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Feuilleton

Friedenspreis für Fotograf Salgado

Zum ersten Mal wird ein Fotograf mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Bekannt wurde Sebastião Salgado durch einen Dokumentarfilm.

Der brasilianische Fotograf Sebastião Salgado hat den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2019 bekommen.
Der brasilianische Fotograf Sebastião Salgado hat den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2019 bekommen. © dpa

Frankfurt/Berlin. Sebastião Salgado ist der wohl berühmteste und meistdiskutierte Fotograf der Gegenwart, in den höchsten Tönen gepriesen, aber auch immer wieder kritisiert. Der 75-Jährige erhält in diesem Jahr den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Salgado sensibilisiere Menschen weltweit für das Schicksal von Arbeitern und Migranten und für die Lebensbedingungen indigener Völker, begründet der Stiftungsrat des Deutschen Buchhandels seine Entscheidung.

Im Jahr 2013 hat Salgado sein ambitioniertestes, größtes Projekt vollendet: "Genesis" (Schöpfung). Viele Jahre hat er daran gearbeitet. Es zeigt, wie die Welt aussah, bevor der Zerstörungsprozess durch die Industrialisierung begann. Regisseur Wim Wenders drehte mit und über ihn den Film "Das Salz der Erde". Co-Regisseur war Salgados Sohn Juliano Ribeiro.

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Der 1944 in der kleinen brasilianischen Stadt Aimorés geborene Salgado studierte zunächst Wirtschaftswissenschaft. 1969 emigrierte er mit seiner Frau nach Paris, das Paar hatte sich gegen die Militärdiktatur in Brasilien engagiert. Als Angestellter der "International Coffee Organisation" in London kam er häufig nach Afrika und begann als Autodidakt zu fotografieren. Ab 1973 wurde daraus sein Beruf. Seitdem hat er die ganze Welt bereist und eine Unzahl brillanter Schwarz-Weiß-Fotografien mitgebracht, die Farbe liegt ihm nicht. Bald berühmt geworden, war er von 1979 bis 1994 Mitglied der legendären Fotoagentur Magnum. Salgado lebt in Paris.

Nie hat er Prominente aufgenommen. Was ihn interessierte, waren Zuckerrohrarbeiter in Kuba, Fischer am Mittelmeer, Arbeiter in Bangladesch, die Schiffe abwracken, Schwefelsammler in Indonesien, Goldgräber in Brasilien, aber auch die Männer, die nach dem Golfkrieg die Ölquellen in Kuwait wieder verschlossen. Salgado gilt als Anwalt der Unterdrückten, Entrechteten, Ausgebeuteten, und der Aufruf zu mehr Gerechtigkeit war auch die erste Botschaft seiner Bilder.

Aber er vertraute oft zu wenig dem, was zu sehen war: Er flüchtete sich in eine extreme Inszenierung und Stilisierung. Wie ein Maler spielte er mit Hell und Dunkel, wurde auch der "Rembrandt der Fotografie" genannt. Auf seinen Bildern wurden die Armen, die von ihrer noch vorindustriellen Arbeit restlos Erschöpften, zu Heldenfiguren, die gleich in den nächsten Hollywood-Film überwechseln könnten - so in dem Bildband "Workers - Arbeiter" von 1993.

Ambivalent wurden auch Aufnahmen von Flüchtlingen in der Ausstellung "Exodus" aufgenommen. Die "tageszeitung" (taz) vermisste in den Bildern Hinweise auf die Fluchtursachen: "Zwischen hunderten Schwarz-Weiß-Bildern kann man nur raten, in welcher schrecklichen Ecke der Welt man sich befindet."

Salgado hat sich aber auch selbst verändert. In den Aufnahmen seit Mitte der 90er Jahre wird er seinem Ruf als sozial engagierter Fotokünstler gerecht. In dem Band "Terra" (1997), den Landarbeitern in Brasilien gewidmet, die in größter Armut leben, berühren die vielen stillen Aufnahmen: Kinder beim Spiel oder traurig in die Kamera blickende alte Leute, von Arbeit und Armut gezeichnet.

Für sein Projekt "Migranten" (2000) bereiste Salgado sechs Jahre lang Krisenregionen. Er dokumentierte die Migration in der globalisierten Welt und die schrecklichen Folgen von Kriegen. Flüchtlinge im Kosovo, in Tansania oder den Palästinensergebieten, Waisenkinder im Kongo oder Obdachlose überall - auf all diese Menschen ließ Salgado sich ein, er nahm sie ernst als Partner seiner Kunst.

Das "Genesis"-Projekt, sein bedeutendstes Werk, ist fast schon ein Vermächtnis. Die Bilder erwecken zu Recht biblische Assoziationen. Die Meere und die Wüsten, die Arktis und der Amazonas, die Seelöwen, die Wale, die Rentiere - Salgado inszeniert die Natur, wo sie noch nicht zerstört ist, in eindringlichen, meisterhaften Aufnahmen. Seine Bilder sind ein Appell, er ruft die in ihrer Zivilisation gefangene Menschheit auf, die ursprüngliche Natur zu bewahren.

"Das Salz der Erde", der Film von Wim Wenders, fasst Leben und Werk Salgados in großartiger Weise zusammen. Deutlich wird: Die Kunst des Fotografen hatte immer einen politischen Antrieb. Salgado hat auch das als Künstler Erlebte in die Praxis umgesetzt, hat in Brasilien für die Wiederaufforstung einer schon zerstörten Region gesorgt. Unter anderem diesen Einsatz würdigt nun auch der Stiftungsrat des Deutschen Buchhandels. Der Friedenspreis wird am 20. Oktober in der Frankfurter Paulskirche verliehen. (epd)