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Frühlingsfreude und Verwunderung

SZ-Volontärin Theresa Hellwig ist neu in Bischofswerda. Was ihr an der Stadt gefällt und worüber sie sich wundert.

© Steffen Unger

Von Theresa Hellwig

Bischofswerda. Dass ich das Büro so ungern verlasse, hat nichts damit zu tun, dass ich in Bischofswerda bin. Schuld ist der Regen. Ich möchte nicht mit schlechter Stimmung losziehen. Ich beschließe, dies bei meiner Stadttour im Hinterkopf zu behalten und verlasse das Büro. Dabei beschäftigt mich die Frage: Wie wirkt Bischofswerda auf Menschen, die neu hier sind? Als Volontärin kam ich vor zwei Wochen hier an – und kannte Bischofswerda vorher nur als Durchreisende. Nun verbringe ich einen Monat in der hiesigen Lokalredaktion und erkunde die Gegend. Wie nehme ich als Neuling die kleine Stadt wahr?

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Nur wenige Schritte, und ich bin auf dem Marktplatz. In den vergangenen Tagen habe ich das orangefarbene Gestell nur im Vorbeigehen (oder beim darunter hindurchgehen) gesehen. Nun nehme ich mir etwas mehr Zeit. Was ist das eigentlich? Eine Sonnenuhr? Ein Modell für den Physikunterricht?

Ein Bäcker, der vor Ort bäckt

In dem Turm sind Jahreszahlen und Symbole zu entdecken. Mit den historischen Ausgrabungen nebenan lassen sich eins und eins zusammenzählen: Dieser Ort ist historisch bedeutsam. Dass es sich bei der Skulptur um ein Symbol für den alten Rathausturm handelt, erfahre ich jedoch erst von meinem Kollegen. Denn der erklärende Schriftzug, den ich erst beim dritten Hinsehen und durch Suchen entdecke, wird von einer Baustellenabsperrung verdeckt. Ein Relikt der Silvesternacht, erfahre ich – sehr schade. Auch, dass der Turm 12,27 Meter hoch ist, erzählt mir mein Kollege – passend zum Jahr 1227, in dem Bischofswerda erstmalig erwähnt wurde.

Weil mein Magen knurrt, mache ich einen Abstecher zum Rathaus-Bäcker. Der wurde mir schon von mehreren Kollegen empfohlen. Und tatsächlich: Die Verkäuferin erzählt mir, dass hier noch alles vor Ort gebacken wird: Die Backstube befindet sich direkt hinter dem Verkaufsraum. Eine Filiale hat der Bäcker nicht. „Hier gibt es noch warme Brötchen aus dem Ofen“, erklärt die Verkäuferin.

Noch etwas verwundert mich auf dem Marktplatz: Ganze drei Dönerläden zähle ich hier. So gerne ich die Salattaschen esse – eine solche Häufung kenne ich nur aus Großstädten. Und wenn wir schon dabei sind: Bäcker und Friseure sehe ich bei meinem Spaziergang einige. Doch wo gibt es beispielsweise einen Lebensmittelladen?

Weiter geht es auf der Stadttour. Ich drängle mich am Kran vorbei und entdecke eine Straße, die wohl mein persönliches Bischofswerda-Glanzlicht sein wird: die Brauhausgasse. Die bunten Fassaden und das Kopfsteinpflaster erinnern mich trotz (oder gerade wegen) des Regens an Kuba. Genauer: an die Stadt Trinidad. Nur das Trappeln der Pferdehufe und die Straßenmusiker an der Ecke fehlen.

Diese bunten Fassaden sind es, die in meinen Augen das gesamte Stadtbild Bischofswerdas prägen. In der Hans-Volkmann-Straße steht ein Haus in der Farbe apricot neben einem in altrosa, daneben blassgrün – der Frühling zeigt sich zwar noch nicht in der Natur, die Häuschen jedoch vermitteln den Eindruck davon. Und auch hinter dem Schiller-Park gibt es ein paar Prachtexemplare. Bei den drei Häusern in Rosa, Orange und zartem Grün mit weißen Fenstern muss ich an Eiscreme mit Sahne denken. Ein Stadtbild, das trotz des Regens fröhlich macht.

Im Übrigen erfreue ich mich jeden Morgen auf dem Weg vom Bahnhof zur Redaktion an den zwei frech dreinblickenden Eistüten an der Milchbar. Auch die Spielplätze finde ich allesamt schöner und liebevoller gestaltet als die in vielen anderen Orten. Positiv überrascht bin ich zudem von dem schulischen Angebot, das ich für eine solch kleine Stadt erstaunlich gut finde. Mehrere Grundschulen, eine Oberschule und ein Gymnasium, an denen immerhin sportlich Begabte oder musikalisch Interessierte besonders gefördert werden – das gibt es nicht in jeder Stadt dieser Größe.

Wo essen fleischlos Glückliche?

Rein optisch ist Bischofswerda ein schönes Städtchen. Und doch: Auf meiner Tour fehlt mir etwas. Wo sind die jungen Menschen? Beispielsweise die, die gerade mit der Schule fertig geworden sind und die Mittzwanziger? Gibt es keine schöne Bar hier? Ursprünglich bin ich zwar absolutes Landei, aber sicher bin ich mittlerweile durch das Leben in Großstädten wie Leipzig und Dresden verwöhnt. Jedoch ich frage mich: Wo trifft man hier am Abend seine Freunde? Ich beschließe, den nächsten jungen Menschen, der mir begegnet, anzusprechen und nachzufragen. Leider begegne ich an diesem Tag keinem mehr.

Schwer fällt mir auch die Suche nach vegetarischem Essen. Der Schiebocker Mittagstisch in allen Ehren – doch fleischlos Glückliche wie ich, die ihren Speiseplan nicht von vegetarischem Döner mit Falafel über vegetarischen Döner mit Halloumi hin zu – Achtung! – Pizza variieren möchten, die haben es hier nicht leicht. Ähnlich schwer fällt es mir, ein Ostergeschenk für meinen Bruder zu finden. Nicht, weil ich keine Ideen habe, sondern weil das Richtige nicht dabei ist. Die Geschäfte, die es gibt, sind schön – aber es könnte mehr Vielfalt sein. Ich suche Handwerk, Kunst, Papeterie, schöne Accessoires – eben schöne Kleinigkeiten. Sich treiben lassen, bummeln und von einer Idee überrascht werden? Das ist hier schwierig.

Sei‘s drum, ich habe etwas ganz anderes entdeckt. „Du bist die Schönheit in Person“, steht auf einem Zettel. „Du bist einzigartig“, auf einem anderen daneben. Gute Wünsche zum Abreißen. Vielen Dank, Bischofswerda – da nehme ich doch gleich einen mit!