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Fußballer wollen Flüchtlinge behalten

Die Kosovaren sollen abgeschoben werden. Doch die Kinder seien Leistungsträger ihrer Fußballmannschaften.

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© dth

Von Tina Soltysiak

Waldheim. Bislim Hajdari hat Angst. Angst davor, dass eines Morgens plötzlich die Ausländerbehörde mit dem Abschiebebescheid in der Wohnung an der Waldheimer Hauptstraße stehen könnte. Und er, seine Geschwister Loris und Flondra sowie seine Eltern Enver und Sadete Deutschland verlassen müssen. „Einem Freund, der in Roßwein wohnte, ist das passiert. Ist erst vor Kurzem gewesen“, erzählt der 15-Jährige. Er spricht gut Deutsch.

Bislim ist im Kosovo geboren. Aufgewachsen ist er unweit der Stadt Vushtrria, die im Nordosten des Landes liegt. Seit reichlich einem Jahr lebt er in Deutschland, seit dem 2. Juli in Waldheim. Hier fühlt er sich willkommen, gut aufgenommen. Er hat Freunde gefunden. In der Oberschule – und beim SV Aufbau Waldheim. Dort steht er gemeinsam mit seinem Bruder Loris regelmäßig auf dem Fußballplatz. Die Jungs sind Vereinsmitglieder. Dürfen an Punktspielen teilnehmen. „Loris ist tragende Kraft in seiner Mannschaft in der D-Jugend. Er hat in zehn Spielen schon 15 Tore geschossen“, erzählt Gerald Dennhardt. Er ist für die Nachwuchsarbeit beim SV Aufbau zuständig.

Sicherer Herkunftsstaat Kosovo

Und er versteht die Welt nicht mehr. „Die Familie ist so gut integriert. Sie sollte nicht wieder aus dem von ihr aufgebauten Umfeld gerissen werden. Gerade für die Kinder wäre eine Ausweisung richtig schlimm“, meint Dennhardt.

Deshalb setzen sich er und seine Vereinskollegen dafür ein, dass die Familie bleiben darf, dass eine Ausnahmeregelung getroffen wird. Sie haben sich mit dieser Bitte an das Bundesamt für Migration (Bamf) und an Waldheims Bürgermeister Steffen Ernst (FDP) gewandt.

Kosovo gilt als sogenannter „sicherer Herkunftsstaat“. Eine Abschiebung ist laut Bamf deshalb jederzeit möglich. Ein Anspruch auf Asyl in Deutschland besteht nicht. Schließlich herrscht im Land kein Krieg mehr. Doch Enver Hajdari hat den Kosovo-Krieg miterlebt, als sich die Republik von Serbien abspaltete. „Das war schlimm. Wir haben überlebt. Aber wir haben ein schweres Leben gehabt. Ohne Arbeit. Keine soziale Absicherung“, erzählt er. Seine Kinder sollen es besser haben. Deshalb flüchteten sie aus ihrer Heimat, in der es für sie keine Perspektive mehr gebe. Über Serbien, Ungarn und Österreich reisten sie illegal nach Deutschland ein und beantragten Asyl. Enver will, dass jetzt alles seine Richtigkeit hat: „Ich will nicht illegal sein, mich nicht verstecken. Wir möchten unsere Papiere, hier bleiben und arbeiten.“

Doch ihm fehlt eine Arbeitserlaubnis. „Herr Hajdari hatte bereits vier Stellenangebote“, erzählt Dennhardt. Doch ohne eine entsprechende Genehmigung vom Amt durfte er diese nicht antreten.

Wahrscheinlich keine Ausnahmeregelung

Dass der Antrag auf Anerkennung als Asylberechtigter „unanfechtbar abgelehnt“ wurde, habe er erst in Freiberg erfahren, als er seine Papiere verlängern lassen wollte. „Ich hatte kein Schreiben im Briefkasten“, erzählt Enver. In dem Dokument, das dem DA vorliegt, steht: „Der Bescheid wurde zugestellt/gilt als zugestellt am 10.01.2016“. Als Ausstellungsdatum wird allerdings der 9.2.2016 aufgeführt.

„Als Empfänger ist die zentrale Ausländerbehörde in Chemnitz angegeben. Außerdem gilt das nur für die Frau und die drei Kinder“, erklärt Dennhardt. Enver Hajdari versteht nicht, warum sein Name nicht auf dem Schreiben steht. Liebe würde er Deutschland verlassen, als dass seine Familie gehen muss.

Steffen Ernst ist in dem Fall hin- und hergerissen: In seiner Funktion als Bürgermeister könne er wenig ausrichten. „Es tut weh, aber ich muss mich an die Gesetze halten. Wir haben das Anliegen der Familie und des Vereins in einer Dienstberatung thematisiert“, sagt er. Außerdem wolle er sich mit der Ausländerbehörde in Verbindung setzen. „Ich kann aber wahrscheinlich keine Ausnahmeregelung erwirken“, ergänzt er. Als Privatperson ist er der Meinung, dass die Ausweisung aus rein menschlicher Sicht wenig Sinn macht. „Die Familie hat sich gut integriert. Es ist bedauerlich, dass ausgerechnet sie abgeschoben werden soll.“ Gerald Dennhardt vom SV Aufbau Waldheim wolle alle Hebel in Bewegung setzen. „Aber es ist bisher noch kein Schimmer am Horizont zu sehen“, sagt er mit resignierter Stimme.