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Freund und Helfer?

Kaiserreich, NS-Zeit, DDR: Kein System kam ohne Polizei aus. Ein Historiker zeigt jetzt in Riesa, was es dabei für Unterschiede gab – und welche Gemeinsamkeiten.

© Lutz Weidler

Von Christoph Scharf

Riesa. So stellt man sich den perfekten Nazi vor: akkurat sitzender Scheitel, ausrasierte Schläfen, ein schmales Bärtchen unter der Nase. Die knapp geschnittene Uniform und der Orden mit Hakenkreuz sind dabei nur das i-Tüpfelchen. Der so Porträtierte schaut ausdruckslos an der Kamera vorbei. Das Foto stammt aus der Personalakte eines Polizisten, der bis 1945 in Riesa Dienst tat – anfangs als Hilfspolizei-Unterwachtmeister, zuletzt als Revierleutnant.

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Seine Karriere und ihre Begleitumstände stehen im Mittelpunkt einer Sonderausstellung im Stadtmuseum. Die Schau „Ordnung und Vernichtung“ richtet das Museum gemeinsam mit der Gedenkstätte Ehrenhain Zeithain aus. Sie zeigt, welche Rolle die Polizei im NS-Staat spielte. Dort gibt es nun einen Vortrag, der über die zwölf Jahre hinausreicht: Der Historiker Michael Sturm aus Münster beschäftigt sich mit der deutschen Polizei über die verschiedenen Umbrüche hinweg.

Welches Selbstverständnis prägte die Polizisten? Verstanden sie sich als „Freund und Helfer“ – oder eher als „Arzt am Volkskörper“? Was waren die Leitbilder im Kaiserreich, in der Weimarer Republik, im Nationalsozialismus? Wie sah es in den beiden Teilstaaten nach dem Krieg aus? Wie verhält es sich heute?

Sicherheit und Ordnung

Über alle Wechsel hinweg blieb die Polizei dafür zuständig, „Sicherheit und Ordnung“ herzustellen. Sie tat dies mit unterschiedlichen Methoden und auf wechselnder rechtlicher Grundlage, sagt Jens Nagel von der Gedenkstätte Ehrenhain Zeithain. Auch die Vorstellung von dem, was unter „Ordnung“ zu verstehen sei, veränderte sich. In seinem Riesaer Vortrag fragt Historiker Michael Sturm, ob es trotz des Wandels von der Diktatur zur Demokratie Kontinuitäten gibt, die ein besonderes „deutsches“ Verständnis von Polizei erkennen lassen. Gab und gibt es in der deutschen Polizeigeschichte immer wieder ähnliche Vorstellungen von „Ordnung“ und „Ordentlichkeit“? Das will der Historiker anhand konkreter Beispiele beleuchten.

Wie reagierte die Polizei in den beiden deutschen Staaten etwa auf das jugendkulturelle Aufbegehren in den 1960er Jahren? Was galt der Staatsmacht als „Störung“ und wie wurde diese verfolgt? Michael Sturm schaut allerdings auch in die Zukunft: Im Stadtmuseum soll diskutiert werden, wie gesellschaftliche Ansprüche die Polizei verändern. Entwickelt sie sich zu einer zivilen „Bürgerpolizei“ oder folgt sie den Mustern einer autoritären „Staatspolizei“?

Akkurater Scheitel

Der Historiker beschäftigt sich schon länger mit dem Thema: Er arbeitet am Geschichtsort Villa ten Hompel in Münster, dem einstigen Sitz der Ordnungspolizei im Nationalsozialismus, das heute als Zentrum für Polizeigeschichtsforschung und Demokratieförderung gilt.

Offen bleibt dabei die Frage, ob sich der Riesaer Polizist mit dem akkuraten Scheitel irgendwelcher Verbrechen schuldig gemacht hat: Das geht aus seiner Personalakte, die aus ungeklärten Gründen im Museum gelandet ist, nicht hervor. Dort ist zu erfahren, dass er schon als Kind als Hilfsbursche in Lebensmittelgeschäften arbeiten musste, weil sein Vater im Ersten Weltkrieg gefallen war. Nach seinem Militärdienst in Leipzig ging er zur Riesaer Polizei. 1937 trat er auch in die NSDAP ein.

Ein Orden für Hunderttausende

Sein großer Orden mit Hakenkreuz und Schwert an der Polizeiuniform sagt jedenfalls wenig aus: Das sogenannte SA-Wehrabzeichen wurde hunderttausendfach an Männer verliehen, die sich sportlich betätigten und ein Programm vom Hundertmeterlauf über Kleinkaliberschießen bis hin zu Orientierungsübungen absolvierten – eine vormilitärische Ertüchtigung, die es nicht nur im NS-Staat gab.

Vortrag „Leitbilder und Selbstverständnis der deutschen Polizei im 20. und 21. Jahrhundert“, Dienstag, 23. Februar, 17 Uhr im Stadtmuseum. Zu sehen ist die Schau bis zum 13. März. Der Eintritt in die Sonderausstellung kostet 1,50 Euro, ermäßigt 50 Cent. Geöffnet ist dienstags 13-19 Uhr, Mittwoch bis Freitag 10-18 Uhr, Sonntag 14-17 Uhr.