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Frisst nur Strom, gehorcht aber aufs Wort

Im Zgorzelecer Rehazentrum steht jetzt ein Roboter-Pferd. Vielleicht hilft es auch bald deutschen Patienten.

© nikolaischmidt.de

Von Susanne Sodan

Wie geht's Brüder

Eine Reportagereise durch Osteuropa 30 Jahre nach dem Umbruch auf Sächsische.de

Dieses Pferd will weder Hafer noch Möhren. Es frisst ausschließlich Strom. Dafür ist es sehr folgsam. Das sind Therapiepferde zwar allgemein, aber dieses hier gehorcht aufs Wort. Oder besser: Es gehorcht auf Knopfdruck. Wie das Roboter-Therapiepferd funktioniert, welche Knöpfe für welche Befehle und Einstellungen zu drücken sind, haben Physiotherapeutin Aleksandra Pozauc und ihre Kolleginnen und Kollegen in der Rehaklinik Zgorzelec gestern gelernt. Das Roboterpferd kann zwar weder ausschlagen noch beißen, aber trotzdem dürfen wie bei einem echten Therapiepferd nur geschulte Mitarbeiter ran. Bisher war das Therapiepferd eher ein Theoriepferd. Halter war Sven Michel, Professor der Therapiewissenschaften an der Technischen Universität Cottbus-Senftenberg (BUT). Dort, in Senftenberg, stand der Simulator den Studenten für ihre Ausbildung sowie Forschungsprojekte zur Verfügung. In Zgorzelec nun soll das Roboter-Pferd Patienten wieder auf die Beine helfen. Im wahrsten Sinne. Es wird zum Beispiel eingesetzt, wenn Menschen nach einem Schlaganfall wieder laufen lernen müssen. Aber auch für andere Therapien, bei denen die Muskulatur des Patienten stabilisiert, die Haltung korrigiert werden soll. Einen entsprechenden Namen hat das unechte Pferd für die echte Therapie auch: Hirob.

Sven Michel und Zbigniew Sliwinski, Leiter des Physiotherapeutischen Instituts der Universität Kielce und Leiter des Rehazentrums Zgorzelec, kennen sich schon lange. „Wir arbeiten jetzt schon acht Jahre zusammen“, erzählte Sliwinski gestern bei der Willkommensfeier fürs Pferd. Zusammengekommen war man vor Jahren durch den Tag der Behinderten, an dem sich beide schon lange beteiligen. Das Projekt um das Pferd zeige, dass sowohl deutsch-polnische Zusammenarbeit gut möglich ist, als auch, dass Theoretiker und Praktiker sehr wohl zusammenarbeiten können. In Zgorzelec wird der Simulator für die praktische Therapie eingesetzt, genauso werden auch weiterhin die Senftenberger Studenten ihr Roboterpferd besuchen und für ihre wissenschaftliche Arbeit nutzen. Traurig, dass das Pferd jetzt nicht mehr in Senftenberg ist, ist Sven Michel nicht, im Gegenteil, sagt er. „Wir wissen, dass es funktioniert. Jetzt kommt der nächste Schritt, und wir überführen das Ganze in den klinischen Alltag.“ Mithilfe der Patienten wird geschaut, wie der Hirob bei welchem Erkrankungsbild am besten funktioniert.

Geboren wurde das Pferd nicht in der Oberlausitz, sondern in Österreich. Geburtshelfer waren Ingenieur Manfred Spandl und seine Kollegen von dem österreichischen Unternehmen Intelligent Motion, sie haben den Hirob entwickelt. Rein theoretisch, erklärt Spandl, könnte das Roboterpferd auch Trab oder Galopp laufen. Macht sich in der Therapie aber nicht gut. Er und seine Kollegen haben für die Entwicklung echte Therapiepferde analysiert – ihre Bewegungsmuster, die Frage, wie ihre Bewegungen auf den Reiter wirken. Geht ein Pferd im Schritt, dann sorgt das dafür, dass das Becken des Reiters eine dreidimensionale Bewegung ähnlich einer Acht macht, ganz ähnlich den Bewegungen, die der Mensch fürs Laufen benötigt, erklärt Spandl. Diese Bewegung auf dem Pferd kann die Nerven als auch die Muskulatur beim Patienten ansprechen, die fürs Laufen nötig sind. Der Hirob ist aber nicht ausschließlich für Menschen gedacht, die einen Schlaganfall erlitten haben, sondern zum Beispiel auch für Kinder und Jugendliche mit Haltungsschäden. Professor Michel zufolge, kann das Roboterpferd in der Therapie immer dann nützlich sein, wenn es um Beckenaufrichtung, Rumpfmuskulatur und Gleichgewicht geht. Ein Therapiepferd kann der Hirob zwar nicht ersetzen, ergänzt Manfred Spandl, aber er kann sehr vieles aus der Hippotherapie. Gerade wenn es um die Therapie nach schweren neurologischen Erkrankungen geht, wie eben ein Schlaganfall, hat der Hirob sogar Vorteile: Er steht in einer geschützten Umgebung, man braucht keine Anfahrtswege, das Roboterpferd geht auf Knopfdruck in die Knie und in die Höhe, es macht keine unerwarteten Bewegungen, „viele Unsicherheitsfaktoren sind raus“, sagt Michel.

Grzegorz Sliwinski wünscht sich, dass der Hirob nicht nur den Patienten auf polnischer Seite hilft, sondern auch Patienten auf deutscher Seite. Er ist Ingenieur an der TU Dresden, beim Institut für Biomedizinische Technik. Grzegorz Sliwinski und Zbigniew Sliwinski kennen sich privat wie auch beruflich. Sie sind Sohn und Vater. Die TU Dresden und das Rehazentrum in Zgorzelec nehmen gemeinsam an dem grenzübergreifenden Projekt „Gesunde Kinder – gesundes Europa“ teil. Über europäische Förderung wird deutschen wie polnischen Kindern eine physiotherapeutische Untersuchung angeboten, um frühzeitig zu erkennen, ob eine Haltungsschwäche oder ein anderes physiologisches Problem vorliegt. 800 Kinder können teilnehmen, die Hälfte aus Polen, die Hälfte aus Deutschland. „Mit den 400 polnischen Kindern haben wir die Untersuchungen bereits beendet“, erzählt Sliwinski. Die Schulen auf polnische Seite hätten regelrecht Schlange gestanden. Auf der deutschen Seite sei es dagegen eher mühsam. Bis heute, sagt er, stünden der grenzübergreifenden medizinischen Versorgung noch viele Hemmungen und Hemmnisse gegenüber. Auch, um diese abzubauen, ist das Projekt da.

Es ist generell keine leichte Sache, wenn man als Patient mit deutscher Staatsangehörigkeit für eine Reha oder eine andere nötige Therapie – Notfälle ausgenommen – in eine polnische Einrichtung gehen möchte. „Auf Privatbasis klappt das eigentlich gut“, sagt Grzegorz Sliwinski. Mit den gesetzlichen Krankenkassen aber wird’s schwierig. „Es gibt auf EU-Basis eigentlich Werkzeuge, die das möglich machen, es geht“ sagt Sliwinski. „Aber viele wissen es nicht“. Wie schwierig das Ganze ist, dass noch viel Unklarheit herrscht, zeigte auch die Recherche. Kurzfristig hatte die SZ bei zwei namhaften Krankenkassen in der Region angefragt: Wenn man als deutscher Patient, der eine Therapie benötigt und dafür beispielsweise in das Rehazentrum nach Zgorzelec möchte – weil es vielleicht nahe am deutschen Wohnort liegt –, ist das möglich und wenn ja, wie? In der kurzen Zeit konnten beide Krankenkassen dazu keine genaue Antwort geben. Allerdings, erzählte eine Mitarbeiterin einer der beiden Krankenkassen, seien in letzter Zeit häufiger Anfragen aus dem Dreiländereck zu diesem Thema gekommen.