merken
PLUS Freital

Freital: Der Salbei hat die Sonne vermisst

Die Ernte fällt in diesem Jahr geringer aus. Aber derzeit sinkt auch die Nachfrage nach Erkältungstees.

Bombastus-Vorstand Joachim Günther prüft die Qualität auf einem im Salbeifeld bei Freital.
Bombastus-Vorstand Joachim Günther prüft die Qualität auf einem im Salbeifeld bei Freital. © Karl-Ludwig Oberthür

Salvia officinalis liebt die Sonne. Trockenstress veranlasst die Salbeipflanze, ihre wertvollen Inhaltsstoffe zu bilden, die in der Heilkunde ebenso wie in der guten Küche geschätzt werden. „Sonne hatten wir in diesem Sommer wenig, dafür war bei dem feuchten Wetter das Unkraut besonders fleißig“, sagt Joachim Günther. Er ist Vorstand der Bombastus-Werke und zeigt am Montag die traditionelle Ernte auf den Freitaler Salbeifeldern.

QF Passage Dresden
Dresdens schönste Einkaufs-Passage feiert
Dresdens schönste Einkaufs-Passage feiert

Die QF-Passage am Neumarkt wird 15 Jahre alt. Grund genug für eine große Party - und jede Menge exklusive Geschenke.

Auf einem Feldabschnitt fährt ein Traktor mit einem speziellen, für Bombastus ausgerüsteten Erntegerät über die Pflanzenreihen. Danach sehen diese wie abrasiert aus, denn nur die Spitzen der Salbeipflanzen landen mittels Luftstrom in dem Auffangkorb. Die Schneidwerkzeuge sind stufenlos einstellbar. Dadurch kann jede Pflanze individuell und mit optimaler Ausbeute geschnitten werden. Das ist bei den ungleich hoch gewachsenen Kräutern ein großer Vorteil. In der Erntemaschine ist eine Waage integriert. Damit weiß der Feldbauer am Ende der Reihe, wie viel Salbei er noch ernten muss, um die 500 Kilogramm je Trockner zu erreichen.

Aufwendige Trocknung

Auf der anderen Seite des Feldes hacken Männer und Frauen Unkraut. Eine von ihnen ist Katrin Hösel. Eigentlich arbeitet sie im Labor des Unternehmens. Aber wenn es nötig ist, hackt sie eben Unkraut. „Mal so einen Tag ist das sogar eine prima Abwechslung“, sagt sie. Im Sommer haben schon mal 40 Mitarbeiter aus der Produktion, dem Labor, der Verwaltung und dem Versand die Feldbauern unterstützt. Nur auf einem unkrautfreien Feld kann die Technik zum Einsatz kommen.

Die Salbei-Ernte geht gerade zu Ende. In den vergangenen sechs Wochen wurde montags, mittwochs und freitags geerntet. Anschließend kommen in einer Halle am Rande der Felder die grob zerschnittenen Salbeiblätter in eines der acht Trocknungsgeräte. Über Förderbänder werden sie dort nach oben transportiert und durchlaufen eineinhalb Tage langsam die acht Ebenen des Trockners. Weitere eineinhalb Tage trocknen sie in der Unterlüftungswanne. „Danach haben sie noch weniger als 15 Prozent Feuchtigkeit“, erklärt Vorstand Ulrich Brodkorb.

In einem Nachbarraum wandern die Salbeiblätter erneut über ein Förderband. Sollten sich noch Unkräuter oder anderes untergemischt haben, werden diese aussortiert, bevor es zum Rebeln geht – zum Zerreiben und Trennen der Stiele von den Blättern. Nach der Qualitätsprüfung im Labor landet der Salbei in Säcken im Lager und wird von dort aus für Endverbraucher wie Apotheken und Reformhäuser verpackt. Für eine Tonne Salbeitee wird die vierfache Menge frischer Kräuter benötigt.

Breite Produktpalette

Noch ist die Ernte nicht komplett eingefahren, doch Vorstand Günther erwartet, dass sie deutlich unter der des Vorjahres von 61,5 Tonnen bleiben wird. Allerdings ist auch die Nachfrage nach Salbeitee im vergangenen Jahr spürbar gesunken. 2020 wurden zehn Tonnen, drei weniger als im Jahr zuvor, verkauft. „Die Zahl der verkauften Packungen mit losem oder in Filterbeuteln verpacktem Tee sank von 210.000 auf 170.000. In diesem Jahr werden es wahrscheinlich 160.000 werden“, schätzt Joachim Günther. Die Ursache sieht er in Hygiene- und Abstandsregeln in der Corona-Zeit. Dadurch seien die üblichen Erkältungszeiten im Frühjahr und Herbst ausgeblieben. Das habe sich auch beim Verkauf von Kamille, Lindenblüten, Spitzwegerich und Thymian gezeigt.

Zur Produktpalette von Bombastus gehören neben Fertigarzneimitteln, Kosmetika, Nahrungsergänzungsmitteln und ätherischen Ölen etwa 50 Arzneitees. „Den Umsatzrückgang bei den Erkältungstees können wir mit anderen Produkten gut kompensieren“, erklärt Vorstand Günther. So seien aktuell beispielsweise Zinksalben- und -pasten, Bitter- und Glaubersalz sowie Salicyl-Vaseline, aber auch Nerven- und Beruhigungstees wie Melisse, Baldrian, Pfefferminze und Weißdornblätter sehr nachgefragt. Immer begehrt seien Erzgebirgs- und Blasentee sowie Himbeerblätter.

Auf den Salbeifeldern wird Unkraut noch per Hand gehackt.
Auf den Salbeifeldern wird Unkraut noch per Hand gehackt. © Karl-Ludwig Oberthür

Anbaufläche vergrößert

Etwa zwölf Millionen Euro Umsatz haben die Bombastus-Werke im vergangenen Jahr erzielt. 155 Mitarbeiter sind in dem Traditionsunternehmen beschäftigt. Drei davon erlernen gerade den Beruf Pharmakant. Seit diesem Jahr gibt es auch einen Onlineshop. Das mache das 1904 gegründete Unternehmen bei einer jüngeren Kundschaft attraktiv. Wer sich über die Firmengeschichte informieren und Produkte testen möchte, hat dazu mittwochs im Informationszentrum, Wilsdruffer Straße 184, Gelegenheit.

Am Salbeitee, so Günther, verdiene das Unternehmen fast nichts. Wohl aber an den Präparaten aus Salbeiwurzel und Salbeiblüte. Hier hatten die Firmengründer den richtigen Riecher und Weitsicht. Seit 1914 baut der Heilmittelhersteller mehrjährigen Salbei an. Zurzeit werden etwa 40 Hektar in Freital damit bewirtschaftet, 1990 waren es 25 Hektar. Das Unternehmen gilt als größter Anbaubetrieb in Europa und wohl als alleiniger Hersteller von Präparaten aus Salbeiblüte und Salbeiwurzel. Fünf bis sieben Jahre wachsen die Pflanzen auf den Feldern. „Danach bauen wir Zwischenfrüchte wie Luzerne und Weizen zur Regeneration des Bodens an“, sagt Vorstand Brodkorb.

Weiterführende Artikel

Maue Ernte in Sachsen - aber Lavendel hilft

Maue Ernte in Sachsen - aber Lavendel hilft

Sachsens Bauern sind mit der Ernte unzufrieden. Andreas Graf probiert mit Erfolg Neues, um trotz schlechter Böden steigenden Mindestlohn zahlen zu können.

Übrigens bietet Bombastus seinen Mitarbeitern zum Frühstück Salbeitee an. Die beiden Vorstände schwören selbst auf die heilsame Wirkung. Erkältungen kennen sie kaum. Allerdings genehmigen sie sich auch täglich ein kleines Schlückchen vom Salbeiblütentrunk.

Mehr zum Thema Freital