir wollen am Ende bei der Party noch dabei sein", sagt Steinmeier.

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Er möchte, dass die Technologie in Deutschland bleibt und in Sachsen Arbeitsplätze schafft. Deshalb verhandeln er und Hallasch mit einem Automobilhersteller, der von Deutschland aus diese Technologie weltweit vermarkten soll. "Wir sind Lokalpatrioten", so Steinmeier.

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