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„Für uns ist das Digitale ein Segen“

Thomas Schierack, Verlagschef von Bastei Lübbe, weiß um die Kraft des Netzes und dass sein Haus Frauen nicht emanzipiert hat.

© Bastei Lübbe

Herr Schierack, wie läuft das Druckereigeschäft?

Sie meinen das Verlagsgeschäft. Das läuft gut. Bei uns ist Mitte Oktober Primetime, wir bereiten den Start unserer Neuerscheinungen für das Weihnachtsgeschäft vor.

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Besitzt Bastei Lübbe keine Druckereien?

Schon lange nicht mehr. Wir hatten bis vor 30 Jahren zwar eine eigene Druckerei. Die haben wir aber früh verkauft.

Warum?

Eine eigene Druckerei ist mit einer relativ großen Investition in Druckmaschinen und Vorbereitungstechnik verbunden. Dieser Maschinenpark muss zudem immer auf dem neuesten Stand sein und oft gewartet werden. Und wir machen ja einerseits Bücher und andererseits Romanhefte, die werden jeweils mit verschiedenen Druckverfahren hergestellt, für die verschiedene Druckmaschinen nötig sind. Eine Druckerei können wir nicht auslasten.

Die Umsätze mit digitalen Büchern stagnierten 2014 in Deutschland. Zuvor waren sie gewachsen. Wurde dem digitalen Buch zu viel zugetraut?

Der Digitalmarkt befindet sich in einer absolut frühen Phase. Dass die Wachstumsraten in einem neuen Markt am Anfang immer wahnsinnig hoch sind und diese Kurve irgendwann abflacht, ist doch klar. Das bedeutet aber keinesfalls, dass der Digitalisierungstrend schon wieder zu Ende ist. Das anfangs sehr unreflektierte breite Wachstum findet nun einfach viel gezielter statt, und zwar da, wo es Sinn macht: zum Beispiel in der Belletristik. Der digitale Marktanteil nur für Belletristik liegt inzwischen bei 15 bis 16 Prozent.

Wo liegt Bastei Lübbe bei der digitalen Belletristik?

Bei uns beträgt der Marktanteil etwas über 20 Prozent. Wenn wir alle anderen digitalen Sparten – beispielsweise auch unsere Computerspielsparte – mit dazu nehmen, dann liegen wir sogar bei über dreißig Prozent. Deshalb sind wir auch ein Verlag, der sagt: Für uns ist das Digitale ein Segen und kein Fluch.

Wo sehen Sie den Anteil des Umsatzes mit elektronischen Büchern am Buchmarkt in Deutschland im Jahr 2020?

Bezogen auf die Belletristik wird sich das bei 25 bis 30 Prozent einpendeln.

Braucht es angesichts der Digitalisierung des Buches die Frankfurter Buchmesse eigentlich noch?

Aber natürlich. Die Messe ist der globale Schmelztiegel, in dem sich die gesamte internationale Buchbranche trifft und sie sollte darauf achten, dass sie diese Internationalität behält. Sie muss sich darüber hinaus klar machen, dass die Welt digitaler wird und sie selbst nicht. Denn in diesem Bereich tut sich in Frankfurt momentan sehr wenig. Es gibt zwar immer wieder irgendwelche digitalen Präsentationen, aber die Buchmesse ist deshalb noch lange keine digitale Messe. Außerdem stellen eigentlich alle Verlage fast nur physische Produkte, also Bücher, aus. Der Anspruch, die größte Buchmesse der Welt zu sein, darf dadurch nicht verloren gehen.

Was ist die Ursache für diesen sehr zögerlichen Wandel?

Einerseits gibt es praktische Gründe. Wir haben in den vergangenen Jahren Tablet-PCs mit E-Books am Messestand ausgestellt. Abends waren die regelmäßig weg. Da verliert man irgendwann die Lust. Andererseits gebe ich auch zu: Das Aufstellen eines Tablets zeichnet einen noch lange nicht als digitalen Verlag aus. Was man digital alles macht, das lässt sich auf einer Buchmesse nicht so richtig darstellen. Dazu würde man wahrscheinlich eher hier in Köln auf eine Computerspielmesse gehen.

Sie sind 2013 mit Bastei Lübbe an die Börse gegangen. Wofür brauchten Sie damals das Geld eigentlich?

Ein Großteil der Erlöse aus dem Börsengang wurde dafür verwendet, das Digitalgeschäft weiterzuentwickeln. Wir haben uns an einer Self-Publishing-Plattform für E-Books beteiligt, auch an dem Game-Publisher daedalic Entertainment und wir haben die Verkaufsplattform für E-Books beam übernommen. Außerdem haben wir inzwischen ein Joint Venture mit einer Filmproduktionsfirma in Amerika und sind in Verhandlungen für etwas Ähnliches in China. Dabei geht es jeweils um die Gewinnung von digitalen Inhalten.

Wie gewinnen Sie die?

Die Joint Ventures sollen Serien entwickeln, die wir als E-Books oder als Hörbücher vertreiben können. Die Firma in den USA beispielsweise nutzt dieselben Stoffe dann für Filmproduktionen, schreibt sie also als Drehbuch um und produziert sie. Am Anfang steht dabei die Ideensuche. Wenn die Ideen durch ein Gremium durch sind, wird ein Autor gesucht, der dann in der Lage ist, sowohl ein Drehbuch als auch ein E-Book zu schreiben.

Inwiefern ist Streaming eigentlich ein Thema für einen Buchverlag?

Streaming ist im gesamten digitalen Bereich eines der ganz großen Themen. Wir werden im kommenden Jahr in mehreren Ländern eine eigene Streaming-Plattform für E-Books und Audiobooks starten. Unser Ziel ist es, eine Art „Netflix“ zum Lesen zu werden.

Wie bei allen Streaming-Modellen sind die User dann nicht Eigentümer der Inhalte, sondern so etwas wie Ausleiher, die eine monatliche Gebühr bezahlen. Was passiert mit der Online-Bibliothek eines Lesers, wenn es den Anbieter irgendwann nicht mehr gibt?

Die Inhalte gehören den Verlagen. Wenn es die Firma irgendwann nicht mehr gibt oder sie diesen Dienst nicht mehr anbietet, dann zahlen die Kunden ihren monatlichen Beitrag eben nicht mehr.

Haben Buchverlage ein Problem mit Piraterie?

Kaum. Bei uns gibt es zwar auch Piraterie wie in der Musikindustrie, aber die kostet uns längst nicht so viele Umsätze, wie das dort der Fall war.

Was machen die Buchverlage anders als die Musikbranche?

Ich glaube, dass die Kundschaft unterschiedlich ist. Leser haben in der Regel eine höhere Hemmschwelle, wenn es darum geht, Inhalte illegal herunterzuladen. Des Weiteren glaube ich, dass sich das Rechtsbewusstsein auch durch Anti-Piraterie-Kampagnen der Musikindustrie grundsätzlich gewandelt hat. Schlussendlich bieten wir E-Books billiger an als Bücher. Deshalb ist die Versuchung nicht so groß, ein E-Book illegal zu kopieren.

Haben Sie ein männliches oder eher ein weibliches Publikum?

Bei den Büchern sind zwei Drittel der Käufer weiblich. Bei den E-Books hält sich das eher die Waage, da sind nur unwesentlich mehr Frauen unsere Kunden. Ein erstaunliches Detail ist dabei: Je blutiger und spannender ein Stoff, desto höher ist der Frauenanteil.

Hat Bastei Lübbe mit seinen Veröffentlichungen wie den Arztromanen zur Emanzipation der Frau beigetragen?

Ganz offen gesagt: Nein, das denke ich eher nicht. Wir sind ein Unterhaltungsverlag. Auch wenn wir manchmal frech und manchmal auch kritisch sind, haben wir zur Emanzipation der Frau höchstens am Rande etwas beigetragen. Eine Vorreiterrolle haben wir aber sicher nicht gespielt. Ich denke auch, dass Zeitschriften und Zeitungen insgesamt einen größeren Stellenwert in der Frage der Emanzipation eingenommen haben und einnehmen.

Das Gespräch führte Sebastian Grundke.