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Fulminanter Flirtkurs für Frührentner

Im Stück „Blütenträume“ üben 60-Jährige Partnersuche an der Volkshochschule. Im Theater Freiberg bleibt da kein Auge trocken.

© Theater

Von Tilo Harder

Döbeln. Nüchternes Neonlicht, Stapelstühle und Flipchart – ungemütlicher könnte der Schulungsraum nicht sein, in dem der „Flirtkurs 55+“ angesetzt ist. Geschiedene, Verwitwete, bewusste und ungewollte Dauersingles in reiferen Jahren wollen hier die erfolgreiche Partnersuche erlernen. Deutschlands meistgespielter Gegenwartsautor Lutz Hübner („Frau Müller muss weg“, „Die Firma dankt“) legt auch in „Blütentraume“ mit humoristischer Leichtigkeit den Finger in eine offene Wunde der modernen Gesellschaft. Am Sonnabend feierte die bereits erfolgreich verfilmte „Dramödie“ am Mittelsächsischen Theater in Döbeln Premiere.

Stars im Strampler aus Döbeln
Stars im Strampler aus Döbeln

Hier werden Fotos von Neugeborenen gezeigt, die aus Döbeln oder aus der Region kommen. Vielleicht ist auch Ihr Bild bald dabei?

Ein Geniestreich für ein Theater, könnte man meinen. So bedient das Stück ein älteres Publikum, ohne dass in verstaubte Klamottenkisten gegriffen werden muss. Zudem bietet es Futter für gereifte Schauspieler, für die solch dankbare Rollen dünn gesät sind. Hübners Text ist ganz in der Tradition anspruchsvoller Boulevardkomödien lustig und gleichzeitig melancholisch, leicht und doch tiefsinnig, rhythmisch perfekt konstruiert und trotzdem lebensnah.

Während jüngere Generationen mittlerweile scheinbar selbstverständlich Online-Agenturen, Speed-Dating, Single-Partys und ähnliche Anbahnungsdienstleistungen in Anspruch nehmen, haben unsere Kursteilnehmer eher Berührungsängste mit Persönlichkeitsprofilen, Selbstvermarktung und Flirtstrategien. Alle suchen jemanden. Nun soll ihnen Seminarleiter Jan (Ralph Sälbrandt) zeigen, wie das geht, einen Partner für mehr als eine Affäre zu finden. Doch die Methoden des verkrachten Provinzschauspielers stoßen schnell auf Widerstand. Mangelnde Kompetenz, so lautet das einhellige Urteil der sieben Singles, die unterschiedlicher kaum sein könnten.

Die Bibliothekarin Britta, herrlich knurrig gespielt von Ines Kramer, sucht eigentlich keinen Partner, sondern Gedankenaustausch. Der wegen einer Liebschaft geschiedene Schuldirektor Friedrich, von Andreas Pannach als Charmeur alter Schule charakterisiert, erweist sich als gespreizter Gockel auf der Jagd nach einem hörigen Frauchen. Vollkommen ambitionslos scheint dagegen der einstige Autolackierer Heinz, den Michael Berger als brummigen Proleten mit dem Herzen am rechten Fleck zeigt.

Nach harmonischem Familienleben sehnt sich Gila, die ihren Mann plötzlich durch einen Schlaganfall verlor. Conny Grotsch zeichnet sie als unkomplizierte, zupackende Frau auf der Suche nach dem kleinen Glück. Schreiner Ulf, dem Andreas Kuznick Sanftmut und einen Hauch Esoterik verleiht, sucht nach gescheiterter Auswanderung neuen Anschluss. Den findet er bei Frieda, die ihr Leben nachholen will, das sie ihrem 20 Jahre älteren und nach langer Demenz verstorbenen Mann geopfert hat. Franka Anne Kahl verkörpert die wohl tragischste Figur und lässt einen schier unendlichen Lebenshunger hinter der brüchigen Wand aus Selbstdisziplin erahnen. Und dann ist da noch die viel jüngere Maklerin Julia. Beruflich erfolgreich und im Privatleben permanent scheiternd, ist sie nur hier, weil der Kurs 40+ ausfallen musste. Anna Bittner spielt ein Energiebündel voller Selbstzweifel und stets am Rande des Zusammenbruchs.

Alle sind irgendwie liebenswert. Und auch untereinander erwächst Sympathie. Der Party, welche die sieben nach dem Aus von Jan feiern, entspringt der Plan einer Wohngemeinschaft. Doch können die Blütenträume mehr als eine Schnapsidee sein?