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Für Heike Wunderlichs Mörder wird es enger

Am Zwickauer Landgericht berichtet ein Gutachter, wie er die DNA des Angeklagten auf dem BH des Opfers fand.

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© dpa

Von Thomas Schade

Es sind etwa 20 Zellen vom Hautgewebe einer Männerhand, nur wenige Nanogramm schwer und für das menschliche Auge nicht sichtbar. Der promovierte Biochemiker Steffen Schulze fand sie im Herbst 2015. Die Zellen gehören zu einer sogenannten Mischspur, die er am rechten Träger eines BHs entdeckt hatte. Diese Spur enthielt die DNA einer Frau und eines Mannes. Die weibliche DNA, die sich überall am BH befindet, gehört höchstwahrscheinlich der Trägerin – Heike Wunderlich.

Die männliche DNA, das konnte der Sachverständige des Landeskriminalamtes am Mittwoch mit Sicherheit sagen, gehört Helmut St., der sich seit Mitte Dezember vor dem Zwickauer Landgericht verantworten muss. Der 61-Jährige soll Heike Wunderlich am 9. April 1987 ermordet haben, so die Anklage.

Noch schmunzelt der nach seinem Schlaganfall teilweise behinderte Angeklagte still vor sich hin, als ginge ihn das alles nichts an. Doch seit Mittwoch wird die Luft dünner für ihn. Seine DNA-Spur an dem BH dürfte zum wichtigsten objektiven Beweis für seine Schuld werden. Denn aus dem BH, dem Slip der jungen Frau und einem Gummiband vom Moped des Opfers wurde vor 30 Jahren das Mordwerkzeug geknüpft. Laut Anklage strangulierte der Täter Heike Wunderlich damit zu Tode.

Helmut St. hatte seine DNA also nicht durch eine zufällige Berührung im Bus oder im Gedränge am Anorak der 18-Jährigen hinterlassen. Er lebte damals in Plauen, Heike Wunderlich arbeitete in derselben Stadt als Strickerin in einem Textilbetrieb. Nein, Helmut St. hatte seinen genetischen Fingerabdruck am Mordwerkzeug hinterlassen, das er so fest in der Hand gehabt haben muss, dass die winzige Spur fast 30 Jahre lang erhalten geblieben war.

Am 22. Juli 2015 hatte die Zwickauer Polizei die Asservate des Falles Heike Wunderlich zum vierten Mal ins kriminaltechnische Institut gebracht, wo Steffen Schulze gerade angefangen und Kenntnisse über neueste Analysemethoden mitgebracht hatte. Fast die komplette Kleidung, ein Taschentuch, die Geldbörse, ein Hausaufgabenheft waren dabei. Bei den Untersuchungen zuvor waren nur die DNA des Opfers und Fragmente einer unbekannten männlichen DNA gefunden worden, die keiner Person zugeordnet werden konnten, aber genügend Informationen enthielt, um im Verlaufe der Ermittlungen mithilfe von Speicheltests etwa 3 000 Männer als Tatverdächtige auszuschließen.

Nachdem im Jahr 2000 der Slip des Opfers untersucht worden war, nahm sich Steffen Schulze insbesondere den Spurenträger 29 vor, den BH. Der Sachverständige beschrieb, wie er das Kleidungsstück zerschnitten und 22 kleine Stoffteile untersucht habe. Jeder dieser Spurenträger sei in eine spezielle Flüssigkeit gelegt worden. So seien alle biologischen Spuren vom Träger gelöst worden. Danach habe er das gefundene Zellmaterial vervielfältigt und die DNA bestimmt. Dabei sei er im Stoffteil Nummer 19 auf die Mischspur mit der DNA einer Frau und eines Mannes gestoßen. Die männliche DNA führte später durch einen Treffer in der bundesweiten DNA-Datenbank zum Angeklagten Helmut St.

Der Vortrag des Gutachters wird zur Lehrstunde in Biochemie. Auf Bitten des Vorsitzenden Richters referiert Schulze über Allele, Polymerisation, über Piks und Signalstärke. Es geht wissenschaftlich zu im Gerichtssaal. Akribisch fragt Richter Hartmann jeden Schritt der Analyse nach. Er hatte angekündigt, das Ergebnis der Untersuchung kritisch zu hinterleuchten.

Dreimal war die entscheidende Mischspur 29/1.19 untersucht worden. Im Ergebnis einer Untersuchung kann der Gutachter nicht völlig ausschließen, dass die DNA einer dritten Person vorhanden ist. Die Merkmale seien aber so fragmentarisch, dass sie nicht bestimmbar seien. Es werde empfohlen, sie zu vernachlässigen, sagt der Sachverständige. Er spricht von einem „Geheimnis der Biologie“, der Richter von der „dünnen Stelle“ des Gutachtens. Hier dürften kommenden Montag auch die Verteidiger nachhaken. Sie zweifeln das Gutachten an, so Anwalt Andreas Böhnisch.

Heike Wunderlich kann nicht mehr zu 100 Prozent als Trägerin des BHs bestimmt werden. Von ihr gibt es nach 30 Jahren kein DNA-Vergleichsmaterial mehr. Eine Blutprobe der Frau verschwand 1999, ebenso das Mark-Stück, das Gerichtsmediziner in der Scheide der Toten gefunden hatten. Es könne aber „mit hoher Wahrscheinlichkeit“ geschlossen werden, dass die Tote die Trägerin des BHs war, so der Gutachter.

Helmut St. wurde bereits 1989 wegen eines ähnlichen Sexualdeliktes verurteilt. Damals hatte er eine Bekannte aus ihrer Wohnung gelockt, sexuell genötigt und gewürgt. Die Frau konnte ihm entkommen. Der 61-Jährige verbrachte wegen zahlreicher Straftaten bereits neun Jahre seines Lebens hinter Gittern.