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Fünf Euro ins Phrasenschwein

Warum wenden sich so viele Handwerker, die Jahrzehnte auf die CDU gesetzt hatten, nun ab – und wählen AfD?

© Ronald Bonß

Von Michael Rothe

Laut Programm ist Roland Ermer nicht eingeplant, als im Dresdner Landtag Handwerk auf Mundwerk trifft. Die Veranstalter des Parlamentarischen Abends wähnten Sachsens Oberhandwerker am Dienstag bei der ersten Sitzung der neuen CDU-Bundestagsfraktion. Doch die sicher geglaubte Politkarriere des Bäckermeisters aus Bernsdorf war zu Ende, ehe sie begann. Er verlor den Wahlkreis Bautzen an einen Polizisten: Karsten Hilse von der AfD.

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Der Präsident des Handwerkstags hat also doch Zeit. Er erhält allenthalben Beileidsbekundungen und vom Dresdner Kammerpräsidenten auch Blumen und Anerkennung. Er habe sich der Wahl gestellt und so der Demokratie gedient, sagt Jörg Dittrich und schüttelt Ermer die Hand – vor zwei Handwerks-Werbepostern just in jenem dominanten Blau der AfD-Plakate.

Ermers Scheitern bei der Bundestagswahl und die offiziell kaum einstündige Debatte der selbst ernannten „Wirtschaftsmacht von nebenan“ mit den Mächtigen des Landes sind ein Sinnbild: für die Ohnmacht der Etablierten. Ebenso überraschend, wie Ermer sein Mandat nicht durchbrachte, hatte in Görlitz mit Tino Chrupalla von der AfD ausgerechnet ein Maler- und Lackierermeister Sachsens CDU-General Michael Kretschmer besiegt.

Laut einer Analyse des Meinungsforschungsinstitut Infratest dimap hat sich der AfD-Stimmenanteil bei den Selbstständigen in Ostdeutschland gegenüber 2013 fast vervierfacht. Er sei mit 22 Prozent höher als bei Rentnern und Angestellten, heißt es. Auch wenn sich eine scharenweise Flucht des sächsischen Handwerks von Schwarz zu Blau nicht exakt belegen lässt, so ist sie auch für Dresdens Kammerpräsidenten unbestritten. Nach vielen Gesprächen an der Basis habe er „ein solches Ergebnis kommen sehen, wenn auch nicht so drastisch“, sagt Dittrich im SZ-Gespräch.

Warum wählen Handwerksmeister, die Jahrzehnte den Christdemokraten die Treue hielten, nun AfD? „Es ist Quatsch, wenn die CDU ihren Einbruch damit begründet, sie habe die Wähler nicht erreicht“, so Dittrich. Die Wahlbeteiligung sei sogar gestiegen. „Die Leute wollen teilhaben und nicht etwas vorgesetzt bekommen.“ Er kritisiert „eine Ignoranz der Lösungsansätze“. „Wir bekommen nur erklärt, was nicht geht – ob Abschaffung der vorfälligen SV-Beiträge oder Wiedereinführung des Meisterbriefs für Fliesenleger.“ Koalitionäre erklärten: „Wir würden gern, aber dazu brauchen wir eine Mehrheit.“ Die Opposition fordere nur, ohne erklären zu müssen, wie es geht. Stichwort Digitalisierung: „Sachsen sagt: der Bund. Der Bund sagt: die Telekom. Die Telekom sagt: Ohne Förderung geht auf dem Land nichts.“

Der Präsident spricht Klartext, auch wenn er sich für die Kammer als Körperschaft des öffentlichen Rechts mit 22 000 Pflichtmitgliedern ausgewogen positionieren muss. „Wenn man für seine Rente kämpfen muss, erzeugt das ein Unterlegenheitsgefühl“, so der Dachdeckermeister. Die Politik stehe unter dem Druck, allen alles Recht zu machen. Das sei ein Irrtum. „Sie muss auch Kraft haben, zu sagen: Das können wir nicht.“ Andererseits ließe sich für das Handwerk viel bewegen: bei Rente, Steuerbauch, Aufwertung von beruflicher Bildung und Oberschule, Netz zur Berufsschulplanung und Forschungsförderung.

„Das Handwerk will keine Phrasen mehr hören“, fordert Dittrich – auch nicht von FDP-Lindner, der nach einer Wende rufe, aber nicht wisse wohin. Oder von AfD-Gauland, der sich „unser Volk zurückholen“ wolle. „Aber dazu gehören ja immer zwei“, sagt Dittrich – und riskiert selbst fünf Euro für das Phrasenschwein.

Das hätten an dem Abend auch die Chefs von vier Landtagsfraktionen nach ihren Zwei-Minuten-Statements füttern müssen. Nur Dirk Panter von der SPD wird konkret, nennt die Abschaffung des Meisterzwangs für 53 Berufe 2004 einen Fehler. „Wenn man das rückgängig machen kann, sollte man es tun“, sagt er. Alle Fraktionen haben Gesandte beim Meinungsaustausch. Nur der Platz hinter dem Namensschild Mario Beger bleibt leer. Der AfD-Mann sollte für die zurückgetretene Frauke Petry einspringen. Dabei hätte der Großenhainer ein Heimspiel gehabt, ist er doch im ersten Leben Fliesenlegermeister. Sachsens SPD-geführtes Wirtschaftsministerium fehlt ganz. Und mit Brunhild Kurth (CDU) ist nur eine Ministerin zugegen – im Publikum.

Auch die Entscheider in den größeren Betrieben Ostsachsens, Klientel der Industrie- und Handelskammer (IHK) Dresden, „waren in vielen Dingen nicht einverstanden mit der schwarz-roten Wirtschaftspolitik“, sagt IHK-Präsident Günter Bruntsch zur SZ. Er denkt an Mindestlohn, Rente mit 63 und andere „unternehmerfeindliche Entscheidungen, bei denen sich die CDU dem SPD-Diktat gebeugt hat“. Es sei mehr verteilt als erwirtschaftet worden. Ihm sei aber niemand bekannt, der aus Trotz oder Überzeugung AfD gewählt habe. „Das ist ein Handwerks-Thema, dort gehen ja montags auch einige mit Pegida spazieren.“

Ostsachsens Oberhandwerker rät der erstarrten und nun entsetzten Politik, sich an seinem Umgang mit dem umstrittenen Kammerzwang zu orientieren: „Systeme, die nicht bedroht sind, zerstören sich selbst. Unsere Gegner treiben uns an, unseren Existenznachweis zu erbringen.“ Und rhetorisch fragt er: „Was ist eigentlich schlecht am Wahlausgang? Steht er nicht auch für eine lebendige Demokratie?“

Für die Teilnehmer des Abends gibt es hölzerne Fidget Spinner, Handkreisel Made im Erzgebirge. Der Name steht für Unruhe, Wirbeln. Dem In-Spielzeug wird therapeutischer Nutzen nachgesagt: Es soll beim Abbau von Stress und Nervosität helfen.