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Gänsebraten mit ganzer Piste - Advent und Weihnachten hinter Gittern

Weihnachten ist das Fest der Familie. Auf die müssen Strafgefangene in Sachsen zwar weitgehend verzichten, aber nicht auf Besinnlichkeit, Festessen und Gottes Segen.

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Von Simona Block und Birgit Zimmermann

Dresden. Krippenspiel, Stollen, Plätzchen - auch in Sachsens Justizvollzugsanstalten (JVA) weihnachtet es. Rund 3.500 Menschen verbringen die Adventszeit und die Festtage hinter Gittern.

Einige können unter bestimmten Bedingungen in Hafturlaub gehen oder wenigstens stundenweise ihr Gefängnis verlassen. Für die anderen organisieren die Anstalten Weihnachtsfeiern mit Gottesdiensten. Zum Teil gestalten Häftlinge Krippenspiele, in den Gefängnissen Görlitz und Waldheim spielen sogar Posaunenchöre bei Gottesdiensten an den Feiertagen.

Die Adventszeit im Justizvollzug sei eine besondere Herausforderung, sagt Justizminister Jürgen Martens (FDP). „Gerade da ist für die Gefangenen ihre Lage in Unfreiheit besonders deutlich spürbar.“ Die Mitarbeiter in den Strafanstalten sind sensibilisiert. Vom Psychologen bis zum Seelsorger haben sie sehr offene Ohren. Es gibt ausgiebige Besuchszeiten der Familien, an einigen Orten auch am Heiligabend. Für Abwechslung und Kurzweil sollen Turniere im Tischtennis, Darts, Kicker, Skat und Schach sorgen. In der JVA Görlitz gibt es traditionell ein Volleyballturnier, bei dem Gefangene gegen Bedienstete antreten.

Für festliche Stimmung sorgen vielerorts auch die Gefangenen selbst. Sie schmücken Tannenbäume und Haftstationen, backen Stollen und Plätzchen, basteln Geschenke. So verbreiten auch in den kärglichen Fluren im Jugendgefängnis Regis-Breitingen Bäumchen aus Plastik Vorfreude auf das Fest - trotz nackten Betons, grauer Zellentüren und vergitterter Fenster. Unter einer Digitaluhr baumelt ein gefalteter Weihnachtsstern aus grauer Pappe.

„Melancholische Stimmung“ in der Jugendhaftanstalt

„Weihnachten“, sagt Abteilungsleiter Thomas Porr, „herrscht eine melancholische Stimmung“. In der Strafanstalt sitzen 250 Jugendliche zwischen 14 und 24 Jahren ein - die meisten wegen Gewaltstraftaten. „Es ist ein schwieriger Monat. Natürlich fühlt man sich einsam“, erzählt ein 22-Jähriger, der wegen Körperverletzung in Haft ist und das erste Mal Weihnachten hinter Gittern verbringen muss. Insgesamt werden 220 Häftlinge die besinnliche Zeit in dem Jugendgefängnis verbringen. „Es ist nicht so, dass die alle hier sitzen und todtraurig sind“, sagt Porr. „Aber sie haben Zeit und nutzen sie zum Nachdenken.“

Nach Angaben von Anstaltsleiter Uwe Hinz ist es nicht einfach, die oft aus völlig zerrütteten Verhältnissen kommenden Jugendlichen in Adventsstimmung zu bringen. „Es gibt viele, die das klassische Weihnachten mit Familie und Plätzchenbacken gar nicht kennen.“ Backen gehört daher ebenso zum Adventsprogramm wie die Weihnachtsfeier mit Angehörigen und ein Filmabend, an dem der Märchenklassiker „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ läuft. Außerdem werden Weihnachtslieder und ein Krippenspiel für Heiligabend geprobt.

Wer will, kann sich in Regis-Breitingen sogar eine eigene Gans bestellen. Auch der 22-Jährige, der seinen Namen lieber nicht nennen will, plant mit seinen Flurgenossen einen Weihnachtsbraten: „Die ganze Piste kocht.“ Auch in den anderen JVA sind der Adventskaffee mit Stollen und Selbstgebackenem keine Seltenheit. Inhaftierte können an Familienbegegnungstagen auch Adventsfeiern für ihre Lieben ausrichten, mit ihren Kindern spielen und basteln. Im Frauengefängnis Chemnitz finden regelmäßig Adventsandachten statt.

In Dresden kommt sogar der Bischof ins Gefängnis

In Dresden will der Bischof des Bistums Dresden-Meißen, Heiner Koch, den Gefangenen persönlich „zumindest ein wenig den Trost der Weihnachtsbotschaft“ vermitteln. Koch leitet dort am Heiligabend zwei katholische Gottesdienste. „Weihnachten gilt als Fest der Menschlichkeit und ist für alle Gefangenen eine besonders schwere Zeit“, sagt er.

Aktuell sind im Freistaat 3.505 Frauen und Männer im Alter zwischen 15 und 65 Jahren in Haft. Weitere 39 Gefangene sind schon älter als 65. Und es gibt auch zwei kleine Kinder, die mit ihren straffällig gewordenen Müttern im Frauengefängnis leben. Dort gibt es am 24. Dezember eine Bescherung unter einem reich geschmückten Baum, wie die JVA-Leiterin Eike König-Bender berichtet. Die Erwachsenen fiebern indes dem Festschmaus entgegen. In den zehn Anstaltsküchen stehen traditionell Würstchen oder Schnitzel mit Kartoffelsalat, Geflügel, Kaninchen, Wild oder Rollbraten auf dem Speiseplan. Der Verdauungsschnaps danach ist allerdings tabu. (dpa)