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Freiwillig ins kalte Wasser

Jens Grimmer bringt Kindern und Jugendlichen seit der Wende das Schwimmen bei. Mit seiner Heimat und dem Sport verbindet ihn eine innige Liebe.

Von Daniel Krüger
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Der Klassenraum ist sein Zuhause, Sport- und Schwimmhallen sein Revier. Besonders seine Arbeitskollegen bedeuten Jens Grimmer viel.
Der Klassenraum ist sein Zuhause, Sport- und Schwimmhallen sein Revier. Besonders seine Arbeitskollegen bedeuten Jens Grimmer viel. © Claudia Hübschmann

Nossen. Eigentlich wollte er gar nicht kommen, der Termin passte nicht. Jens Grimmer verstand auch gar nicht, warum Freunde und sogar Bürgermeister Uwe Anke (parteilos) ihn immer wieder überreden wollten, doch unbedingt am diesjährigen Bürgermeisterempfang der Stadt Nossen teilzunehmen. 

Vordergründig sollte es um die neue Schulturnhalle gehen. Grimmer, der an der Dr. Eberle-Oberschule Sport und Deutsch unterrichtet, hatte gemeinsam mit Kollegen jahrelang für einen Neubau gekämpft, der war endlich in Aussicht.

„Da musst du doch dabei sein, du repräsentierst das doch so gut für uns, haben sie gesagt“, erzählt der großgewachsene 54-Jährige. „Die wollten einfach nicht locker lassen, dann bin ich eingeknickt.“ 

Grimmer nimmt teil, es scheint ein normaler Empfang zu sein, Reden, Sekt, Menschen, die er schon lange kennt, weil er 1964 in Nossen geboren wurde, hier zur Schule ging und nie dauerhaft wegwollte aus dem Heimatstädtchen, das er nach eigenem Bekunden über alles liebt.

Doch dann beginnt der Teil des Abends, an dem die Stadt, die alljährliche Bürgermedaille verleiht, an Menschen, die sich mit persönlichem Engagement und Herzblut für Nossen einsetzen, die etwas in der Gemeinde mit knapp über 7 000 Einwohnern bewegen. 

Auch Peter Voß hat diese Ehrung erhalten, ein alter Freund von Grimmer, lange Techniklehrer in Nossen, der unzählige Bücher über die Stadtgeschichte geschrieben hat. „Peter hielt plötzlich eine Laudatio auf der Bühne. Da hab ich auf einmal gemerkt, dass es um meine Lebensgeschichte geht.

Mir wurde richtig schlecht“, erzählt Grimmer. Dass ihm der Ehrenpreis verliehen wurde, macht ihn noch heute sprachlos. „Es gibt so viele Nossener, die haben viel mehr getan als ich, die hätten das eher verdient“, sagt Grimmer.

Und doch ist der 54-Jährige das, was man wohl als treue Seele, als Konstanz versteht, die im ländlichen Raum so dringend gebraucht wird. Zu DDR-Zeiten studiert er Sport, verliebt sich 1981 in eine Kommilitonin, trainiert leidenschaftlich Judo und Leichtathletik, dann macht eine Knieverletzung Probleme. 

„Eigentlich wollte ich eh immer Sportlehrer werden, schon seit der vierten Klasse“ erinnert er sich. Grimmer gründet mit seiner Studienliebe eine Familie, lehrt zu Beginn der Nachwendezeit an der Grundschule. Mit den Schülern fährt er regelmäßig nach Leuben ins Hallenbad, bringt ihnen dort das Schwimmen bei.

„Dann wurde ich von meiner Chefin Elke Rührich gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, im Auftrag des Leipziger Landessportbunds auch für Aussiedlerkinder in den Ferien Schwimmunterricht zu geben.“ Grimmer sagt zu und stößt damit auf unerwartet große Resonanz. 

„Bald waren es nicht nur Aussiedler, sondern auch immer mehr deutsche Kinder“, erzählt der Sportlehrer. Als acht Jahre später die Schirmherrschaft aus Leipzig endet, sind seine Sommerkurse längst eine Institution in Nossen. Gemeinsam mit Armin Büttner, dem Vorsitzenden des hiesigen Sportvereins Lok Nossen, kann das Projekt weitergeführt werden.

Heute kommen pro Jahr 40 bis 50 Kinder in den ersten zwei Wochen der großen Ferien ins Volksbad, um bei Grimmer die begehrten Schwimmabzeichen zu machen. „Nichts macht mich glücklicher als ihr Strahlen zu sehen, wenn sie die 25 Meter für das Seepferdchen geschafft haben“, erzählt der Lehrer. 

Weil die meisten Kinder immer wieder zu ihm wollen und der Andrang groß geworden ist, braucht Grimmer Hilfe. Die bekommt er von seiner Familie – auch seine Frau, seine Tochter und sein Sohn sind Sportlehrer in der Region– und von seiner engen Freundin Regina Haupt. 

Die ehemalige Deutschlehrerin bereitet neben der Organisation des Programms auch das Frühstück für die Kids vor. Auch ihre Enkel haben bei Grimmer die ersten Brustzüge absolviert. „Wahnsinn“, sagt der dankbar. „Ich wurde für das ausgezeichnet, was mir am meisten Spaß macht.“