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Freital

Freitals Rathäuser sind älter als die Stadt 

Kommunale Schaltzentralen entstehen am Windberg ab 1888. Vorher mussten sich Gemeindeväter mit ihrer guten Stube begnügen. Ein Blick in die Heimatgeschichte.

Das Rathaus Potschappel, 1903/04 fertiggestellt. © : Karl-Ludwig Oberthür

Eines haben die wichtigsten Rathäuser Freitals gemeinsam. Sie werden erbaut, als an eine Stadt in der Gegend am Windberg noch nicht zu denken ist. Es fällt auf, dass die Gemeindeväter seinerzeit bei der Entstehung ihrer Schaltzentren eine großzügige Elle anlegen. Ob Deuben, Potschappel oder Döhlen – die Rathäuser haben nichts Provinzielles an sich. Offenbar sind die maßgebenden Herren vom Wachstum ihrer Orte überzeugt. Jedenfalls geraten die Amtsgebäude für damalige Verhältnisse um ein bis zwei Nummern zu groß.

Deuben übernimmt 1888 die Vorreiterrolle. Das Amt an der Hauptstraße gleicht noch am ehesten einem stattlich-städtischen Wohnhaus. Von der Fassadengestaltung sachlich gehalten, finden sich keine pompösen Extras. Vom Balkon im ersten Stock sprach unter anderem der sehr verdienstvolle Amtsvorsitzende Robert Rudelt zu den Einwohnern der aufstrebenden Gemeinde. Dass man den kleinen Vorplatz in jüngerer Vergangenheit mit einer von Handwerksmeister Göhler gefertigten symbolhaften Stele ausstattete, kann dem Stadtbild nur dienlich sein. Schade, dass der eine Wasserfontäne versprühende Krönertbrunnen für immer versiegt ist.

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Um einiges imposanter wirkt bis in unsere Tage das 1903/04 fertiggestellte Potschappler Rathaus. Es beherbergt anfangs auch eine Einkehr, den Ratskeller, sowie ein Modewarengeschäft. Inzwischen ist die städtische Hauptverwaltung von Döhlen nach Potschappel umgezogen, dort ist nun der Sitz unseres Oberbürgermeisters.

In Döhlen schaute man mit einem gewissen Neid auf die beiden bereits zitierten Nachbargemeinden. Jahrzehntelang blieb dem Gemeindevorstand nichts anderes übrig, als im Amtsgeschäft anfallende Schreibarbeiten in der guten Stube seiner Privatwohnung zu erledigen. Angesichts der industriellen Ausweitung ein unhaltbarer Zustand. Mehr und mehr büßte Döhlen seine lange Zeit vorherrschende ländliche-provinzielle Note ein. Sächsische Gussstahlhütte, Döhlener Glasfabrik (Siemens), Bindlers Glasmaschinenbau und nicht zu letzt der Steinkohlenbergbau führten zwangsläufig zu einer Intensivierung der Verwaltungstätigkeit.

Das Rathaus Döhlen wurde im Kriegsjahr 1914 eingeweiht. © Andreas Weihs

25 Jahre behalf sich die Gemeindeverwaltung zunächst mit einem angekauften hochbetagten Haus, das im Mai 1914 dem Neubau eines Rathauses wich. Mit dem Entwurf wurde der renommierte Dresdner Architekt Rudolf Bitzan beauftragt, der sich für Döhlen ein interessant gegliedertes Gebäude mit Jugendstilelementen ausdachte. Die Auftaktsitzung im großen Ratssaal stimmten die Versammelten mit einem bergmännischen „Glück auf“ ein. Architekt Bitzan konnte den denkwürdigen Augenblick übrigens nicht miterleben. Er verrichtete bereits in Feldgrau Wehrdienst.

Vor der Pforte des attraktiven Gebäudekomplexes schuf Bildhauer Arthur Winde die Brunnenfigur „Fröstelnder Jüngling“, eingerahmt von Fröschen, die leider nur selten Wasser versprühen. In den 30er-Jahren wurde die Figur auf Geheiß des NS-Regimes als „entartete Kunst“ verunglimpft und entfernt, später aber wieder aufgebaut. Von 1952 an diente das Rathaus vorübergehend dem Rat des Kreises als Verwaltungssitz, heute fungiert die städtische Wohnungsgesellschaft als Hausherr.

„Verleiht unserem Freital ein städtisches Aussehen!“ Eine Forderung, die das eben gewählte Stadtparlament 1921 nach der Stadtgründung vom Rathaus Döhlen aus in Umlauf brachte. Der Wunsch nach einem Kern mit attraktiven Gebäudeensembles ließ sich nur bedingt erfüllen. Weder gelingt es, den Potschappler Markt auszubauen, noch reichten die Mittel für die geplante Errichtung eines Jugendheimes in Nähe der heutigen August-Bebel-Straße.

Ehrgeizige Pläne auf einstmals Döhlener Flur hegte man kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges. An der Kreuzung Dresdner/Hauptstraße (heute Lutherstraße) wurden im Januar 1939 Produktionseinrichtungen des 1858 in Betrieb genommenen Wetterschachtes abgerissen. Auf der frei gewordenen Fläche sollte eine Großtankstelle etabliert werden.

Siemens-Glas engagierte sich für das Aussehen des Stadtbildes und ließ die hässliche Holzwand, mit der sich die Firma von der Dresdner Straße abschirmte, durch eine Mauer aus Bruchstein ersetzen. Der von Siemens angekündigte Bau eines Gemeinschaftshauses für 1 000 Personen fiel dem Zweiten Weltkrieg ebenso zum Opfer wie die Großtankstelle an der Dresdner Straße.

Desgleichen musste sich die Familie Ruscher, die in Nachbarschaft des Kaufhauses Eckstein/HO Magnet ein bescheidenes Handtuchkino, das Metropol, betrieb, von ihrem langgehegten Wunsch, auf dem Potschappler Bahnhofsvorplatz ein Großkino einzurichten, verabschieden. Inzwischen ist das volkstümliche Kino, das aus einem Wannenbad hervorging, für immer aus dem Stadtbild verschwunden.