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Für 90 Minuten ein Team

Während des Fußballspiels Deutschland gegen Nordirland spazierte SZ-Volontärin Nina Schirmer durch die Meißner Innenstadt – mit vielen Verbündeten.

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© Ronald Bonß

Von Nina Schirmer

Meißen. Heute gehöre ich mal nicht zum Mainstream, freue ich mich, während ich mit dem Auto in Richtung Altstadt fahre. Gleich spielt Deutschland gegen Nordirland. Aber nicht für mich. Ich mache einfach nicht mit. Kein Fähnchen, kein Abseits-Geschrei, kein Schlaaaaaand. Stattdessen leere Straßen, freie Bänke, keine Schlangen an den Kassen. Das wird richtig entspannt, wenn alle anderen, die sonst im Weg stehen, vor der Glotze hängen. Heute bin ich die Außenseiterin, die einsame Fußball verweigernde Wölfin. Ich fühle mich ein bisschen stolz. Und dann albern, weil ich deshalb stolz war. Der Blick auf die Uhr verrät: Jetzt ist Anpfiff.

Ich bin derweil in der Neugasse unterwegs. Nur komisch: Überall rennen noch Leute herum, kaufen ein, heben Geld ab. Hey, ich dachte, ich bin hier allein und besonders? Geht meine Uhr falsch? Nein. Ganz offenbar ist den anderen hier das Spiel auch egal. So langsam beschleicht mich der Verdacht, dass ich, ohne es vorherzusehen, in eine Art geheime Vereinigung geraten bin. Eine, von der alle Fußballgucker gar nichts ahnen. Wie auch? Und offenbar gehören nur Frauen dazu. Kein Mann ist weit und breit zu sehen. Ob ich die anderen Frauen jetzt grüßen sollte, um zu zeigen, dass ich auch zum Klub gehöre und nicht noch schnell zum Public Viewing flitze? So nach dem Motto: „Schwestern, ich habe verstanden.“

Ich beschließe, lieber auf ein Zeichen der Alteingesessenen zu warten. Auf dem Weg durch die Fleischergasse Richtung Markt höre ich plötzlich ein lautes Stöhnen. Na toll, jetzt weiß ich, dass Deutschland eine Torchance vergeben hat. Diese Public Viewing-Menschen bringen noch meine Klubmitgliedschaft in Gefahr.

An der Frauenkirche kommt mir ein Ehepaar entgegen. Moment mal, was macht der Mann auf der Straße? Ich dachte, das ist hier so eine exklusive Frauensache. Naja, bestimmt sind die beiden Touristen und die Frau hat gesagt: „Ich fahr doch nicht nach Meißen, um dann im Hotel vorm Fernseher zu sitzen.“ Bestimmt haben sie lange diskutiert und am Ende hat sie sich durchgesetzt. Gut gemacht, Schwester.

Das muss alles geheim bleiben

Ich freue mich über meine neu gefundenen Verbündeten. Klar, dass mich keiner offiziell begrüßt. Das muss ja alles geheim bleiben. Ich laufe weiter auf den Markt und traue meinen Augen nicht. Überall Menschen. Die Tische der Restaurants voll. Und das, obwohl hier nirgendwo ein Fernseher draußen hängt. Und jede Menge Männer. Also ist die Vereinigung ja noch viel größer, als ich anfangs dachte. Für 90 Minuten sind wir alle ein Team. Wahnsinn. Ich muss mich erst einmal setzen.

Hinter mir erzählt eine Gruppe am Restauranttisch. Ich versuche, ein paar Fetzen ihres Gesprächs mitzukriegen. Es geht um eine Hochzeit. Doch nicht etwa um die von Schweinsteiger nach der EM? Ach nein, irgendwas Familiäres. Das beruhigt mich.

Zu guter Letzt will ich noch was einkaufen. Mit dem Auto gehts über die Altstadtbrücke. Was hier für ein Verkehr ist. Ich habe das merkwürdige Verlangen, die Entgegenkommenden mit einem lässigen Anheben des Zeigefingers zu grüßen. So, wie es Busfahrer immer machen. Die sind ja sozusagen auch ein Klub. Auf der anderen Elbseite muss ich leider feststellen, dass das Team ein bisschen schwächelt. Ziemlich leer hier im Supermarkt. „Das war abzusehen während des Spiels“, sagt die Kassiererin. So ein Mist. Auf dem Parkplatz steht ein Mann mit tschechischem Kennzeichen. Der gehört jetzt zum Team, beschließe ich. Jeder zählt in „la Mannschaft“.