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Fromme Wünsche, vage Pläne, wenig Hoffnung

Wofür sich der Bahnchef schämt, das tat ein EU-Gesandter: Er stieg in Dresden in einen EC-Zug. Die von ihm beworbene Trasse nach Prag ist ungewiss.

Von Michael Rothe

Gilles Savary ist hart im Nehmen. Gemeinsam mit Sachsens Wirtschaftsminister Sven Morlok (FDP) bestieg der 57-jährige Franzose gestern um 11:08 Uhr am Dresdner Hauptbahnhof einen Zug: den Eurocity 173 „Vindobona“ Richtung Prag. Morlok hatte den EU-Koordinator für das transeuropäische Verkehrsprojekt (TEN) 22 (Dresden–Prag–Wien–Budapest–Sofia–Athen) eingeladen, um sich ein Bild vom Teilstück entlang der Elbe zu machen. Nach Prognosen wird die Strecke spätestens 2015/17 zu einem Nadelöhr, das Schienenverkehr und wirtschaftliche Entwicklung behindert.

„Ich schäme mich, in so einen Zug zu steigen“, hatte Bahn-Chef Rüdiger Grube am Vorabend bei einer Podiumsdiskussion am Dresdner Flughafen mit Blick auf den maroden EC-Wagenpark und lange Fahrzeiten erklärt – auch zum vorherigen Teilstück im Nord-Süd-Korridor von Berlin nach Dresden.

Savary, Morlok, ihr Gefolge und ein paar Journalisten hatten gestern keine Skrupel einzusteigen – zumal in den Speisewagen. Auch hätte sich Bahnchef Grube nur bedingt schämen müssen, denn der Zug wurde diesmal von der österreichischen ÖBB mit Jahrzehnte altem Gerät bestückt. Der Mann aus Brüssel, erstmals in Dresden, sah auf den 86 Kilometern nach Usti nad Labem (Aussig) das bestätigt, was er 2010 in einem Zwischenbericht an die EU-Kommission mitgeteilt hatte: „Die Strecke ist äußerst kurvenreich, sodass die derzeitige Geschwindigkeit von 120 km/h nicht auf 160 km/h oder mehr erhöht werden kann“, schrieb Savary damals. Im Gegenteil: Der Zug braucht laut Fahrplan über eine Stunde und verfehlt so die Kriterien des Internationalen Eisenbahnverbands UIC, die für den Eurocity eine mittlere Reisegeschwindigkeit – mit Zwischenhalten – von 90 Kilometern pro Stunde vorschreiben.

Die Alternative: Neubau. Sachsen und Tschechien werben schon länger für eine zum Großteil unterirdische Strecke nach Usti, und sie haben vage Pläne. Das könnte laut Savarys Zwischenbericht die Reisezeit zwischen Dresden und Prag von zwei Stunden und zehn Minuten auf eine Stunde verkürzen. Auf der Gesamttrasse von Meer zu Meer seien sogar 22 Stunden Ersparnis drin.

Die Nachbarn sind sich einig, dass der Engpass im Schienenverkehr von den Nord- und Ostseehäfen bis hin zum Schwarzen und zum Mittelmeer beseitigt werden muss. Laut Verkehrsminister Morlok gibt es mit den Ländern Hamburg, Bremen und Berlin wichtige Verbündete. Auch die südeuropäischen Anrainer hatten sich 2008 an einer Konferenz in Dresden beteiligt. Dort wurde vereinbart, „die Interessen von Politik und Wirtschaft in allen Korridorländern zu bündeln“. Doch Koordinator Savary musste 2010 in einem Zwischenbericht „mangelnde Zusammenarbeit“ feststellen. Zwar seien acht bilaterale Vereinbarungen geschlossen worden, „doch in den meisten Fällen verfolgen die Mitgliedsstaaten die Ziele dieser Vereinbarungen nicht oder nur teilweise“, hieß es.

Wegen der Krise und klammer werdender Staatskassen verschärft sich der Kampf um die Fördertöpfe. Für die EU, die 50 Prozent der Planung und 40 Prozent des Baus bezahlt, sind allein neun Koordinatoren für „elf vorrangige Projekte“ unterwegs. Morlok schätzt die Kosten auf drei Milliarden Euro. „Auch wenn wir frühestens in sieben Jahren mit dem Bau beginnen könnten, müssen wir jetzt für das Projekt trommeln“, sagt er. „Jetzt definiert die EU ihr Kernnetz.“

Der Weg zur schnellen Nord-Süd-Trasse durch Sachsen ist weit: Es braucht den Segen von EU-Parlament, Europarat, eine deutsch-tschechische Regierungsvereinbarung sowie die Aufnahme in den Bundesverkehrswegeplan.

Savarys Mandat endet im Sommer 2013. Bis dahin könnte zumindest die Theorie klar sein. Alles andere steht in den Sternen. Frühestens in 25Jahren könnte so ein Projekt umgesetzt werden, schätzen Experten. Dann müsste aber alles wie am Schnürchen und vor allem die Abstimmung besser laufen.

Am Abend vor der gestrigen Werbetour hätte Verkehrsminister Morlok in Dresden mit Bahnchef Grube dazu diskutieren können. Das Ministerium begründete sein Fehlen beim Forum „Erreichbarkeit Mitteldeutschlands“ mit der „Arbeitsteilung mit dem Ministerpräsidenten“. Und Stanislaw Tillich (CDU) sei ja da gewesen, hieß es. Andererseits hatte Morlok die Bahn zur Bahnfahrt mit dem EU-Gesandten erst gar nicht eingeladen.