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Für große Übungen blieb keine Zeit

Für den Ortsverband Görlitz des THW war das vergangene Jahr ungewöhnlich. Die meisten Einsätze dienten der Versorgung von Flüchtlingen.

© Roland Halkasch

Von Ralph Schermann

Görlitz. Der Görlitzer Ortsverband des Technischen Hilfswerkes (THW) ist in Sachsen etwas Besonderes: Er war der erste, der im Freistaat aufgebaut wurde. Das war im Jahr 1991, als es galt, jene Lücken zu schließen, die durch Wegfall der Formationen der DDR-Zivilverteidigung entstanden waren. Zur Gefahrenabwehr selbst indes bestand zwischen den beiden deutschen Staaten kein großer Unterschied: Überall baute sie vor allem auf freiwillige Helfer.

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Seit 25 Jahren mittlerweile werden die THW-Leute gerufen für Aufgaben von Straßenumleitung bis Personenrettung. Vor allem seit den Hochwasserereignissen vergangener Jahre kennt jeder die blauen Einsatzwagen. Blickt Daniel Reichstein, der Görlitzer THW-Ortsbeauftragte, aber zurück auf das Jahr 2015, kann er wieder von einer Besonderheit berichten: „Die Flüchtlingsproblematik setzte bei unseren Einsätzen einen neuen Schwerpunkt.“

Der nahe dem Görlitzer Flugplatz stationierte Ortsverband rückte immer wieder aus, um beim Aufbau von Flüchtlingsheimen und Not-Großzelten für Asylbewerber mitzuarbeiten. Die Frauen und Männer planierten Grundflächen, bauten an Unterkünften mit, schleppten tonnenweise Mobiliar. Begann so eine Tätigkeit im Januar noch in direkter Görlitzer Nachbarschaft für die Flüchtlingsunterkunft neben Polizeigebäude und städtischem Betriebshof, war das hiesige Technische Hilfswerk dafür auch nach Dresden, Kamenz und Bischofswerda abgeordnet, nach Dresden gleich zweimal. Bei größeren Aufgriffen von Migranten durch die Bundespolizei kümmerte sich das Görlitzer THW mit um die Versorgung, bei den kurzzeitigen Grenzkontrollen aus Anlass des G-7-Gipfels um eine Ausleuchtung der Kontrollstellen auf der Autobahn bei Ludwigsdorf.

Dazu kamen die mehr oder weniger schon als Klassiker geltenden Einsätze zur Absicherung vom Radrennen, Europamarathon und dem großen Schirgiswalder Karnevalsumzug. THW beim Karneval? „Warum nicht“, sagt Daniel Reichstein, „der Umzug dort ist jedenfalls so groß, dass sehr viel drumherum abgesperrt werden muss.“ Aus dem Ortsverband Görlitz waren dafür 15 Mann angefordert – die muss sich der Karnevalsverein aber auch leisten können, denn das Technische Hilfswerk als Bundesbehörde verschickt nach solchen Anforderungen stets eine Rechnung.

Dass tatsächlich technische Leistungen gefragt sind, zeigte der Radlader, den ein Dieb nach vergeblicher Flucht in der Neiße stecken ließ. „Wir mussten einen Baum fällen und einen Zugang für die Bergungstechnik bis ans Ufer bauen“, sagt Daniel Reichstein und ist mit recht stolz auf solche Aktionen, zeigen sie doch die Leistungsfähigkeit der gut ausgebildeten Helfer. Einer von ihnen hat sogar längst einen international guten Ruf: Michael Kruhl, der stellvertretende Görlitzer Ortsbeauftragte. Im April und Mai forderte ihn das Auswärtige Amt für einen Hilfseinsatz in Nepal an. Nach den verheerenden Erdbeben dort war das THW als Teil der deutschen humanitären Hilfe mit insgesamt 33 Fachleuten im Einsatz. Dort haben sie Trinkwasser für die Überlebenden aufbereitet sowie den Bauzustand von Gebäuden begutachtet.

Insgesamt sucht das Görlitzer THW zwar noch immer weitere Mitstreiter, ist aber mittlerweile mit 63 aktiven Helfern, darunter acht Frauen sowie den drei Mädchen und 15 Jungs der Jugendgruppe gut aufgestellt. Für die verschiedenen Einsätze stehen ihnen neun Autos, ein Radlader, sechs Anhänger, zwei Boote sowie Pontons für eine Fläche von 30 Quadratmeter zur Verfügung. Das älteste Fahrzeug, ein Unimog-Gerätewagen, stammt noch von 1987. Das neuste erhielten die Görlitzer 2015 mit einem fabrikneuen Renault Master als Einsatzleitwagen für die Männer des Trupps um Zugführer Andreas Otte. Bei so einem Fuhrpark ist es kaum zu glauben, dass das Görlitzer THW mal mit drei W50 und zwei B1000 angefangen hat. Alarmiert wird auch beim THW mit Funkmeldeempfängern, spätestens 20 Minuten nach einem Alarm rückt das erste Fahrzeug aus.

Exakt 2 139 Stunden war das THW Görlitz 2015 im Einsatz. Da blieb keine Zeit für große Übungen. „An den monatlich zwei Ausbildungstagen dagegen gab es keine Abstriche“, betont Reichstein. Der 37-Jährige leitet seit 2002 den THW-Ortsverband, war damals einer der jüngsten Ortsbeauftragten bundesweit. Zur Nachwuchsgewinnung setzt er gern auf Tage der offenen Türen. Zum 25-jährigen Bestehen wird es wieder einen geben. Den 17. September kann man sich dafür schon mal vormerken.

www.thw-goerlitz.de