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Frings warnt vor Dynamo

Darmstadt 98 hat den Umbruch nach dem Abstieg gemeistert – was vor allem am Trainer liegt. Trotzdem sieht Torsten Frings sein Team nicht als Aufstiegsfavoriten.

© dpa

Der Star ist der Trainer? Das stimmt vielleicht nicht ganz. Immerhin steht beim SV Darmstadt 98 auch ein Weltmeister auf dem Platz, auch wenn Kevin Großkreutz beim Titelgewinn der Nationalmannschaft in Brasilien 2014 keine Sekunde gespielt hat. Torsten Frings hat zwar keinen internationalen Pokal gewonnen, aber 79 Länderspiele bestritten. Er war als defensiver Mittelfeldspieler eine feste Größe beim Sommermärchen 2006 und auch zur EM 2008. Er gewann mit Werder Bremen zweimal den DFB-Pokal (1999, 2009), holte mit Bayern München das Double (2005) und spielte zwischen diesen Stationen bei Borussia Dortmund. Im Januar übernahm er den SV Darmstadt. Für sz-online hat er sich in der englischen Woche die Zeit genommen, einige Fragen schriftlich zu beantworten:

Herr Frings, wie bewerten Sie den Saisonstart von Darmstadt 98 in der zweiten Liga?

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Als sehr positiv. Es ist normal, dass zu diesem Zeitpunkt der Saison noch nicht alles perfekt läuft, aber mit der Punktausbeute und dem Auftreten über weite Strecken der Spiele können wir bislang mehr als zufrieden sein.

Ein Absteiger aus der Bundesliga ist automatisch Aufstiegsfavorit. Wie gehen Sie als Trainer mit dieser Erwartungshaltung um?

Diese Erwartungshaltung trifft vielleicht auf Teams aus dem Vorjahr wie den VfB Stuttgart oder Hannover 96 zu, auf uns jedoch nicht. Sowohl die Fans als auch die Medien, die regelmäßig über uns berichten, wissen, dass wir vor der Saison einen riesigen Umbruch mit 18 neuen Spielern hatten und es für uns erst das vierte Jahr in einer der beiden oberen Profiligen ist. Auch infrastrukturell und wirtschaftlich hinken wir noch hinterher, sodass unser Ziel lautet, uns im Profifußball zu etablieren.

Was erwarten Sie selbst in dieser Saison von Ihrer Mannschaft?

Natürlich sind die Ergebnisse wichtig, aber ich will auch, dass sich unsere Fans zu 100 Prozent mit der Mannschaft identifizieren können. Dass sie anerkennen, dass dort eine Mannschaft auf dem Feld steht, die sich in jedem Spiel für den Verein, die Anhänger und die Teamkollegen zerreißt. Wir möchten zudem guten Fußball zeigen und besonders in Heimspielen dominant auftreten.

Wer sind für Sie die Aufstiegsfavoriten und gehört Dynamo für Sie dazu?

In dieser Liga gibt es einige Klubs mit starken Kadern. Aber wir sehen es nicht als unsere Aufgabe an, irgendwelche Teams zu Favoriten zu küren. Dass Dynamo Dresden eine Mannschaft mit viel Qualität hat, steht aber außer Frage.

Was erwarten Sie vom Gastspiel der Dresdner am Sonntag in Darmstadt?

Wir wissen, dass Dresden eine enorm mutige und spielstarke Mannschaft ist, die sich auch auswärts nicht versteckt. Wir müssen gewarnt sein.

Es gab in Darmstadt einen erheblichen personellen Umbruch, trotzdem scheint sich die neue Mannschaft bereits gut zusammengefunden zu haben. Wie konnte das funktionieren?

Die Basis für den überzeugenden Saisonstart wurde in der Vorbereitung gelegt, dort haben die Jungs richtig gut mitgezogen. Was besonders wichtig ist: Alle in der Mannschaft ordnen sich dem Teamerfolg total unter. Die Jungs haben alle einen guten Charakter, unternehmen auch abseits des Platzes viel miteinander. Wie die Spieler den Neuzugängen bei der Eingewöhnung geholfen haben, ist absolut vorbildlich.

Mit Kevin Großkreutz haben Sie einen Weltmeister im Aufgebot, der abseits des Platzes schon mal für Schlagzeilen sorgt. Wie fügt er sich als vermeintlicher Star ein in das Team?

Wir finden, dass Kevin perfekt hier nach Darmstadt passt. Er hat sich super in die Mannschaft integriert und bringt seine Erfahrung mit ein. Auch mit seinen Leistungen sind wir bislang sehr zufrieden, er ackert wie ein Verrückter und bestreitet viele Zweikämpfe.

Darmstadt ist Ihre erste Station als Chefcoach. Sie haben den Verein in nahezu aussichtsloser Lage in der Bundesliga übernommen. Warum sind Sie trotzdem das Risiko eingegangen, mit einem Abstieg zu starten?

In erster Linie habe ich mich über das Vertrauen der Verantwortlichen gefreut, schließlich ist es meine erste Station als Cheftrainer. Der Klub übt einen besonderen Charme aus, hier geht es sehr familiär zu. Außerdem kann man hier noch eine Menge entwickeln, und alle Beteiligten sind auch bereit dazu, diese Entwicklung mitzugestalten.

Was ist die wichtigste Erfahrung, die Sie in den ersten Monaten gemacht haben?

An jedem Tag gewinnt man an Erfahrung. Ich bin davon überzeugt, dass man nie aufhört zu lernen. Aber klar ist, dass man als Cheftrainer, im Vergleich zu meiner Zeit als Spieler, noch mehr das große Ganze im Blick haben muss.

Wie würden Sie sich als Trainertyp charakterisieren und von welchem Trainer haben Sie am meisten gelernt?

Ich möchte ein Trainer sein, der nahe an der Mannschaft ist und möchte auch, dass die Jungs das Gefühl haben können, mit ihren Anliegen immer zum Trainerteam gehen zu können. Und zu meinen früheren Trainern: Ich habe von allen etwas mitgenommen, jeder hat mich auf seine Art beeinflusst. Wichtig ist allerdings, dass man als Trainer seine eigene Linie findet.

Wie verschafft man sich als junger und unerfahrener Trainer Respekt, wie reden die Spieler Sie beispielsweise an?

Nach vier Jahren im Trainergeschäft sehe ich mich nicht mehr als unerfahren an, ich habe in Bremen schließlich mehrere Spielzeiten als Co-Trainer gearbeitet. Ich habe nicht etwas Bestimmtes getan, um mir Respekt zu verschaffen, das wäre wahrscheinlich sogar eher kontraproduktiv gewesen. Wie gesagt: Ich will nahe an der Mannschaft sein, die Spieler duzen mich auch, der Respekt muss aber da sein.

Wie sehr hilft es Ihnen, dass Sie als Spieler erstens sehr erfolgreich waren und zweitens Ihr Karriereende noch nicht so lange her ist?

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Von meinen früheren Erfolgen können sich weder ich noch meine Spieler etwas kaufen. Aber ich würde schon sagen, dass es hilfreich ist, wenn man vor wenigen Jahren noch selbst auf dem Feld gestanden hat. Möglicherweise kann man sich dann noch etwas besser in die Spieler hineinversetzen.

Die Fragen stellte Sven Geisler.