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Fünf Wege, dem Leben Sinn zu geben

Wer persönliche Werte und Ziele hat und sie im Alltag verfolgt, kann Stress und Schicksalsschläge leichter ertragen.

Zeit zu zweit: Verantwortung füreinander zu übernehmen ist eine wichtige Sinnquelle.
Zeit zu zweit: Verantwortung füreinander zu übernehmen ist eine wichtige Sinnquelle. © imago/jawwa

Von Susanne Paulsen

Auf der Suche nach Erklärungen dafür, was die psychische Gesundheit eines Menschen stärkt, kam der österreichische Psychiater Viktor Frankl zu der Erkenntnis, dass sie eng mit unserer Fähigkeit verknüpft ist, im Leben Sinn zu finden. Und daran, unser Handeln an Werten und Normen auszurichten, die wir als wichtig erachten. Zu einer solchen Sinnerfüllung kommt man nach Frankl auf drei Wegen: durch schöpferische Arbeit, durch emotional bedeutsame Erfahrungen mit Menschen oder der Natur und durch die Konfrontation mit großen Leiden und Schicksalsschlägen.

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Forschungen des israelischen Medizinsoziologen Aaron Antonovsky bestätigten Viktor Frankls Grundgedanken. Demnach lässt die Überzeugung, dass das Leben einen Sinn hat, Menschen selbst schwierigste Zeiten gesund überstehen. Auch Stressforscher sind zu der Überzeugung gekommen, dass Menschen, die ihr Leben als sinnvoll betrachten, die Belastungen in der heutigen Gesellschaft besser bewältigen können. Dafür gibt es vor allem zwei Gründe:

Zum einen sind Menschen mit starker Sinnorientierung bereit, sich für ihre als wertvoll erkannten Ziele einzusetzen, dafür eine innere Verpflichtung einzugehen und Energie zu investieren – eine Haltung, die nachweislich die Stresstoleranz erhöht. Zum anderen wirkt Sinnorientierung als innerer Kompass. Im Wirrwarr der Alltagsanforderungen hilft sie, überhaupt erst jene Lebensaufgaben zu erkennen, mit denen sich das Individuum vor allem anderen auseinandersetzen will. Die übrigen Tätigkeiten und Probleme können dann auch einmal zurückstehen.

Um die individuelle Fähigkeit zu Sinnfindung und Lebenssteuerung zu stärken, können fünf Empfehlungen von Stressforscher und Psychotherapeut Gerd Kaluza und anderen Forschern helfen:

© Arno Burgi/ZB/dpa

1. Entscheidung für Selbstmanagement

Jeder sollte versuchen, sein Leben möglichst weitgehend selbst zu steuern – und sich dabei vergegenwärtigen, dass Selbstmanagement im Grunde nichts besonders Kompliziertes ist. Dabei gilt es laut Kaluza zunächst zu erkennen, dass nicht allen äußeren und inneren Anforderungen entsprochen werden kann, nicht sämtliche Ziele auf einmal erreicht werden können. Man sollte aufmerksam in sich hineinspüren und intensiv der Frage nach den eigenen Werten und Zielen nachgehen, der Frage, was wirklich wichtig ist. Schon diese Beschäftigung könne Abstand zu den Alltagsbelastungen verschaffen.

Allerdings bleiben einmal gefundene Antworten meist nicht das gesamte Leben bestehen: Die eigenen Fähigkeiten und Kräfte etwa verändern sich permanent, und mit ihnen auch Prioritäten und Ziele. Zuweilen sind zudem Verlustereignisse wie Tod, Krankheit oder Trennung zu verkraften, treten Sinnkrisen auf. Daher sollte die Frage nach den wichtigsten Lebenszielen immer wieder neu gestellt werden.

2. Eine Zukunftsvision entwickeln

Um Antworten zu finden auf Fragen wie „Wo will ich hin im Leben?“ oder „Wozu mache ich das, was ich mache?“, empfiehlt Gerd Kaluza eine Zukunftsvision. Die sollte einem so deutlich wie möglich vor dem inneren Auge erscheinen und einen überschaubaren und inhaltlich zusammenhängenden Abschnitt des Lebens betreffen, etwa die Zeit bis zum Abschluss einer Ausbildung oder zum nächsten runden Geburtstag. Geeignet sei meist ein Zeitraum zwischen einem und fünf Jahren. Alle Lebensbereiche sollten in den Überlegungen berücksichtigt werden.

Dabei könne man sich inspirieren lassen von Fragen wie: „Was sind drei Besonderheiten, die in meinem Nachruf stehen sollten?“, „Welche Ideale aus der Jugendzeit haben für mich heute noch Gültigkeit?“, „Welche Taten und Erfolge erfüllen mich mit Stolz?“ oder „Was würde ich mit einem Gewinn von einer Million Euro anfangen?“ Auf diese Weise könne man sich zur Selbstreflexion anregen – und finde womöglich Antworten, die einen selbst überraschen.

So klappt die Lebenssteuerung

Nicht alles auf einmal: Nur wer akzeptiert, dass die eigenen Kräfte begrenzt sind, wird sich in stressreichen Situationen nicht verzetteln.

So klappt die Lebenssteuerung

Sinnfrage stellen: Mit Fragen wie „Wozu mache ich das alles?“ lässt sich eine Zukunftsvision entwickeln; sie trennen Wichtiges von weniger Wichtigem.

So klappt die Lebenssteuerung

Ziele richtig formulieren: Gute Ziele sind konkret und überprüfbar, positiv formuliert und durch eigenes Tun erreichbar.

So klappt die Lebenssteuerung

Realistisch bleiben: Die persönlichen Ziele dürfen den Menschen fordern, aber sollten ihn nicht überfordern.

So klappt die Lebenssteuerung

Sich engagieren: Sinnerfüllung verspürt besonders, wer seine Ressourcen für kommende Generationen und bleibende Werte einsetzt. Quelle: GEO Wissen

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3. Ziele richtig formulieren

Auch wenn schon die Zukunftsvision selbst Orientierung geben kann: Sie sollte, sagt Gerd Kaluza, in konkrete Ziele übersetzt werden. Für die Formulierung gibt es von Psychologen entwickelte Regeln. Etwa: Gute Ziele sind positiv formuliert. Statt auszudrücken, was man vermeiden möchte – „Ich lasse mich nicht länger unterbuttern“ –, sollte der Vorsatz enthalten, was man erreichen will: „Ich setze mich freundlich und bestimmt durch.“

Grundsätzlich gilt es, Ziele eindeutig und möglichst konkret zu formulieren, sodass sich überprüfen lässt, ob sie erreicht werden. Dabei sollte man realistisch bleiben, darf sich aber durchaus fordern: Als besonders motivierend gelten Ziele, die der Betreffende mit einer Wahrscheinlichkeit von 70 bis 80 Prozent auch wirklich zu erreichen glaubt.

4. Die Generativität ausleben

Den Studien der Psychologin Tatjana Schnell zufolge, die zum Thema Lebenssinn forscht, ist die wichtigste Sinnquelle überhaupt die Generativität. Dieser Begriff bedeutet, sein Wissen und Können an kommende Generationen weiterzugeben, Verantwortung zu übernehmen und sich für Dinge von bleibendem Wert einzusetzen. Dazu zählt beispielsweise, Kinder großzuziehen, sich als Großeltern um Enkel zu kümmern, soziales Engagement, das Unterrichten oder der Einsatz für die Wissenschaften. Entscheidend dabei ist, dass die Befriedigung eigener Bedürfnisse in den Hintergrund tritt gegenüber einem übergeordneten Ziel – und das individuelle Handeln in einen größeren Zusammenhang eingebettet ist. Die Selbstverwirklichung des Einzelnen und das Streben nach ausgeprägter Individualität tragen dagegen laut Tatjana Schnells Beobachtungen nur wenig zur Sinnerfüllung bei.

5. Widerstand abbauen

Manche Menschen – und gerade jene, die bereits unter Stress leiden – entwickeln einen regelrechten Widerwillen gegen eine systematische Suche nach Sinn und Struktur des Lebens. Sie schrecken davor zurück, sich Ziele zu stecken, weil sie befürchten, sich dadurch zusätzlich unter Druck zu setzen. Diese Gefahr besteht tatsächlich bei schlecht formulierten, vagen und unrealistischen Zielen. Oder sie finden Begriffe wie „Vision“ abstoßend – weil sie die mit dem Sprachgebrauch in ihrem Job assoziieren, wo sie oft der fremdgesteuerten Zielsetzung dienen.

Solche Vorbehalte lassen sich überwinden, etwa wenn der Betreffende verinnerlicht, dass es bei der Lebenssteuerung um seine ureigensten persönlichen Ziele geht. Um zu verstehen, wie wichtig eine Vorstellung von der Zukunft und die Orientierung an einem übergeordneten Sinn für den Menschen sind, mag ein Satz helfen, den der römische Philosoph Seneca im 1. Jahrhundert n. Chr. formuliert hat: „Wer nicht weiß, zu welchem Hafen er segeln will, für den ist kein Wind der richtige.“

© Geo Wissen

In voller Länge ist der Beitrag in der neuen Ausgabe der Zeitschrift „Geo Wissen“, Heft 63, erschienen, in der es um Strategien gegen Burnout geht.

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