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Vier Väter und ein Milchbubi

Die in die Jahre gekommenen Olympiasieger vom Bobteam Friedrich setzen auf den Nachwuchs. Bei der WM in Kanada hilft das nicht immer.

Bob Deutschland I sind: Candy Bauer, Thorsten Margis, Francesco Friedrich, Martin Grothkopp und Alexander Schüller. Doch nur drei dürfen hinter dem Piloten (in blau) in den Schlitten. © Robert Michael

Noch wenige Tage, dann hat das Warten ein Ende. Da geht es Karl, Hugo, Lea und Frieda, alle zwischen vier und einem halben Jahr alt, ganz genauso wie ihren Vätern. Doch vorm Wiedersehen am Montag steht für die auch beim Nachwuchs weit vorn liegende Besatzung von Bob Deutschland I noch ein Rennen an, mehr oder weniger zufällig das wichtigste der Saison. Bei der WM im kanadischen Whistler wollen der Pilot Francesco Friedrich und seine Anschieber Candy Bauer, Martin Grothkopp und Thorsten Margis ihre Serie fortsetzen.

Nach dem WM-Erfolg 2017 und dem Olympiasieg vor gut einem Jahr soll der nächste wichtige Titel im Vierer her. So viel Konstanz und Erfahrung in einem Schlitten hat es zuletzt in den Jahren des großen André Lange gegeben, so viel Erfolg auch. Selbst der WM-Triumph im Zweier am vergangenen Wochenende, Friedrichs fünfter in Folge, ist da beinahe zur Randnotiz verkommen. „Das war leider irgendwie Pflichtsache. Schon im Ziel haben wir an den Vierer gedacht“, erzählt Margis, der Vater von Frieda.

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Die Chancen auf einen erneuten Sieg stehen gut – nach den Eindrücken vom Training, den Andeutungen in den Gesprächen mit den Anschiebern und dem mittlerweile vielsagenden Grinsen Friedrichs. Doch das Risiko ist diesmal mindestens genauso groß. Und bei Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 155 km/h steht auf der schnellsten Bahn der Welt nicht nur der Pilot vor einer extremen Belastung.

Jeder Lenkpunkt muss exakt passen. Schon zehn Zentimeter Abweichung können fatale Folgen haben, gerade im unteren Teil mit der berühmten wie berüchtigten Fifty-Fifty-Kurve, die im schlechtesten Fall nach dem Domino-Prinzip funktioniert.

Unterwegs in Gedanken auch bei Frau und Kind

Gibt es nach der Ausfahrt von Kurve elf nämlich Bandenkontakt, ist der auch nach Kurve zwölf kaum zu vermeiden. Und nach Kurve 13 fährt der Bob fast zwangsläufig nur noch auf zwei Kufen. Dann ist es, wie Margis sagt, sehr lange sehr still im Schlitten – bis sich entscheidet, ob die Fahrt weitergeht oder der Schlitten umkippt. „Wir hoffen, dass nichts passiert. Denn auf der Bahn ist es auch schwer genug, beim Sturz im Bob drin zu bleiben“, meint Bauer, der im Team mit Hugo sozusagen den väterlichen Anfang gemacht hat. Der erste Gedanke sei trotzdem immer: „Wie geht es dem Bob?“ Schließlich hat Friedrich, das macht die Aussage nachvollziehbarer, den mit Abstand schnellsten Schlitten. Ein Vorteil, der nach einem Sturz für immer irreparabel sein könnte.

Im Kopf haben die Männer allerdings auch ihre Verantwortung für die Familie. Erst diese Woche wieder, sagt Grothkopp, habe er sich mit Bauer darüber unterhalten. „Auf der einen Seite ist es cool, mit den Männern unterwegs zu sein. Andererseits sind wir angespannt, weil nichts passieren darf“, meint Grothkopp, Vater von Lea. Er erzählt vom geregelten Tagesablauf, zu dem während der WM neben Trainieren, Essen und Schlafen der Anruf nach Hause gehört – sowie die teaminternen Gespräche danach. Darin geht es irgendwie auch um Geschwindigkeit: Was der Kleine kann oder die Kleine gerade lernt und wie sich das anfühlt, so lange von zu Hause weg zu sein. „Wir tauschen uns schon aus und geben uns auch Tipps“, sagt Grothkopp.

Exakt vier Wochen haben die Athleten jetzt Frau und Kind nur dank technischer Hilfsmittel gesehen, wobei das mit der Zeitverschiebung von neun Stunden gar nicht mal leicht zu bewerkstelligen ist. Wenn die Knirpse ins Bett sollen, beginnt in Kanada erst der Tag – und andersherum. Zudem gilt es, die Konzentration jetzt hochzuhalten und sich nicht ablenken zu lassen, auch nicht von Zuhause.

Unterwegs zum WM-Gold? Den EM-Titel haben Friedrich und sein Team in dieser Saison bereits eingefahren. ©  dpa

Fakt ist: Besonders die Nordamerika-Touren mit Rennen in Lake Placid, Calgary und nun in Whistler schlauchen Kopf, Körper und Material besonders, selbst wenn Margis relativiert. „Wir sind es ja gewohnt“, sagt der Hallenser, der in den Bob als Letzter einsteigt und zuletzt auch das Vater-Quartett komplettierte. Er meint: „Wir kennen die Gegebenheiten in Nordamerika. Das Einzige, was uns gestresst hat, war der Sturz in Calgary.“

Erst Sturz, dann Sieg - und Bestzeit im WM-Training

Im Training passierte das. Doch mit dem anschließenden Weltcup-Sieg ist klar gewesen, dass die Reparatur des entstandenen Risses am Schlitten erfolgreich war. Neues Laminat drüber und fertig. Die Konkurrenz hat das natürlich alles registriert: Sturz, Sieg und selbstverständlich auch die Bestzeit im Mittwoch-Training trotz sichtlicher Zurückhaltung am Start.

Friedrich, das wissen Insassen und Außenstehende gleichermaßen, ist derzeit das Maß der Dinge – selbst im Vierer, der bis vor zwei, drei Jahren ungeliebten Disziplin. Doch spätestens mit dem Olympiasieg hat sich das beim Vater von Karl verändert. „Francesco hat noch mal einen Schritt gemacht. Die Ergebnisse zeigen es ja“, so Grothkopp. Überhaupt ist der Triumph von Pyeongchang ein Meilenstein – für alle Beteiligten. „Mit dem Olympiasieg sind wir alle entspannter geworden. Der Überdruck ist weg, weil wir unser großes Ziel erreicht haben“, sagt Grothkopp.

Damit hat sich nicht zuletzt auch die Herangehensweise geändert, der Blickwinkel, das Selbstbewusstsein. „Ich habe nie daran gedacht, Olympiasieger zu werden. Das kannte ich nur aus dem Fernsehen“, erklärt der frühere 400-m-Läufer aus Dresden, Ex-Kugelstoßer Bauer bestätigt das: „Da müssen wir nicht drumherum reden. Als Leichtathlet hätte ich das nie geschafft.“

Olympia 2022 in Peking ist das Ziel, aber nicht für alle

Wiederholt Team Friedrich den Sieg im Zweier und Vierer in drei Jahren bei den Winterspielen in Peking, wäre auch das ein Rekord. Das Ziel hat der Pilot bereits formuliert, seine Anschieber reagieren indes zurückhaltender. Jeder für sich, sagt der Marienberger Bauer, werde das nach der WM 2020 in Altenberg mit der Familie und dem eigenen Körper abklären. 

Die lange Leistungssport-Karriere hat Spuren hinterlassen. Bauer und Grothkopp werden im Sommer 33 Jahre alt, Friedrich 29 und Margis 30. Es muss daher immer auch um die Zukunft gehen – weshalb das in die Jahre gekommene Team nun ebenfalls Nachwuchs bekommen hat: den Leipziger Alexander Schüller, fünfmaliger Junioren-Weltmeister mit Milchbubi-Gesicht. „Er ist das Küken bei uns, 15 Jahre alt und gerade aus der Pubertät raus“, meint Margis. Dass Schüller entgegnet, bereits 21 Jahre alt zu sein, geht im allgemeinen Gelächter unter.

Die Stimmung im Team scheint zu passen, auch wenn im Vierer nur Platz für drei Anschieber ist. Der Neuzugang, in der Saison an vier Weltcup-Siegen beteiligt, macht Druck und ist vor allem akzeptiert. „Wir verstehen uns alle“, sagt Margis. Und doch ist jeder froh, dass die Saison jetzt bald vorbei ist – genau genommen am Sonntag gegen 4.30 Uhr deutscher Zeit nach dem vierten Lauf. Nur gut, dass die ARD erst 11 Uhr das Rennen zusammenfassen will. Hugo, Karl, Lea, Frieda und insbesondere ihre Mütter können also ausschlafen – so gut das allein mit kleinen Kindern eben geht.

Und so sehen Sieger aus, hier nach dem EM-Sieg im Januar in Innsbruck:  Thorsten Margis, Francesco Friedrich, Martin Grothkopp und Alexander Schüller (von links). © dpa