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Für Siemens ist Putin auch nur ein Kunde – aber ein ziemlich guter

Konzerne hoffen, dass weitere Strafen gegen Russland ausbleiben, denn sie können auch die heimische Wirtschaft treffen.

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© dpa

Parallelwelten: Während der Westen Russland wegen der Annexion der Krim bestraft, besucht Siemens-Chef Joe Kaeser den obersten Russen – und übt sich in Demut: Kaeser wartete eine Stunde auf Putin in dessen Residenz bei Moskau, schüttelte ihm die Hände, gratulierte ihm überschwänglich zu den Olympischen Spielen in Sotschi, bevor es dann ums Eigentliche ging: ums Geschäft.

Siemens sagte trotz des angespannten Verhältnisses zwischen Moskau und Berlin Investitionen in Moskau zu. „Wir setzen auf eine langfristige Wertepartnerschaft“, sagte der Vorstandsvorsitzende Joe Kaeser. Zu möglichen schärferen Sanktionen des Westens gegen Russland meinte der Konzernchef, dass er „das Primat der Politik“ respektiere, betonte aber gleichzeitig: „Die Bundesregierung weiß, dass ich hier bin.“ Dies bekräftigte Kaeser am Abend auch in einem Interview des ZDF „Heute Journals“: Siemens habe keinen Widerstand aus dem Kanzleramt erfahren. Auf die Frage, ob er mit seinem Russland-Besuch nicht alles hintertreibe, was die westliche Welt anstrebt, um Putin in die Schranken zu weisen, antworte Kaeser, dass man im Grunde nur seine Kunden besuche. Sein Unternehmen lasse sich „von kurzfristigen Turbulenzen in der langfristigen Planung nicht leiten“. Es gehe Siemens im Verhältnis zu Russland darum, „dass wir langfristige Beziehungen auch honorieren“.

Putin würdigte umgekehrt das Engagement des Siemens-Konzerns, der in den vergangenen Jahren rund 800 Millionen Euro in die russische Wirtschaft investiert habe. Die Zusammenarbeit gerade mit deutschen Firmen entwickele sich gut, sagte der russische Präsident.

Russland hat mehr zu verlieren

Siemens hatte mit Russland in den vergangenen Jahren etwa Verträge über den Bau von E-Lokomotiven sowie die Lieferung von Hochgeschwindigkeitszügen auf Grundlage des ICE im Wert von Hunderten Millionen Euro abgeschlossen. Siemens kommt in Russland auf einen Jahresumsatz von zuletzt rund zwei Milliarden Euro. Rund 3 000 Beschäftigte sind in Russland für den Elektrokonzern tätig.

Merkel sagte in Berlin auf die Frage nach dem Besuch Kaesers bei Putin, bei dem der Siemens-Chef weitere Investitionen zugesagt hatte: Es fänden nach wie vor wirtschaftliche Kontakte statt. „Ich habe kein Interesse daran, dass wir eine Eskalation haben, sondern ich arbeite für eine Deeskalation.“ Russland müsse aber wissen, „wenn bestimmte weitere internationale Verträge überschritten werden, dass dann wir auch zu einer harten Reaktion bereit sind“. Europa werde hier einheitlich mit den USA handeln.

In dieselbe Kerbe hieb auch Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU). Bei einer Eskalation der Krim-Krise „werde der Westen tun, was getan werden muss“, sagte Schäuble. Man dürfe die Vorgänge auf der Krim nicht einfach hinnehmen. „Russland hat mittelfristig mehr zu verlieren als wir.“ Schäuble räumte ein, dass eine mögliche Eskalation und Sanktionen auch die deutsche Wirtschaft treffen könnten. „Ich kann Folgen für die Konjunktur in Deutschland nicht ausschließen, aber im Zweifel wären sie beherrschbar.“ Deutschland sei robust genug aufgestellt.

Die Spannungen bereiten der deutschen Wirtschaft zunehmend Sorgen. Der Präsident des Außenhandelsverbands BGA, Anton Börner, erklärte in Berlin, die Nervosität in der Wirtschaft werde von Tag zu Tag stärker. Bei einer Eskalation der Krim-Krise und gegenseitigen harten Wirtschaftssanktionen könnte das deutsche Wirtschaftswachstum im schlimmsten Fall um 0,4 Prozent schwächer ausfallen, zitierte Börner Studien. In Russland sind rund 6 200 deutsche Unternehmen aktiv, in der Ukraine etwa 400.

Die Bundesregierung stellte klar, trotz der Krim-Krise würden deutschen Unternehmen unverändert angeboten, Exportgeschäfte in Russland und der Ukraine abzusichern. Die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit beiden Ländern gehe weiter; die vom Bund angebotenen Hermes-Bürgschaften könnten weiter genutzt werden, sagte der Staatssekretär im Wirtschaftsministerium, Stefan Kapferer, in Berlin. Betroffene Exporteure müssten vor allem selbst das Risiko abwägen, ob sie aktuell in Russland investieren wollten. Bislang seien dem Ministerium keine Probleme von Firmen mit russischen Geschäftspartnern infolge der Krim-Krise bekannt. (SZ/dpa)